Sind Pannen das Highlight?

Prolog: Wenn Unvorhersehbares über Dich herein bricht, sinkt der Mut, als ob eine „Sinking Area“ vor Dir liegt. Der Stein an einer Straße in Sikkim steht symbolisch für dieses ’sinking feeling‘. Das Foto* stammt von einer Reise nach Indien, die mich im April 1998 in drei Wochen kreuz und quer durch das Land führte. Mit einigen Überraschungen.

Stationen in Indien zwischen dem 4. und 26.4.1998

Jeder hat das schon selbst erfahren: Nicht das staunenswerte Bauwerk oder die tolle Aussicht sind der Stoff von Reiseerzählungen, sondern die Pannen und unvorhergesehenen Missgeschicke. Als Reiseleiter mit einer größeren Gruppe „im Gepäck“ aber können Pannen zu ziemlichen Albträumen werden.

Chennai, Juli 2000

Und jetzt stell Dir Indien vor knapp 30 Jahren vor: Handys waren nicht zur Hand, Internet gab es allenfalls in „Cafes“ und Festnetz-Telefonie in Kiosks an der Straße. So war eine Rundreise durch Nord- oder quer durch Südindien abhängig von sorgfältiger Planung, die keinen Raum für Improvisation ließ. Flüge, Bustransfers, Hotels und Zugverbindungen waren so abgestimmt, dass den Reisenden ein Maximum an Programm und Eindrücken in einem Minimum an Zeit geboten wurden (max. zwei Wochen). Dazu eigneten sich meist die Osterferien, dummer Weise die absolut heißeste Zeit in Indien (aber das nur nebenbei).

Feuertaufe als Reiseleiter. Full Circle, 16.10.2025

Zu meiner „Feuertaufe“ im März 1988 hatte ich hier schon berichtet. Vier weitere aufwendige Exkursionen (2 x Südindien/Sri Lanka-Kombination, Norden: Delhi-Varanasi-Gangtok und coast-to-coast Chennai bis Cochin) waren gut verlaufen und meine Erfahrung wuchs mit jeder Tour.

So war ich guter Dinge, als ich zehn Jahre später, im April 1998 auf eine weitere große Nordindien-Tour ging, die zu den extremen Enden des Subkontinents führen sollte. Zudem plante ich im Anschluss eine Weiterreise durch den Süden Indiens. Ich wollte meinen Sohn in den Bergen Tamil Nadus besuchen, der dort sein 11. Schuljahr in einem Internat verbrachte. Außerdem sollte ich in Bangalore vorbei schauen, wo wir eine Archiv-CD für eine unserer Fachzeitschriften produzieren ließen. Und zuguterletzt musste ich in einem Dorf bei Madurai eine Handpumpe „einweihen“, die ich mit Bekannten als Projekt gefördert hatte.

Ich habe keinerlei Tagebuch oder sonstigen Dokumente und nur wenige Fotos (wie oft kann man das Taj Mahal oder die Howrah Bridge fotografieren?). Dennoch sind mir viele Details in Erinnerung, und sie kommen zuweilen wie ein Memory Flash zurück.

Stopp an einer Straße in Zentral-Sikkim (April 1998)

Der Grund ist schnell genannt: Es war die erste von später noch acht weiteren Touren, die Jürgen, seine Frau und Freunde hier aus der Region mitmachten: Jürgen war damals mein Chef und wurde später ein guter Freund. Stell Dir vor, welchen Stellenwert Du im Unternehmen hast, wenn Dir eine Planungspanne nach der anderen passiert und der CEO ist mit dabei. Ich hatte also was zu verlieren.

Panne in Paris

Der Veranstalter hatte die Tour so organisiert, dass sich die Gruppe am Flughafen Charles de Gaulle traf. Freudige Begrüßung und erstes Kennenlernen, an jenem Samstagmittag (4.4.) Der Jumbo der Air India stand bereit.

Das Indien-Abenteuer aber begann schon hinter dem Gate: Wir hatten es uns in den Sitzen bequem gemacht, der Flieger wurde vom Gate zurück geschoben. Keine 50 Meter, da blieb er stehen. Wir hätten ein technisches Problem, gab der Pilot bekannt, die 747 fuhr zurück zum Gate. Eine halbe Stunde Warten, dann die Mitteilung, dass es heute leider keinen Flug nach Delhi geben könne. Alles weitere würden wir am Schalter erfahren.

