Zum Lebenstraum – auf die anstrengende Art

Im Leben trifft man unweigerlich auf Weggabelungen. Ich begegnete einer vor 44 Jahren; auf der Suche damals nach einem Traum. Gefunden habe ich ihn schließlich nur mit vielen Opfern. Aber vielleicht muss das so sein, sonst wäre das Leben ja zu leicht.

Im April 1982 standen die Abschluss-Prüfungen im Referendariat an. Ich war Lehrer an einem Gymnasium in der Innenstadt von Wiesbaden, wir – eine kleine Familie mit fast zweijährigem Sohn und einem zweiten Kind unterwegs – wohnten auf der zu WI gehörenden Mainzer Rheinseite. Statt mich mit Lehrproben zu beschäftigen, flog ich in den Osterferien 1982 für zwei Wochen nach Südindien. Meine Bewerbung für eine Anstellung an einer Privatschule hing im Gewirr von Postwegen, Kompetenzwirrwarr und Visumregelungen fest. Ohne meinen Traum aber fehlte mir die Motivation, das Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen zu Ende zu bringen.

Nun ist April wegen der großen Hitze vor der Monsunzeit wirklich nicht die geeignete Zeit, um nach Indien zu reisen. Es fiel mir schwer, meine Familie allein zu lassen, zudem hatte ich ein sehr knappes Budget. Ich erstand trotzdem ein Ticket nach Bombay, der Frankfurter Flughafen war nur eine Viertelstunde S-Bahn-Fahrt entfernt.

In meinen alten Ordnern fand ich ein Dokument, das ich auf Rautenpapier getippt hatte. Mit einem technischen Trick ist es mir gelungen, die pdf’s in das Textprogramm zu kopieren. Schreibweisen, Zeichensetzung etc. sind gegenüber dem Original fast unverändert. Ich hatte eine Spiegelreflexkamera mit Diafilmen dabei. Alle Fotos hier stammen aus dem April 1982.

29.3.82: Abends 20 Uhr, Abflug mit Egypt Air Airbus nach Kairo. Gepäckidentifizierung an der Gangway, strenge Sicherheitskontrolle. Im Flugzeug traf ich einen Bekannten aus (Mainz-) Kastel, der von Januar bis März einen Diavortrag zu Indien in der Kasteler VHS gestaltet hatte. Nach vier Stunden Flug Landung um Mitternacht in Kairo. Vielleicht zehn Transitpassagiere für Bombay, drei Stunden Warten.

30.3.82: Gegen 3.30 Uhr Abflug der Egypt Air-B707 nach Bombay. Ankunft in Bombay etwa 12 Uhr mittags Ortszeit, nach fünf Stunden Flug; in der Mittagshitze verursachen die Turbulenzen über dem Santa Cruz Flughafen, daß die Maschine durchstarten muß.

Nach der Ankunft zwei Eindrücke: die kochende Hitze und die Männer und Frauen, die mit Hacke, Schaufel und Tragekörben den Flughafen erweitern; schnelle Paß- und Zollkontrolle (30 Tage-Visum), Geldwechsel, Reconfirmation bei Egypt Air im Abfluggebäude, Fahrt mit dem Bus zum alten, jetzt Domestic Airport; aber der Flug um 14.30 Uhr nach Cochin ist schon im Security-Check, also für mich zu spät; Kauf eines Flugtickets nach Cochin, Reservierung für den 11.30 Uhr Flug IC 161 für den 31.3.; das Ticket kostet mit über 80 USD (=200 DM) dem doppelten als von mir erwarteten Preis.

