Nichts ist verwirrender als wenn uns Journalisten versuchen auf die Klimafolgen hinzuweisen. Da schlagen sie oft übers Ziel hinaus.
Die globale Durchschnittstemperatur heute sei die höchste der vergangenen 125.000 Jahre, schreibt die Washington Post. Sie zitiert Forscher, die unser Paläoklima rekonstruieren und dazu eine ganze Reihe von Indizien haben. Das ist eine dramatische Aussage, aber sie läuft wie viele Aussagen zur globalen Erwärmung ins Leere. Wer erinnert sich schon an das Jahr 4.312 v. Chr.? Und was heißt schon globale Durchschnittstemperatur an einem bestimmten Tag? In Südmarokko wird es heute an die 50 Grad sein, auf der Antarktischen Halbinsel vielleicht minus 20 Grad. So jedenfalls sieht es der Laie.
Ich checke bei ChatGPT: Die globale Durchschnittstemperatur liefert Informationen über den langfristigen Trend des Klimas und ermöglicht es, Veränderungen im Laufe der Zeit zu verfolgen. Sie ist ein Maß dafür, wie sich die Temperaturen auf der Erde im Durchschnitt verändern und ob sich das Klima erwärmt oder abkühlt, schreibt mein KI-Kobold. Allerdings sei es wichtig zu beachten, dass die globale Durchschnittstemperatur ein abstraktes Konzept und nicht unmittelbar in jedem Teil der Welt spürbar ist. Die KI sollte die Artikel schreiben (sorry, liebe Kollegen von der schreibenden Zunft!). Eure Schlagzeilen von heute verwirren eher, als das sie aufklären.
Genau da liegt das Problem zur öffentlichen Darstellung der globalen Erwärmung. Journalisten wollen mit immer dramatischeren Schlagzeilen wachrütteln, damit Akzeptanz für Gegenmaßnahmen geweckt wird. Wenn also heute der heißeste Tag seit 125.000 Jahren gewesen sein soll, dann ist das eine Catch Phrase, die das abstrakte Konzept einer globalen Durchschnittstemperatur eher verschleiert als erhellt. Der Wissenschaft tun sie damit keinen Gefallen. Deren Aussagen zum Klimawandel beziehen sich auf Indikatoren über lange Zeitreihen und nicht über Einzelereignisse.
Leider gilt das auch für das Klimaziel von 1,5 Grad. So oft es genannt wird, so wenig deutlich wird seine Relevanz: Der Satz müsste jedes Mal lauten „Die globale Durchschnittstemperatur darf nicht stärker als 1,5 Grad über ihrem Wert aus vorindustrieller Zeit steigen, um katastrophale Folgen für die Menschheit zu vermeiden.“ Dazu muss übrigens der CO2-Ausstoß weltweit um 48 % im Vergleich zu 2019 gesenkt werden.
Aber auch das ist höchst abstrakt, weil 1,5 Grad angesichts von Tagesschwankungen um 10 Grad und mehr nicht besonders dramatisch klingen. So laufen auch alle Warnungen, das 1,5 Grad-Ziel werde nicht erreicht, ins Leere. Kein Durchschnittsbürger wird daraus eine Dramatik ableiten, die zum schnellem Handeln zwingt. Ich kann nachvollziehen, wie alarmiert die „Fridays for Future“-Generation oder die Aktivisten der „Last Generation“ sind. 2030, wenn diese Generation zwischen 30 und 40 ist, wird die globale Durchschnittstemperatur aller Wahrscheinlichkeit um mehr als 2 Grad gestiegen sein. Das Klima reagiert aber nicht linear, sondern sprunghaft, unvorhersehbar und chaotisch. Extremwetter und Meeresspiegelanstieg werden überall die Regel sein und Klimaflüchtlinge drängen in die Länder der sogenannten gemäßigten Breiten. Diese geographische Bezeichnung hat sich dann erledigt.
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