Das sinking feeling kommt langsam: Erst denkst du, du hast dich verhört. Dann merkst du, wenn 300 Inder in der Kabine zum Ausgang drängen, kannst du nicht mit deinen 15 Mitreisenden einfach abwarten. Höflichkeit muss man sich leisten können. Ich versuchte mir am Schalter Gehör zu verschaffen „Wir sind eine Gruppe!“ Vergeblich, in Null-komma-nix waren Listen vorhanden, auf denen die Passagiere in Hotels rund um den Flughafen verteilt wurden. Für den Reiseleiter gab es keinen Ausdruck. Auf einem Zettel musste ich mir schnell notieren, über welche Hotels meine Gruppe verteilt wurde – die Busse warteten. Ich konnte die Teilnehmer noch beruhigen – alles wird gut, ich melde mich – bevor wir auseinander gerissen wurden. Merke: es gab keine Handys, um sich zu koordinieren!

Zum Glück waren Jürgen und meine Bekannten aus Braunschweig im selben Hotel. Die waren die Ruhe selbst und eher belustigt als frustriert: Man hatte ja Abenteuer Indien gebucht. Ich rannte zu einer Telefonzelle (mit Münzen, in Franc!) und erreichte zum Glück den Veranstalter in Berlin (an einem Wochenende!). Er versicherte mir, er werde den Partner in Delhi kontaktieren. Das Programm in Delhi würde um den einen Tag gekürzt werden müssen, das Hotel werde informiert und der Bus in Delhi warten.

Ich ließ mich ins Hotel karren, aber an Ruhe war nicht zu denken. An der Rezeption gab man mir eine Karte der Hotels in Roissy. Ich fand heraus, dass es eine Buslinie gab, die alle Hotels am Flughafen im Kreisverkehr miteinander verband. Also auf zur Rundtour. Ich fand die Reste der Gruppe in zwei weit auseinanderliegenden Hotels und konnte die Teilnehmer beruhigen: Die Reise verschiebt sich um 24 Stunden, aber alles ist organisiert. Genießen Sie die vornehme Bleibe, die uns Air India gegeben hatte.

An diesem Abend lernte ich schätzen, wie gut es war coole Freunde dabei zu haben. Jürgen war der Inbegriff davon: Was nicht zu ändern ist, solle man hinnehmen. Und darauf tranken wir eine Flasche Rotwein, auf Kosten von Air India (der französische Ober im Restaurant gab den Tipp!).

Tags darauf lief alles glatt. Kurz nach dem Start am frühen Nachmittag strömte der Geruch von leckerem Curry durch die Kabine – der Duft Indiens. Eine Stewardess bot Getränke an, Jürgen, der neben mir saß, wünschte sich ein Bier. „We have Kingfisher“ bot sie an. Jürgen war skeptisch. „Try it, you’ll get used to it!“ Es war sein erstes Kingfisher-Bier, weitere sollten über die nächsten zwölf Jahre in den Hotelbars quer über den Subkontinent folgen.

Standardprogramm, aber immer schön: Humayun’s Tomb, Delhi (hier 2004)

Meine Erinnerung hält keine Details mehr über die Ankunft in Delhi bereit. Wie üblich bei den Flugzeiten (Einreise nach Mitternacht, 6.4.) geht es erst spät nachts ins Bett. Aber das Programm musste früh morgens beginnen – einmal um Verpasstes aufzuholen, aber auch um nicht bei 40 Grad in der Mittagshitze barfuß über glühendes Pflaster laufen zu müssen. „Früh morgens“ war für Jürgen Horror – in seiner Küche daheim klebte ein Sticker „Der frühe Vogel kann mich mal.“ Aber der freundliche und gutklimatisierte Frühstückssaal des Hotels in Delhi hob die Stimmung. Ein Waiter fragte, wie er seine Eggs bevorzuge (fried, scrambled, boiled, omelett, tomatoe, cheese, ham …?). Er war irritiert. Ich riet ihm und den anderen zum Masala-Omelett. Das wars, ein Omelett mit Chillies. Jürgen war leidenschaftlicher Koch und das Masala-Omelett brach vollends den Bann über Indien. Auch hier galt ab jetzt: Bei den folgenden acht Reisen mit ihm begann jeder Tag mit einem Masala-Omelett. Es sollte noch weitere Rituale geben, aber dazu später mehr.