Fahrt mit dem Bus in die Stadt zum Gateway of India, einer mir vom letzten Besuch vertrauten Gegend; Telephonat vom alten YMCA zum neuen YMCA-International Guest House bestätigt meine Reservierung von 14 Tagen zuvor; Fahrt mit Taxi dorthin (in der Nähe von Bombay Central Station gelegen)

Vor Bombay Central, April 1982
1982: Doppeldeckerbusse neben Pferdekutschen nahe Bombay Central

31.3.82: Morgens ein Fotospaziergang durch die umliegenden Straßen. Um 9.30 Uhr mit der S-Bahn (1. class 12 Rps) nach Ville Parle, einer Trabantenstadt gegenüber dem Flughafen; vom Bahnhof zum Abfluggebäude mit Scooter. Es wurde höchste Zeit, denn ich war eine Stunde vor Abflug der Letzte im Check-in.

Gemüsemarkt, mitten in Bombay

11.30 Uhr: Abflug der Indian Airlines B737, zwei Stunden Flug entlang der Küste, 13.30 Landung in der Gluthitze von Cochin, auf der Willingdon Island, einem mir ebenfalls vertrauten Flughafen; nach kurzem Feilschen Fahrt mit dem Scooter zum South Railway Station in Ernakulam, der Cochin’er Schwesterstadt auf dem Festland; das gegenüberliegende Premier Tourist Home, in dem wir vor drei Jahren gewohnt hatten, gabs noch, aber ein Zimmer fand ich erst im benachbarten Ernakulam Tourist Bungalow;

Anflug auf Willingdon Island über Fort Cochin (April 1982)

noch nachmittags Besuch im Prior’s General House des südindischen Karmeliten-Ordens, knapp 5 Minuten zu Fuß vom Hotel; Gespräch und gastfreundliche Bewirtung bei den Freunden von Pfarrer Kringe; am selben Abend noch Reservierung eines Platzes und Kauf der Fahrkarte für den täglich von Trivandrum über Cochin nach Bombay verkehrenden Kerala-Bombay Expreß (nach dem teuren Hinflug – ein Flug ohne Rückweg – fiel mir dabei ein Stein vom Herzen, denn es war der einzige Weg zurück nach Bombay, der für mich möglich und finanzierbar war). Bis zum 11. April war der Zug schon ausgebucht, ich reservierte für Ostersonntag, den 11.4.

1.4.82: Stadtrundfahrt durch die Lagune von Cochin mit dem Boot, drei Stunden entspannend, anschaulich und billig (Stationen ab Sealord Jetty: Dutch Palace, Jewish Synagoge in Mattancherri, St. Francis Church und Chinese Fishing Nets in Fort Cochin) und Besuch auf Bolghatty Island mit einem Geheimtip: einem aus einem holländischen Palast umgebauten Hotel. Spaziergang durch die Stadt, Abendessen in einem chinesischen Restaurant.

2.4.82: Abenteuerliche Bus-Odyssee: frühmorgens ab Cochin nach Munnar ins Cardamon-Gebirge, erst gegen Mittag weiß ich, wie’s von dort weiter geht: die direkte Bergstraße Munnar-Kodaikanal (laut Karte 70 km) ist unbenutzt oder unbenutzbar, deshalb gehts hinunter in die Ebene von Madurai nach Theni, Buswechsel am frühen Abend in Peryiakulam, Ankunft am Bushof in Battalakundlu um 7 Uhr, gerade als der letzte Bus nach Kodaikanal hoch, dessen Lichter man schon von Periyakulam sehen konnte, abgefahren war; Hotelsuche in einem namenlosen indischen Dorf, eins gefunden und bis 2 Uhr nachts geschlafen.

3.4.82: um halb 3 in der Nacht fuhr ein Bus durch die milde Nachtluft unter klarem Sternenhimmel die Berge hinauf; im Mondlicht konnte man die Landschaft erahnen; Panne auf halber Strecke, Reifenwechsel bei Lagerfeuer; in Kodaikanal morgens um 5 Uhr, dunkel und kalt; heißer Kaffee;

Wochenmarkt in Kodaikanal (April 1982)

beobachte die Umgebung mit angespannter, fast ängstlicher Erwartung; wie wird der Ort, an den ich schon seit fünf Jahren denke und an dem wir vielleicht leben werden, aussehen; die Sonne geht auf, ich laß mich zu einer hübschen Lodge abschleppen, wasche mich und mache einen ersten Rundgang irgendwo hin; ich erwische gleich einen der schönsten: Coalker’s Walk mit herrlichem Ausblick auf Stadt, Gebirge und Ebene.

