Feuer, Wind und Wissenschaft

Es gibt sie wirklich, die Wissenschaft der Feuerökologie. Ein ganzer Forschungsverbund unter Professor Johann Goldammer an der Universität Freiburg beschäftigt sich damit, seit Jahren! Aber wird Wissenschaft gehört?

Die Antwort ist „Nein!“ Ein Editorial heute in der Washington Post zitiert eine Studie von 2014, die das Szenario der Feuersbrunst auf Maui, welche die Stadt Lahaina in kurzer Zeit zerstörte, exakt voraussagt. Das gilt nicht nur für Feuerökologie, auch für Hochwasserforschung oder – derzeit erneut in den Schlagzeilen – Epidemiologie. Die meisten hören weg, wenn irgendwo „Experten“ zitiert werden, mehr noch: Es gilt in Querdenker-und rechten Kreisen weltweit als Schimpfwort, wenn nicht gar als Indiz für globale Verschwörungen der Mächtigen. Man muss nicht in den Mittelmeerraum oder nach Nordamerika schauen, die Hochwassergefahr im Ahrtal war bestens erforscht (siehe Intererview mit Professor Jürgen Herget von der Universität Bonn).

Wie kann es soweit kommen? Sind nicht Methodik und Aussagen von Wissenschaft das einzige, was uns noch von (Aber)Glauben trennt? Ist nicht gerade Wissenschaft der Weg zur Emanzipation des menschlichen Geistes und der klaren Trennung zwischen Wissen und Glauben?

Ich war 25 Jahre verantwortlicher Redakteur einer Wissenschaftszeitschrift und hatte engen Kontakt zu hunderten Wissenschaftlern in Deutschland und Europa. (Jürgen Herget war einer der Wissenschaftler im Beirat meiner Zeitschrift.) Es war mein „tägliches Geschäft.“ Ihre Beiträge deckten alle Themen ab, von Sozialem Wandel über Globalisierung, Stadt- und Raumplanung, Umwelt- und Klimawandel, Biodiversität, Rohstoffe und Ressourcenschutz, Agrargeographie – es ließ sich noch ein Dutzend aufzählen.

Zugegeben, ihre Aussagen zu kontoversen Themen war zuweilen überaus vorsichtig und nur dem Insider in ihren Konsequenzen verständlich. So ist Wissenschaft: Sie entwickelt die Erkenntnisse behutsam, ist offen für Widersprüche und Gegenthesen und bereit, bei neuen Erkenntnissen altes Wissen zu revidieren. In der Pandemie wurden wir Zeuge dieses Prozesses, der nicht wenige verunsicherte. Darunter auch die Politik, die Maßnahmen zur Eindämmung eines in seiner Wirkung noch unbekannten Virus auf dem Tagesstand des Wissens verbindlich festlegen und immer wieder anpassen musste. Für Medien und ihre Nutzer war das eine Überforderung. Zudem betrafen diese Maßnahmen unterschiedliche Bevölkerungs- und Berufsgruppen unterschiedlich stark, man denke nur an Schüler oder Selbständige.

Beim Forschungsgegenstand „Klimawandel“ ist es ähnlich. Hinter dem Begriff verbergen sich Myriaden von Einzelphänomenen, kleinräumlich und global. Irgendwann wurde der Begriff auch in der Wissenschaft zum Mantra, über den ich hinweg las. Und den Medien ging es ebenso, alles war irgendwie Klimawandel, verbunden mit teilweise moralisierenden Schuldzuweisungen auf den Einzelnen und seinen Lebensstil. Wenn dies keiner mehr hören will, ist das ein kollektives Versagen von Gesellschaft, Medien, Bildung. Eine tatenlose oder schlecht kommunizierte Politik ist dann nur ein Abbild davon.