Schock in Agra

Auf das Getränk kommt es an (1998)

Wir absolvierten das Standardprogramm für Delhi (Red Fort, Qutb Minar, Humayun’s Tomb) und fuhren nach Agra weiter. Auch dort die Highlights: Taj Mahal und Red Fort. Nachmittags war für die Gruppe der Weiterflug nach Varanasi vorgesehen.

Der Flughafen von Agra war damals noch ein überschaubarer Landeplatz. Freudig checkte ich die Gruppe ein. „Sir, we are sorry. We are overbooked. One passenger is cancelled.“ Da war es wieder, das sinking feeling.

Diesmal reagierte mein Gehirn schneller als 72 Stunden vorher in Paris. Okay, wenigstens die Gruppe kommt mit, ich fahre mit dem Nachtzug nach. Ich informierte Jürgen und instruierte ihn, in Varanasi auf ein Schild mit meinem Namen zu achten. Dort wäre alles vorbereitet. Er zuckte mit den Schultern, no problem. Was ich nicht sagte (nur dachte): Gibt es überhaupt einen Nachtzug? Gibt es Tickets (in Indien sind Züge tagelang ausgebucht)? Ich winkte der Gruppe nach, die sich zu Fuß übers Flugfeld zur Maschine begab. In solchen Situationen ist man wie benommen, die Realität verschwimmt in einem dichten Nebel. Zum Glück, dachte ich, habe ich den Bus und den Fahrer noch, der kann mich zum Bahnhof bringen …

Sir, good news. One seat is left, you can take the military quota. Der Angestellte weckte mich aus dem Wachkoma. Tatsächlich müssen Airlines laut gesetzlicher Vorgabe Plätze für Beamte oder Militär vorhalten. Your bags are loaded, run! Und so sprang ich die Gangway hoch, die Tür schloss hinter mir und meine Gruppe klatschte Beifall – zur Verwunderung der anderen Passagiere. Jürgen trug die Botschaft im Gesicht: Its India. Never give up. Wir landeten in Varanasi, ein Teil der Gruppe mit Darmproblemen nach dem Flugzeugessen…

Varanasi: an den Ghats (1995)

Der frühe Vogel in Varanasi

Jeder Besuchstag in Varanasi beginnt für den Touristen sehr früh (5 Uhr). Nur so ist man rechtzeitig zur Bootsfahrt beim Sonnenaufgang am Ganges. Der Fußweg zum Ufer führt durch enge, sagen wir „wenig gepflegte“ Gassen. Aber so ist es nun mal. In Indien muss der Tourist den Umgang damit erlernen (Eine frühere Teilnehmerin aus bestem Hause meinte einmal, wer das nicht verkraftet, habe wohl die anale Phase nicht verarbeitet. Ziemlich frech).

Jene Bootsfahrten entlang der Ghats bei aufgehender Sonne und im schwülen Morgenklima sind schon etwas Besonderes. Ich habe das ein paar Mal gemacht und war jedes Mal beeindruckt. Indien in seiner archaischen Form, auch wenn dies schon 1998 nicht mehr das moderne Indien repräsentierte.

Ein von Touristen selten besuchter Tempel ist Bharat Mata gewidmet. Für Geographen ein Highlight, weil hier die heilige Geographie Indiens als Mother India in einem gigantischen Marmorrelief dargestellt ist.

Quelle: https://www.flickr.com/photos/hernesto77/6784254159

Nach dem Besuch legte Jürgen sich auf einen abendlichen Trinkspruch fest: „To Mother India!“ Es begann meist mit einer Flasche Kingfisher Super Strong – der Flüssigkeitsbedarf in der Hitze ist enorm – und ging später in ein Glas Old Monk Rum über – ein gleichfalls legendäres indisches Getränk.

Zweimal Nachtzug: ein Ur-Erlebnis

Mein Anspruch, den Teilnehmern meiner Exkursionen authentisches indisches Leben zu zeigen, schloss wo immer möglich eine längere Bahnfahrt ein. Die Abende an Bahnhöfen und das Einsteigen in die Nachtexpress- und Mail-Züge sind ein Erlebnis, das die Meisten ihren Enkeln noch erzählen.