Zaghaft frage ich mich zur Schule durch, die nur fünf Minuten von Bushof und Ortsmitte entfernt liegt, ich lasse mir den Weg zu Bob King zeigen, der aber nicht da ist; in seinem Haus, an Coalker’s Walk kenne ich mich ja inzwischen aus, treffe ich seine Frau, die mir sagt, er sei mittlerweile wieder in seinem Office;

dort treffe ich ihn dann auch, einen Bilderbuch-Amerikaner, füllig, glatzköpfig, freundlich, offen; wir sind überrascht voneinander, ich von seiner Person, er, daß ich da bin; er weist mich ein, zeigt mir etwas von der Schule erlaubt mir, ein Frühstück im Staff Lounge einzunehmen, macht mich mit Leuten bekannt; für den Abend lädt er mich zu einem Konzert in die Schulaula ein.

Da sitz ich dann, unerkannt und unbekannt unter den Zuhörern, höre Mozart, Beethoven und Eigenkompositionen in indischer Nacht, und spreche ganz zaghaft mit meiner Sitznachbarin, die ein Adoptiv-Kind auf dem Schoß hat, über das Leben in Kodaikanal; erzähle, wer ich bin; sie sagt „You really can get super friends here“, super klingt nicht nach amerikanischer Übertreibung, es bedeutet für mich innig, besonders, eng, herzlich.

Am Ende und am Ausgang stellt Bob mich noch einigen Leuten vor, aber ich bin so benommen, die innere Erregung, die Musik, die klare, reine Nachtluft mit den Geräuschen, wie sie in Filmen, die nachts spielen, immer so deutlich untermalt sind, daß ich keinen richtig wahrnehme.

4.4.-6.4.82: Ich lerne den Ort kennen; am Sonntag, den 4.4. umwandere ich den See, laufe kreuz und quer umher; bei den Mahlzeiten lerne ich eine Menge Kollegen kennen; am Montag werde ich gleich der ganzen Schule beim morgendlichen Break, einer Pause mit Informationsaustausch zwischen allen, vorgestellt; Besuch in Klassen, Informationsgespräche im Lehrerzimmer mit Kollegen, Einweisung durch Bob in Vertrag, Visum-Beantragung, Curricula; Gespräch mit Mrs. Mitchell, einer Deutsch-Engländerin und Geographie-Fachbereichsleiterin; Einkaufsbummel

Am letzten Tag (in Kodaikanal) schließt sich ein Kreis, der auf dem Bahnhof von Calcutta irgendwann im September 1977 begann, als mich ein gewisser Luther Meinzen auf die Schule aufmerksam machte; Mr. Meinzen war frühmorgens zum Sommerurlaub in Kodaikanal angekommen; ich suchte ihn auf und stellte mich kurz vor; er konnte sich beim Stichwort Calcutta 1977 sofort erinnern und fragte auch nach Jochen und Harald. am späteren Tag Treffen mit Bob, Luther und dem Principal, ich durfte ihn einfach Frank nennen; ein herzliches, freundliches Gespräch, aber ich schwanke zwischen Respekt und partnerschaftlichem Plaudern.

