Traum vom Auswandern

Wer träumt nicht davon? Diesen ganzen Schlamassel hinter sich lassen, neu anfangen, ein anderes Leben gestalten, nach Vorne blicken. So geht es nicht nur Menschen am Euphrat, am Hindukusch oder am Tschad-See. So ging es auch Millionen von Deutschen zwischen 1820 und 1940. Für fünf Millionen war Hamburg in dieser Zeit der Startpunkt in ihre neue Welt. Auf den Schiffen der HAPAG begannen sie ihre Reise übers Meer mit der Hoffnung auf Neubeginn. Darunter waren politische Flüchtlinge, Abenteurer, Träumer oder solche, die aus Armut gezwungen waren, ihr Glück jenseits des Atlantiks zu versuchen.

Das Hamburger Auswanderer-Museum auf dem Gelände der ehemaligen BallinStadt in Georgswerder liegt abgelegen von den Highlights der Hafenstadt. Man kann es mit den Barkassen der Maritime Circle Line erreichen, mit der S-Bahn (Station Veddel) oder mit dem Auto von der A1 Ausfahrt der B 75. Albert Ballin, Gründer und Chef der HAPAG, einst die größte Schifffahrtslinie der Welt, hatte auf dem Hafengelände eine Stadt errichtet, komplett mit Kirche, medizinischen Einrichtungen, Übernachtungsmöglichkeiten und der Lebensmittelversorgung für jene Passagiere der HAPAG, die das Geld für eine Passage (oft im Zwischendeck) aufbringen konnten. Die Versorgung in der BallinStadt beim Warten auf die Schiffspassage war im Ticket eingeschlossen. Mit der Bombardierung Hamburg im Zweiten Weltkrieg verschwand die BallinStadt in Trümmern.

2007 eröffnete jenes Museum auf dem Gelände am Südufer des Elbearms. Drei der ursprünglichen Gebäude wurden dazu rekonstruiert. Im Museum ist Migration insgesamt dokumentiert, vom 19. Jh. bis heute. Push- und Pull-Faktoren sind illustriert mit Sprüchen oder Zitaten aus Briefen. Das Museum verdient mehr als das Dutzend Besucher, das gestern dort zu sehen war. Erst recht, wo doch Migration das beherrschende politische Thema bei uns und in Europa ist.

Träume vom Auswandern in ein besseres, jedenfalls ein neues Leben beherrschte nicht nur die Literatur des 19. Jahrhunderts, von Karl May bis Mark Twain. Es überlebt bis heute in sogenannten Reality Shows obskurer Fernsehkanäle, auch wenn dort das „neue“ Leben schon in Mallorca beginnen soll. Ich warte noch auf die Dokumentation aus jenem pakistanischen Dorf, aus dem Dutzende in ein neues Leben aufbrachen, das auf dem Grund des Ionischen Meeres endete. Sie hatten keine BallinStadt und ein sicheres Ticket an ihr Ziel, sondern ließen für dieses neue Leben Geld und Schulden beim Menschenhändler.

Webseite des Auswanderermuseums Hamburg: ballinstadt.de

Auf der anderen Seite: New Ulm, Minnesota: Identitätssuche in Deutsch. Reiners.blog, 30.3.2021


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3 Gedanken zu “Traum vom Auswandern

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