Wir nutzten damals den Amritsar-Howrah Mail, der von Varanasi Junction um 17 Uhr abfährt und nach 14 Stunden und 760 km um halb 8 morgens in den Howrah Bahnhof von Calcutta einläuft. Die Skepsis ob dieses Abenteuers bei den Teilnehmern konnte ich damit überwinden, dass ich von eigenen Bahnfahrten quer durchs Land mit kleinen Kinder erzählte. Dennoch überwältigt das Gewimmel an den riesigen Bahnhöfen auch den Taffesten unter den Reisenden: Der Bus muss mitten im Getümmel halten, schon Aussteigen und die Bahnhofshalle erreichen – in glühender Hitze – ist ein Survival-Training. Und dann stürzen sich die rot-berockten, lizensierten Gepäckträger auf die Gruppe. Instinktiv greifen die meisten ihre Koffer noch fester. Jürgen gehörte zu denen, die sich sagten: Warum schleppen, wenn es andere für Dich tun wollen? Zudem fanden sie die reservierten Wagen wesentlich schneller (alternativ musst Du an jedem Wagen an die außen aufgeklebte Namensliste schauen, na Danke!).

Die Fahrt verlief pünktlich, tatsächlich hatte das Rütteln den meisten etwas Schlaf besorgt. Und so stiegen wir leicht verstaubt aus dem Expresszug auf einem der größten Bahnhöfe Indiens aus. Zuvor gab es das Ritual mit den Trägern in umgekehrter Reihenfolge: Bei der üblicherweise langsamen Einfahrt der langen Züge stürmen sie die Waggons. Die einzelnen Wagen sind zugeteilt, dennoch gibt es einen Kampf um Kunden. Erst recht die Foreigners aus der 1. Klasse. Diesmal ging alles gut, das Vertrauen der Gruppe, die Koffer in der Bahnhofshalle wieder zu finden, war gewachsen.

Bahnhofshalle Howrah, August 2017
Vorplatz und Howrah Bridge (1985)

Very British in Darjeeling

Kaum irgendwo ist die britische Kolonialzeit so präsent, wie in den Bergstädten Indiens. Und sie wird bewusst gepflegt, ja sogar touristisch vermarktet. In Darjeeling erwartete uns ein besonderes Beispiel.

Blick auf Darjeeling und den Kanchenjunga (Oktober 1988)

Wie in der Kolonialzeit nahmen wir nach drei Tagen in Calcutta (selbst Britischer als viele andere Städte in Indien) den Darjeeling Mail. Der fährt abends vom großen Bahnhof Sealdah ab und kommt morgens in Siliguri am Fuß des Himalayas an. Bei dieser zweiten Nachtfahrt war die Gruppe auf den Kulturschock vorbereitet – auch wenn ein Abend an Calcuttas großen Bahnhöfen sich jeder Beschreibung verweigert (es sei denn man ist Mark Twain oder Rudyard Kipling).

Mit Mark Twain in Indien. Reiners.blog, 21.1.2021

Kipling in Calcutta – eine literarische Spurensuche. Reiners.blog, 16.9.2017

Zu Darjeeling habe ich in diesem und Reiners.blog vielfach geschrieben. Der Veranstalter aber hatte eine besondere Perle vorbehalten: das Windamere Hotel.

Screenshot: Windamere Hotel | Historic British Heritage in Darjeeling

Der Gegensatz zwischen dem heißen, lauten, staubigen Calcutta und einem verschachtelten Gebäude mit Pavilions in einem Park mit Blumenbeeten und schmucken Spazierwegen; dazu der Duft von Kiefern an einem kühlen Abend mit klarer Luft war der Hammer. Jane Austen lebt.

Und ebenso die Etikette jener Zeit. Das Hotel legt(e) Wert auf gepflegte Manieren und entsprechende Kleidung zum Dinner. Dort saß man im Kerzenschein, Diener in schwarzen Jacketts und weißen Handschuhen servierten das Menü, beginnend mit Suppe (nein, nicht Mulligatawny, sondern eine klare Fleischbrühe) und dann Salzkartoffeln mit Gemüse und Braten. Es verschlug uns die Sprache, nach dem Chaos bislang. Entsprechend langweilig war die Bar (für Jürgen) und wir gingen früh zu Bett. Zudem machte die gute Luft in 2.200 Meter Höhe müde. Ein Diener legte jedem eine Wärmflasche ins Bett, zur kalten Jahreszeit würde im Kamin ein Feuer gemacht.