Bob verabschiedet mich mit einem „God bless you, son!“

7.4.82: Morgens um 9 Uhr fahre ich mit dem Bus nach Madurai ab; dort bin ich in das Haus eines Franzosen eingeladen, dessen Frau an der Schule Deutsch unterrichtet; die Strecke hinunter in die Ebene über schier unendliche Serpentinen kann ich jetzt nicht nur sehen, sondern durch die stetig zunehmende Temperatur auch fühlen; in Madurai, wo ich gegen 13 Uhr ankomme, ist es über 40 Grad im Schatten; mit dem Scooter zum Haus von Jean-Loup, einer Villa im vornehmen Vorort;

nachmittags in der Gluthitze Kultur zum Trotz: Besuch im Meenakshi-Tempel als Pflichtprogramm, die Touristen sind weg, ich absolviere die Tausend-Pfeiler-Halle, bestaune für einen Moment die mit Figuren beklebten Gopurams, versuche vor der Hitze zu fliehen;

doch die Sonne steht steil, so daß sich von Vordach zu Vordach hüpfe; Madurai gefällt mir, eine indische Großstadt mit dörflicher Atmosphäre; ich trinke in einem Kaffeehaus einen jener Kaffees aus Milch und löslichem Kaffeepulver, die ich so liebe; der Junge, dessen Aufgabe es ist, die Tische zu wischen, nutzt jeden Tropfen auf dem Tisch, um beim Abwischen in meiner Nähe zu sein; mit einem Augenzwinkern erfüllt einer der Bediensteten meinen Sonderwunsch nach ungesüßtem Kaffee;

abends bin ich mit Jean-Loup auf dem Dach seines Hauses; wir trinken Bier und warten auf seine Gäste und unterhalten uns; die Sonne versinkt glutrot über der Stadt, deren Silhouette durch kein einziges Hochhaus getrübt wird; um 22 Uhr kommen die Gäste, ein Deutscher, seit zehn Jahren in in Indien und ein Sikh mit Frau und Kind; reiche Inder mit guten Tips, wie man einen Video-Recorder und Blue Films reinschmuggelt, samt Bestechungsgeldern; die Leute sind freundlich, ihre Ideen widerlich; aber ich denk mir, auch in Indien – die nach westlichem Konsum lechzende Oberschicht – sucht kultureller Austausch?

8.4.82: Ich fahre frühmorgens ab Bushof Madurai nach Periyar National Park ab, genauer Kumili; mittags um 13 Uhr sind wir dort, wieder im Cardamon Gebirge, gleich hinter der Landesgrenze von Kerala; man sieht und riecht, wo man ist: Gewürzläden mit Säcken von Cardamon und Pfeffer;

dazwischen wächst sicherlich auch anderes: in einem Coffee Shop stoße ich auf bundesrepublikanische Freaks, die sich gegenseitig Tips über High-Trips geben; über Kodaikanal sagt einer: „Da mußt Du hin, irre Ort; da gibts Schulen und Frauen, sag ich Dir…“; ich habe ein Zimmer im Lake Palace Hotel gefunden, am unteren Ende der Straße, die den Ort Kumili ausmacht; mit einem indischen Paar chartere ich einen Jeep, der uns zum Eingang des Nationalparks bringt:

Im Periyar Nationalpark

etwas ungewiss ist, ob ich noch auf einem Boot mitfahren kann; schließlich klappt es, ich schließe mich einer indischen Gruppe – Familien mit Kindern – an; um 16 Uhr fahren wir los, der laute, heiße Bootsmotor spricht der zur Tierbeobachtung notwendigen Ruhe Hohn; wir fahren durch eine Landschaft wie von Dali, gemischt mit Romantik: Dschungel, See, wechselndes Wolkenspiel zwischen Gewitter und Schönwetter, schlaksige Baumstümpfe ragen aus dem Wasser und fordern uns zum Slalom auf;

es ist spannend wann sehen wir Tiere, welche; ab und an ein „Animal, Animal“ meiner indischen Mitfahrer, aber dann war es „nur“ ein Fischreiher, ein Eisvogel oder auch nur der Schein; endlich ein Elephantenpaar, das sich aber ins Dickicht zurückzieht; das Boot sucht sich einen Weg über diesen durch Buchten und Inseln zum Irrgarten gemachten See; schon auf dem Rückweg dann das imposante Erlebnis: eine Elephantenfamilie kommt auf dem Weg zur Tränke dicht ans Boot, fotogen, wirklich aufregend, irgendwie auch schön, da ich der einzige bin der fotografiert, brauche ich mich nicht mit stoßenden und schubsenden Neckermännern zu balgen; die indischen Fahrgäste geben mir gerne Platz.

