Wenn Talsperren gesprengt werden

Wir wurden gerade an den 80. Jahrestag der Bombardierung der Möhnetalsperre erinnert (Mai 1943). In der Flutwelle Richtung Ruhrgebiet kamen mehr als 1200 Menschen ums Leben. Heute erfahren wir, dass ein Staudamm am Dnjepr gesprengt wurde und sich eine Flutwelle Richtung Kherson und Schwarzes Meer wälzt.

Ich weiß nicht, ob Fassungslosigkeit mein Gefühl richtig beschreibt. In diesem Krieg bleibt mir schon längst keine Fassung mehr übrig. Ich vermute, dass es mit ähnlicher Brutalität bei den Bombardierungen in Nordvietnam und später im Irak zuging. Damals sah eine breite Öffentlichkeit bei uns solche Kriege als weit weg in Wüsten und Reisfeldern an, Demonstrationen dagegen in Deutschland wurden als „anti-westlich“ und „pro-kommunistisch“ diffamiert. Und zur „Terrorbekämpfung“ waren alle Mittel recht.

Angriffe auf zivile Infrastruktur sind in einem Krieg verboten – was sagt das schon, wenn ein Krieg sämtliche Normen und Vereinbarungen außer Kraft setzt. Fakt ist: Der Dnjepr, einer der größten Flüsse Europas, ist Frontlinie zwischen den russisch besetzten Gebieten in der Ukraine und dem Rest des Landes. Der Kachowka-Damm staut einen See auf, der etwa ein Drittel der Fläche des Bodensees entspricht. Von ihm aus gibt es Kanäle zur Wasserversorgung im Nordwesten der Halbinsel Krim. Die Regierung in Kiew hatte schon im Oktober 2022 darauf hingewiesen, dass der Staudamm von „russischen Terroristen“ (Zitat Präsident Selenskyj bei tagesschau.de) vermint wurde. Eine Sprengung würde zu einer „Katastrophe großen Ausmaßes“. Das ist jetzt eingetreten.

Beide Kriegsparteien beschuldigen sich gegenseitig, aber es liegt nahe, wer ein größeres Interesse an zerstörter Infrastruktur hat (selbst wenn die Folgen im Fall des Kachowka-Damms auch die besetzte Seite betreffen würde). Jedenfalls bahnt sich eine Katastrophe für Leib und Leben, für die Umwelt und für Industrie und (Land-)Wirtschaft am unteren Dnjepr und auf der Krim an, die ihresgleichen sucht.

Dabei hat die Offensive gerade erst begonnen. Nicht absehbar, was bei einer Politik der verbrannten Erde seitens der Besatzer vom befreiten Land übrig bleibt.

Man kann sicher sein, dass die Brutalität dieses Krieges zunehmen wird, als ob Bucha, Mariupol oder Bahmut (Namen, die man vor einem guten Jahr nicht einmal gekannt hätte) nicht schlimm genug gewesen wären. Für die Ukraine steht die Existenz auf dem Spiel – und wohl auch für uns. Man kann hier in die Tasten hauen, zum Ballermann abhauen oder – meine Option für heute – sich die Kopfhörer aufsetzen und John Lenon’s „Imagine“ hören.

Imagine there’s no countries

It isn’t hard to do

Nothing to kill or die for

and no religion, too.

Imagine all the people

livin‘ life in peace.

Zu den Folgen des Dammbruchs ein gut illustrierter Beitrag aus der Washington Post online, 7.6.2023


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