Das Frühstück auf der Terrasse unter Sonnenschirmen und im Schatten der Bäume war ein Traum. „Man könnte hier eigentlich immer Urlaub machen“ war Jürgens Urteil. Die Tage in Darjeeling und seinen Teegärten, die Weiterfahrt nach Gangtok in Sikkim liefen wie geplant.

Schulklasse in Zentral-Sikkim (April 1998)

Von Gangtok aus machten wir einen Tagesausflug nach Zentral-Sikkim und besuchten eine Schule am Wegesrand. Am letzten Tag ging es zurück durchs Teesta-Tal zum Flughafen Bagdogra. Von dort flogen wir abends (Freitag, 17.4.) nach Delhi. Diesmal ohne Pannen. Der Heimflug über Paris in die Heimatorte war frühmorgens am nächsten Tag geplant. Ich fuhr mit der Gruppe zum Flughafen und verabschiedete mich. Alle Teilnehmer kamen heil zurück!

Für mich begann zwei Stunden später am Domestic Terminal eine weitere Reise mit Pannen, für die diesmal kein Jürgen den Rücken freihalten konnte.

Anflug morgens auf Bangalore (April 1998)

Bangalore – Experiment beim Outsourcen

Ein Kollege im Verlag war neidisch auf drei CD-ROMs, welche zurück liegende Jahrgänge meiner Zeitschrift archivierten. Das war 1996 neu (wer kannte schon ein pdf?), die Produktionskosten waren sündhaft und das ganze lief als „Pilotprojekt“. Ein ähnliches Projekt für zehn Jahrgänge seiner Fachzeitschrift mit 60 Ausgaben wäre nur zu „indischen Preisen“ möglich. Jürgen gab mir für die Planung grünes Licht.

Ich fand im noch ganz frischen Internet eine Firma in Bangalore, die sich zu einem solchen Projekt bereit erklärte: 4.000 Seiten mit vielen Bildern, Karten, Textboxen, Tabellen musste revers digitalisiert werden. Per Luftfracht wurden die Zeitschriften nach Bangalore geschickt. Jede Seite wurde mehrmals gescannt: Text mit OCR, Bilder als jpeg. Dann wurden die Seiten und Hefte nach Vorlage neu aufgebaut. Buchstabe für Buchstabe – eine Heidenaufgabe. In Bangalore saß ein Dutzend Mitarbeiter Wochen lang an dem Projekt, im Verlag weitere sechs Mitarbeiter zum Korrekturlesen.

Aus den neu erzeugten Seiten wurden pdf’s für eine Archiv-CD exportiert. Am Schluss ein tolles Produkt, hergestellt zu einem ebenso tollen Preis. Wir waren den Mitbewerbern voraus. Zugleich war es das erste outgesourcte Projekt. Es dauerte aber noch 15 Jahre, bis meine Zeitschrift komplett in Indien produziert wurde – in Pondicherry. Aber das wäre eine eigene Geschichte.

Der Firmeneigner holte mich an jenem Aprilmorgen – einem Samstag – am Flughafen ab. Der lag damals noch mitten in der Stadt (als ich einige Jahre später mit der Kranichlinie von dort nach Hause flog, konnte man beim Start in die Wohnzimmer schauen). Wir frühstückten und fuhren zur Besprechung in die Firma.

Es war eine Freude, die jungen Leute bei der Arbeit zu beobachten. Wir vereinbarten ein Verfahren zum Korrekturlesen, mit Farbmarkierungen auf den Hardcopies für Satz- oder Layout-Fehler. Mit dem Teamleiter, einem Mit-20-Jährigen blieb ich Jahre lang in Kontakt. Er ist noch heute als Freiberufler für große Software-Unternehmen tätig. Damals begann alles mit einfachen IBM-Desktops und Plastikstühlen.

Ich konnte noch einen Mittagsschlaf halten, dann brachte mich mein Geschäftspartner zum Bahnhof. Er hatte eine Fahrkarte im Nachtexpress nach Madurai gebucht. Selten habe ich so gut in einem indischen Zug geschlafen. Ganze 24 Stunden ohne Pannen!

