Die von Menschen gemachte Katastrophe am Dnjepr lässt mich nicht los. Im Gegensatz zu Waldbränden, Hurrikans oder Vulkanausbrüchen, die man getrost „Mutter Natur“ zuschreiben kann, ist dies ein willkürlich herbei geführtes Desaster. Kein Kriegsziel, außer dem einer puren Vernichtung, kann das rechtfertigen. Dazu läuft es in Zeitlupe ab, wobei die Bilder von überschwemmten Städten und Dörfern nur die unmittelbar sichtbaren Folgen sind. Unsere Aufmerksamkeit wird bereits in ein paar Tagen versiegen, wenn die Medien wieder mit Donald, Harry oder Micky Maus beschäftigt sind.
Ein mehr als 150 km langer Stausee entleert sich, samt Fischbestand und womöglich belasteten Sedimenten (vom Kühlwasser für Europas größtes Kernkraftwerk gar nicht zu reden). Das alles ergießt sich ins Schwarze Meer. Im Umfeld von Granatenbeschuss und Schlächtereien (englischsprachige Medien sprechen zuweilen von meat grinder, wenn sie die Kämpfe um Bakhmut oder Mariupol beschreiben) mit bislang zehntausenden Toten mag das wie ein Luxusproblem klingen.
Aber ein einfacher Blick auf die Region via Google Earth zeigt die Bedeutung für die Landwirtschaft – die Preise für Getreide an den Rohstoffbörsen sprangen nach oben. Von den Agrarexporten aus dem Kriegsgebiet hängt das Wohl und Wehe von Millionen in Afrika und Nahost ab. Wohl gemerkt, eine Katastrophe in Zeitlupe. Das Wasser des Dnjepr ist zur Bewässerung nicht mehr vorhanden. Wehe, es wird ein trocken-heißer Sommer – und der wird in einem El Nino-Jahr vorausgesagt.
Dämme weltweit regeln Hochwasser und sind Reservoirs für trockene Zeiten. In unseren Erdkundebüchern bringen wir Schülern deren Bedeutung bei – meist am Beispiel des Nils und des Assuan-Staudamms. In der Tageszeitung THE HINDU las ich heute einen Beitrag über das 100-jährige Jubiläum zum Baubeginn des Mettur-Damms am Mittellauf des Kaweri-Flusses in Südindien. Er wurde nach knapp zehnjähriger Bauzeit im Jahr 1934 fertig gestellt – in der Ära der britischen Kolonialmacht – und ist einer der größten Staudämme Indiens.



Er regelt einen kontinuierlichen Wasserfluss in das Kaweri-Delta, der Reiskammer Südindiens und des Bundesstaates Tamil Nadu. Er überbrückt dabei die Trockenzeit zwischen den Monsunen. Die Öffnung seiner Schleusen zur Reisauspflanzung im August ist ein gefeiertes Ereignis.



Ich stelle mir vor, die drei südindischen Bundesstaaten Kerala, Karnataka und Tamil Nadu wären selbständige Staaten (ihre Bevölkerung allein ist vergleichbar mit größeren europäischen Ländern) und würden im Krieg die Dämme des Gegners sprengen. Zehner Millionen Menschen wären ohne Arbeit und ohne (Haupt-)Nahrung. Wer bloße Vernichtung will, hätte ein einfaches Mittel in der Hand. Deshalb sind Dämme, wie auch andere zivile Einrichtungen, im Krieg tabu.
Zivilisatorisch scheinen in diesem Krieg längst alle Tabus und metaphorisch alle Dämme gebrochen zu sein. Ich weiß nicht, ob das in Moskau und Sankt Petersburg – beides eigentlich zu unserem Kulturkreis gehörende Metropolen – überhaupt wahrgenommen wird. Der Kontinent, der historisch und aktuell gern der Welt einen Spiegel für Recht und Ordnung vorhält, zerschmettert seine Glaubwürdigkeit derzeit in Windeseile. Übrigens, unsere Doppelzüngigkeit aus der Vergangenheit führt dazu, dass zwischen Kairo, Delhi, Hanoi und Kuala Lumpur der Kopf über europäische Belehrungen mehr denn je geschüttelt wird – von denen aus Washington ganz zu schweigen.
Am Beispiel des Damms am Dnjepr wird deutlich: Abgründe von Krieg und Terror haben noch längst nicht ihre volle Tiefe erreicht.
Kommentar von Simon Tisdall in THE GUARDIAN, 10.6.2023
What lies behind Russia’s extreme violence? THE GUARDIAN, 11.6.2023
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Ja, das ist furchtbar, erst macht das Wasser alles platt und wenn’s dann abgeflossen ist, ist dort auf Jahre Wüste. Das ist schon groteske über Weizenlieferungsabkommen und Sondergenehmigung zu diskutieren… vom kommenden Winter ganz zu schweigen
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