Gehen Sie regelmäßig in die Oper? Die meisten werden wohl antworten „Selten“ oder sogar „Bewahre.“ Das ist schade, würde ich sagen. Wenigstens Zauberflöte oder Fidelio sollte einmal im Leben sein. Schließlich sind wir eine Kulturnation. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Es bleibt ja immer noch die Rockoper …..
Mit der Musikklasse am Gymnasium waren wir im „Freischütz“ in Wiesbaden und in „Die Entführung aus dem Serail“ in Köln. Auf der Abschlussfahrt nach Wien stand der Besuch von „Orpheus und Eurydike“ in der Volksoper auf dem Programm, alles Pflicht im Bildungskanon NRW der frühen 1970er Jahre. Da musste man durch.
Etwa ebenso ging es einem Amerikaner knapp 100 Jahre früher: Im Sommer 1878 reiste ein gewisser Samuel Clemens durch Deutschland und die Schweiz, sein Pseudonym: Mark Twain. Vom Studienort Heidelberg aus besuchte er einmal die Oper in Mannheim. Gegeben wurde Wagner’s „Lohengrin“. Nun gibt es viele Opernarten: italienische, barocke, Mozarts und dann – die Krönung für Ohrenschmalz und Sitzfleisch (habe ich mir sagen lassen) – Wagner.
In „A Tramp Abroad“ führt uns Twain mitten hinein: „Das Knallen und Dröhnen und Krachen (auf der Bühne) war unvorstellbar.“ Der quälende, erbarmungslose Schmerz sei in seinem Gedächtnis haften geblieben wie die erste Besuch beim Zahnarzt, schreibt er. Twain war gerade 33 Jahre alt, schon ein berühmter Autor, aber sozialisiert am Mississippi und im „Wilden Westen“ von Virginia City. Immerhin genießt er den Hochzeitsmarsch und lobt ihn in höchsten Tönen.

Er habe herausgefunden, teilt er uns Lesern mit, dass es nichts gäbe, was den Deutschen so sehr gefalle wie eine Oper. „Sie mögen es, nicht auf milde und gemäßigte Weise, sondern mit vollem Herzen. Dies ist ein legitimes Ergebnis von Gewohnheit und Bildung. Auch unserer Nation wird die Oper nach und nach gefallen, zweifellos.“ Seine bissige Ironie ist unüberhörbar. Einer Sitznachbarin in der Oper in Mannheim vertraute er an, dass der Sänger schlecht sänge. Sie stimmte ihm zu, aber der Sänger habe hohe künstlerische Verdienste in seiner Laufbahn erworben. Er antwortete ihr, sie entdecke für ihn eine freundliche Eigenschaft der Deutschen, die es wert sei, nachgeahmt zu werden. Denn jenseits des Teiches sei man nicht ganz so großzügig: Wenn dort ein Sänger seine Stimme und ein Springer seine Beine verloren habe, würden diese keine Vorstellung mehr bereichern.
Twain hat die Wagner-Oper überlebt und den Deutschen der frühen Kaiserzeit seine Bewunderung für die Treue zum großen Künstler ausgedrückt. Sein Aufenthalt in Heidelberg und Umgebung macht er zu einer Entdeckungsreise in die Kultur und Gesellschaft des Gastlandes. Als wir am Sonntag durch die Altstadt spazierten, fühlte man förmlich einen Mark Twain irgendwo in den Kneipen sitzen. Mit ihm würde ich jederzeit noch einmal in die Oper gehen – zur Not auch eine von Wagner.


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