Wasser pumpen – mit Risiko

Der Zug kam frühmorgens noch vor der großen Hitze in Dindigul an, einer District-„Hauptstadt“, bei der ich früher meine Einkommenssteuer bescheinigen lassen musste. Von dort waren es nur rund 20 km per Bus über die N7 zur einer lokalen NGO. Ein langjähriger Freund, mit dem ich kleine dörfliche Entwicklungsprojekte organisierte und im Bekanntenkreis um Spenden bat, erwartete mich. Zudem lag die NGO auf der Route aller meiner Südindien-Exkursionen, weil dörfliche Entwicklung in den deutschen Lehrplänen thematisiert wurde.

Heute sollte es meine Ehrenaufgabe sein, in einem nahen Dorf eine kommunale Wasserpumpe der Bestimmung zu übergeben. Mein Freund war exzellent im Organisieren und hätte jedes mittlere deutsche Unternehmen managen können. Er war einer der wenigen Inder, der oft bei lästigen Pflichten zu sagen pflegte „It is our duty!“

Schlotternde Knie bei der Zeremonie (April 1998)

Das Dorf hatte sich versammelt, ein Brahmane sprach ein Gebet, läutete ein Glöckchen und bat mich dann, den Schwengel der Pumpe zu bedienen. Eine Zitrone wurde dabei zerquetscht, ein gutes Zeichen. Das Wasser begann zu fließen und mein Freund hielt einen blechernen Becher unter den Strahl. Es wäre eine Ehre, wenn ich den ersten Schluck des köstlichen Nasses tränke.

Meine Knie wurden schwach: unabgekochtes Wasser hatte ich in Indien noch nie getrunken. Ich sah mich in den nächsten Stunden und Tagen mit Bauchkrämpfen durch die Lande ziehen. Es half nichts, es musste sein („Its our duty!“). Und es ging gut (ich war bereit in irgendeinem Tempel ein Opfer zu bringen). Ich erwischte noch einen Bus in die Berge und freute mich auf die kühlen Palni Hills, meine frühere Heimat.

Händel’s „Messias“ in den südindischen Bergen

„Claverack“ – Wohnheim der Internatsschule

Kodaikanal ist Darjeeling 2.0: Ich traf meinen Sohn in seinem Dorm (für dormitory = Wohnheim) und konnte einige seiner geliebten CDs in meinem Koffer verstauen (er blieb noch zwei weitere Monate in Indien und reiste dann über Goa alleine zurück nach Hannover – als 17-Jähriger).

Am Kodai Lake (April 1998)

Ich wohnte bei einer guten amerikanischen Freundin, die einen kolonialen Bungalow besaß. Das Haus lag in einem bewaldeten Seitental nahe dem Lake und war eine Oase. Es war kurz nach Ostern und das Schulorchester samt Chor hatte eine Aufführung des „Messias“ in der Schulkirche eingeplant. Die Freundin lud mich am Abend spontan dazu eine. Es war eine exzellente, höchst professionelle Vorstellung und ich musste mich wieder einmal kneifen, um mich zu erinnern: Ich bin in Indien! Wie immer schaute ich noch bei der Familie unserer Ayah vorbei, die in der Unterstadt wohnte – ein freudiges Wiedersehen.

… und eine Fluggesellschaft, die verschwunden war

Für die Weiterreise an den Strand von Kovalam im äußersten Süden hatte ich mir einen besonderen Luxus gegönnt: ein Flug von Madurai nach Trivandrum, mit der ziemlich neuen East-West Airlines. Sie hatte von sich damit Reden gemacht, dass sie zum Beispiel Modenschauen während des Fluges veranstaltete.

Ich fuhr nach 36 Stunden in den Bergen bestens gelaunt hinunter in die Gluthitze, zum „Flughafen Madurai“ im Süden der Stadt. Der bestand eigentlich aus einer größeren Halle im Stil indischer Allerweltsbauten. Mitten in der Abflughalle hatte East-West-Airlines einen Schalter aufgebaut. Ich legte dem Angestellten mein Ticket vor. Der informierte mich ziemlich barsch: „No flight today!“ Keine weiteren Fragen, er gab mir das Cash meines Flugpreises und ließ mich ratlos stehen. Ein Mitreisender raunte mir zu, die Gesellschaft sei pleite.

Es war später Mittag, die Sonne stand steil über dem Süden Tamil Nadus. Was tun? Oh, dieses sinking feeling. Ich bin Geograph und habe zum Glück die Karte im Kopf: Der Flugplatz lag unweit der Nationalstraße, die schnurstracks Richtung Süden, nach Tirunelveli und zum indischen Südkap führt. Ich nahm ein Taxi für die wenigen Kilometer und suchte mir eine Bushaltestelle im Nirgendwo an der Straße. Das Busnetz in Tamil Nadu ist legendär, alle paar Minuten fahren Busse von überall nach überall zu Spottpreisen.