PR für Wissenschaft

Was tun? Wissenschaft braucht PR. Wissenschaftsjournalisten sollten Top-Rollen in den Redaktionen erhalten. Wissenschaft muss stärker in die Öffentlichkeit (sie tut es zunehmend z.B. in Talkshows, wird aber in der Regel von Politprofis abgebürstet). Live-Interviews in Nachrichtensendungen haben immerhin zugenommen, jedenfalls bei uns. Aber dazu bedarf es eines rhetorischen Trainings; Wissenschaftler sind nicht gewohnt, Themen „zuzuspitzen“. In den USA sind immer noch ex-Generäle oder ex-Staatsanwälte die gefragtesten „Experten.“.

Katastrophen sind lokal, Katastrophenschutz auch

Die Ahrtal-Katastrophe hat gelehrt: Katastrophenschutz ist Sache des Landkreises. Seitdem wird für mich Lokalpolitik stärker relevant. Mein Landrat soll im Lagezentrum bleiben und nicht in der Nacht nach Hause gehen, wie im Ahrtal geschehen. Unsere Landrätin gab neulich Tipps zu Verhalten und Vorsorge bei längeren Stromausfällen. Gut so.

Bebauungspläne, die jeder einsehen kann, bevor er eine Immobilie kauft, zeigen Gefährdungszonen. Das Haus am Bach oder Waldrand ist vielleicht langfristig keine gute Investition.

Hochwassermarker an der Wand der Brasserie L’Ancienne Douane in Haguenau (Elsass)

An einer alten Hauswand im elsässischen Hagenau fiel mir neulich eine Hochwassermarke auf. Vom kleinen Flüsschen Moder war weit und breit nichts zu sehen.

Hier zeigt sich ein falsches Sicherheitsdenken: Na und, alle 200 Jahre ein Hochwasser? Aber die Frequenz erhöht sich, 200-Jahr-Events werden zu 20-Jahr-Events.

Rücksichtslose Bebauung, rücksichtslose Rodung, Monokulturen, Flussbegradigungen, Zerstörung von Auen und Küstenvegetation (Mangroven in den Tropen), alle Fehler sind bestens erforscht und benannt. Wissenschaft steht gegenüber Kommerz und Korruption im Hintertreffen. Es rächt sich zunehmends.

Nachtrag am 27.8.2023: One scientist can be wrong. But deny scientific consensus at your peril. THE GUARDIAN online, 27.8.2023


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5 Gedanken zu “Feuer, Wind und Wissenschaft

  1. Du hast sowas von recht. Auf was sollen unsere Entscheidungen sonst basieren, wenn nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen? Man darf natürlich nicht blind allen Wissenschaftlern vertrauen, denn auch die können sich täuschen. Aber was besseres haben wir nicht.

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    1. Absolut richtig. Wissenschaftler sind meist untereinander und sich selbst gegenüber die größten Kritiker. Nur so funktioniert das überhaupt: Hypothese, These, Antithese. Fachaufsätze werden nur nach einem rigorosen „Peer Review“ veröffentlicht, d.h. auf Methodik und Schlussfolgerungen von „peers“ = fachkompetenten Kollegen geprüft. In der Pandemie gab es dafür kaum Zeit, und so gelangten sich widersprechende Hypothesen zum Virus in die Öffentlichkeit. Presse liebt Zoff und dabei wurden Wisenschaftler gegeneinander ausgespielt. Kein Wunder, dass das Vertrauen gelitten hat.

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      1. Ja das ist schon verrückt. Am liebsten würden Menschen in die Zukunft reisen, um zu sehen was auf sie zukommt, oder sie erfinden AI-based predictions, oder schauen gebannt in die Glaskugel, nur um mehr zu wissen … und dann teilen Wissenschaftler mit, was sie wissen … und dann … will es keiner hören

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      2. Stimmt. Ich vermute, es fällt uns leichter, etwas zu glauben, als uns mit überprüfbaren Fakten herum zu schlagen. „Wissen zu schaffen“ ist halt mühsam. 🙂

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