Die Wahl ist gelaufen, der Sieger steht fest. Die Wahlbeteiligung war auch im zweiten Wahlgang sehr hoch (mehr als 80 % von rund 64 Millionen Wahlberechtigten), die Auszählung der Stimmen ging schnell. Recep Tayyip Erdogan erhielt 52,2 % der Stimmen, Kemal Kilicdaroglu 47,8 %. Das ist ein klares Ergebnis, aber kein Erdrutsch. Die Wahl hinterlässt wie schon bei den Wahlen zuvor ein politisch zweigeteiltes Land. Es lohnt ein zweiter Blick, weil es erhebliche regionale Unterschiede gibt.

Quelle: Aljazeera.com, eigene Bearbeitung
Die Küsten an Ägäis und Mittelmeer (mithin die Urlaubsregionen), die Metropolregionen Istanbul (samt der „europäischen“ Türkei) und Ankara sowie die kurdischen und andere Gebiete im Osten haben dem Kandidaten der Opposition die Mehrheit gegeben. Der Amtsinhaber hat seine Wähler hingegen mehrheitlich in Anatolien, an der Schwarzmeerküste und in den vom Erbeben betroffenen Gebieten.
Ich habe hier beispielhaft einige Regionen samt Fotos dazu ausgewählt (vgl. Zahlen in der Karte von AlJazeera). E = Erdogan, K = Kilicdaroglu, Zahlen in Prozent.
(1) Izmir E: 32,87 K: 67,1

(2) Ankara E: 48,77 K: 51,23

(3) Adana E: 45,59 K: 54,05

(4) Mersin E: 39,73 K: 60,27

(5) Konya E: 72,99 K: 27,01

(6) Sanliurfa E: 64,86 K: 35,14

(7) Nevshehir E: 66,54 K: 33,46

(8) Kayseri E: 67,94 K: 32,06

(9) Diyarbakir E: 28,39 K: 71,61

(10) Rize E: 75,84 K: 24,16

(11) Tunceli E: 17,23 K: 82,77
Tunceli ist eine Besonderheit, da hier eine kulturell eigenständige Bevölkerungsgruppe lebt. Aber es ist für die Vielfalt der Politik in der Türkei erstaunlich zu sehen, dass sich das Wahlverhalten auf vergleichsweise kurze Distanz zwischen Rize und Tunceli komplett umkehrt.
(12) Malatya E: 71,96 K: 28,04

(13) Antalya E: 42,71 K: 57,29


Fast zwei Millionen türkische Staatsbürger im Ausland haben ihre Stimme abgegeben, das Wahlverhalten der Deutsch-Türken entsprach mit 67 % für Erdogan statistisch dem von Zentralanatolien.
Wahlsieg ja, aber mit geringer Marge. Wie immer man zur türkischen Politik steht, es lohnt sich zu differenzieren. Große und prosperierende Regionen in der Türkei haben mehrheitlich für die Opposition gestimmt. Das sollte man bei der mit Autokorsos zur Schau gestellten Euphorie hier nicht vergessen. Aber nolens-volens ist türkische Politik immer auch deutsche Politik.
Opinion | Erdogan won in Turkey. What does the West do now? – The Washington Post (31.5.2023)
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