Dem nächsten, auf dem Kanyakumari drauf stand, winkte ich zu. Er hielt für mich an, ich sprang rein und nahm am offenen Fenster Platz, durch das die Backofenluft reinkam. Statt im Flugzeug saß ich in einem holprigen Bus und fuhr durch die staubtrockene Ebene von Tirunellveli. Nach vier Stunden war ich in Nagercoil, fand in der Dämmerung einen Bus nach Trivandrum und kam vom East Fort-Busstand im Dunkeln am Kovalam Beach an. Man hört irgendwann auf zu denken: das Rauschen des Ozeans tut ein Übriges.

Durchatmen in Kerala

Das Geld von East-West Airlines wurde in Bier und eine Massage investiert. Ich ließ für 36 Stunden die Seele baumeln und vertraute mich dann den staatlichen Bussen Keralas für die Weiterfahrt an, wahre Seelenverkäufer der Straße.

Kovalam Beach, Juni 1997

Dass ich Cochin lebend erreichte, halte ich meinem besonderen Karma zugute. Eine vornehme Bleibe mit Blick auf die Lagune von Cochin hatte ich mir verdient.

Hotel an der Waterfront von Ernakulam (April 1998)
Cochin (April 1998)

Vom Hotel aus gab es Fähren über die Lagune rüber nach Fort Cochin, aber auch vom Zimmer und der Bar war die Aussicht auf die untergehende Sonne mit einem kühlen Kingfisher ein Traum. Man konnte glauben, Vasco da Gama käme vorbei.

Konspirativer Heimflug

Vom alten Flugplatz Cochins auf Willingdon Island flog ich nach Bombay weiter. Ich hatte in der Presse wahrgenommen, dass Air India landesweit im Streik sei. Die werden irgendeine Lösung haben, dachte ich mir (E-Mails oder eine Mobilnummer waren ja nicht vorhanden). Ich landete in Mumbai am späten Nachmittag und fuhr rüber zum International Terminal. Diesmal gab es kein sinking feeling, es wäre mir auch egal gewesen. Man konnte problemlos einchecken, aber Fragen, wie man denn nun fliege, wurden nicht beantwortet. Bordkarte in der Hand, was will man da noch fragen?

Wir wurden spätabends per Bus zur Maschine gebracht, die weit weg parkte: schlichtes Weiß, ohne irgendeine Markierung oder den Namen einer Gesellschaft. Alles sehr mysteriös, aber der Start war pünktlich und ohne erkennbaren Probleme. Die Besatzung gab auch keine Auskunft. Erst auf dem Sicherheitsbogen in der Sitztasche erkannte ich: Es war eine aus einem Portugiesisch sprachigen Land gecharterte Maschine. Ein Streikbrecher mithin, der möglichst geheim gehalten werden sollte.

So flogen wir nach Frankfurt, halb leer. Der Anschluss nach Hannover klappte. Jedenfalls erreichte ich am 26. April frühmorgens mein Zuhause. Immerhin stand noch der Rest des Sonntags zum Ausruhen zur Verfügung.

Nachwort

Exkursionen mit Geographen nach Indien, selbst organisiert und durchgeführt, blieben bis 2011 eins meiner Hobbies im Jahresurlaub. Bei weiteren acht solcher Touren war Jürgen dabei, immer ein Fels in der Brandung zwischen Pech und Pannen.

*Alle Fotos stammen von gescannten Dias, die hier mit der WordPress K.I. leicht optimiert sind.


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

3 Gedanken zu “Sind Pannen das Highlight?

    1. Danke, Marco. Stimmt schon. Und wenn man mitten drin steckt (ich war damals 43 und topfit), merkt man es nicht einmal. Mein Freund Jürgen war auf den Abenteuern der kommenden zwölf Jahre immer dabei – cool in allen Momenten: Naturkatastrophe in Ladakh, Dschungelnacht auf den Andamanen oder bei der Not-OP eines Teilnehmers in Jaipur. Er starb vergangenes Jahr nach langer schwerer Krankheit, nur sechs Jahre älter als ich.

      Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.