An der Startbahn West

Plane Spotting ist nicht mehr meine Leidenschaft. Aber als heute Nachmittag eine B747 und eine A340 Richtung Mumbai oder Singapur über uns hinweg donnerten, kam mehr als Reisefieber auf. Wir waren an einem Ort mit Erinnerungswert. Ùber den Airportring erreichten wir einen Parkplatz an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens, Stacheldraht trennt uns von den Flugzeugen, die Richtung Süden beschleunigen.

An etwa dieser Stelle im Wald gab es vor 45 Jahren ein Hüttendorf, zum Teil mit Baumhäusern. Es war im Sommer 1981 der Höhepunkt der Protestbewegung gegen die Startbahn West. Man traf sich dort zu Diskussionen, Gottesdienst, Kaffee und Kuchen.

Protest gegen Startbahn West bei Zeitklicks.de

Wir wohnten damals in Mainz/Wiesbaden nur eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt und besuchten mit Freunden und unseren kleinen Kindern das Hüttendorf. Leider sind die Fotos dazu aus meinem „Archiv“ verschwunden. Aber ich fand noch eine Notiz in einem Kalender-Tagebuch von 1981:

Am 14.11.81 gab es eine Großdemonstration gegen den Bau der Startbahn in Wiesbaden, an der 120.000 Menschen teilnahmen. Ich erinnere mich noch, dass viele Bekannte aus dem Rhein-Main-Gebiet zu uns kamen. Die Schule an meinem Gymnasium im Zentrum von Wiesbaden fiel natürlich an jenem Tag aus.

Die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Startbahn verläuft im Westen des Flughafens. Dafür mussten im Stadtwald hektarweise Bäume gerodet werden. Der Stadtwald galt und gilt als Frankfurts „grüne Lunge“. Außerdem gab es Proteste gegen den zu erwartenden Fluglärm.

Das alles ist Geschichte: Für den Wald gab es Ausgleichsflächen. Die Raffinerie Kelsterbach nördlich der A3 wurde rückgebaut und wich einer zusätzlichen Landebahn. Und die Rhein-Main Airbase der Amis ist verschwunden und hat einem gerade eröffneten Terminal 3 Platz gemacht. Change all over.

Die Flugzeuge sind leiser und verbrauchen weniger Kerosin, der Flughafen ist mit mehr als 40.000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in Hessen. Und Frankfurt wäre ohne den Airport nicht europäisches Finanzzentrum.

Dennoch waren die Proteste 1980 und 1981 ein Warnzeichen an die Planer von Großprojekten. Nicht umsonst waren sie die Geburtsstunde der Grünen und der Beginn der Karriere eines Joschka Fischers.

Der verbleibende Wald am Westrand des Flughafen aber zieht immer noch Spazergänger und Radfahrer an. Auf einem Hang unter Bäumen haben es sich die Profis mit Thermoskanne und Teleobjektiven bequem gemacht. Wenn die Sonne im Rücken schräg steht und die großen Vögel beim Start auf die Gruppe zu rasen, dann klingt mir immer noch der Song von Reinhard Mey im Ohr. An die Demos vor 45 Jahren erinnert hier nichts mehr.


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