9.4.32: Karfreitag; in Kumili haben nur die muslimischen und indischen Geschäfte geöffnet, und das sind wenig. Ich bin früh wach und möchte gern weiter; als gegen 7 Uhr ein Bus aus der Nähe von Madras auf dem Weg nach Kottayam, meinem Reiseziel, vor dem Coffee Shop hält, steige ich ein; bis nachmittags dauert die Fahrt hinunter in das Land der Kokospalmen und Reisfelder; ein junger Farmer, dessen Christ-sein ich am Rosenkranz erkenne, nimmt sich meiner Hilflosigkeit an; ich suche die Adresse eines Padres in Kottayam, ebenfalls einem Freund von Pfarrer Kringe; aber Kottayam ist keine Stadt, es ist eine unter Palmen verborgene Stadtlandschaft.

Wir fahren schließlich mit einem Bus ca.12 km hinaus, müssen uns durchfragen, laufen ein Stück durch diese Tropenlandschaft mit Palmen, Kakao- und Brotfruchtbäumen und gelangen in das Priesterseminar; unser Besuch überrascht aber der Pater ist nicht da; zurück zum Bahnhof von Kottayam, wo ich den Madras Mail für die 60 km-Fahrt nach Cochin-Ernakulam nehme; ich verabschiede mich von meinem hilfreichen Freund und finde gleich wieder einen Gesprächspartner: „What about Germany today…“ Abends um 6 Uhr bin ich wieder im Premier Tourist Home, auf „meinem“ Zimmer.

10.4.82: Ich stehe früh auf, will mir Cochin erwandern; mit dem Bus über die zwei Brücken nach Mattancherry, von dort laufe ich quer und planlos über die Insel durch die Kolonialstadt Cochin mit Kathedralen und alten Kolonialhäusern. Gegen halb 10n stehe ich am Strand in der Nähe der chinesischen Fischernetze, die Hitze ist schon unerträglich; ich beobachte die ein und auslaufenden Schiffe; wer war hier nicht schon alles: Römer, Thomas-Christen, muslimische Araber, Juden, Vasco da Gama, Tome‘ Pires und Franz Xavier, Holländer, Engländer und nicht zu vergessen Chinesen im 15. Jahrhundert; kein Wunder, Kerala empfindet sich als Nabel der Welt; mit dem Bus auf nach Willingdon Island, der Flughafen-und Überseehafen-Insel;

das Postamt, auf dem ein postlagernder Brief von Anne liegen könnte, lasse ich versehentlich links liegen, stattdessen setze ich mit dem Boot nach Ernakulam über, um rechtzeitig um 12 auf dem dortigen Hauptpostamt zu sein: kein Brief von den Lieben, ein Schmerz, der sich zusammen mit der stechenden Hitze zu einem betäubenden Gefühl verbindet; den Rest des Tages verbringe ich im Bett.

11.4.82: Ostersonntag; ich trinke Kaffee in einem Coffee-Shop in der Nähe des Hotels, es gehört einer Kooperative, die mich interessiert; ich versuche etwas zu erfragen, aber man versteht nicht, was mich interessiert; ich notiere mir die Anschrift von der Speisekarte.

Gottesdienst in Malayalam in der Kirche des Ordens, die Menschen sitzen auf dem Boden, die Kinder spielen im Hof und die Ventilatoren in dem bunt bemalten und blumengeschmückten Gotteshaus sorgen nur für wenig Kühlung; Abschied von den Padres, langes Gespräch (in Deutsch) über Geschichte von Kerala.

Meine Malaria-Tablette und ein eiskalter Mangosaft werden mir zum Verhängnis: um 12 Uhr Magenschmerzen und Brechreiz, eine Stunde bevor der Zug nach Bombay abfährt; ich setze mich mit meine winzigen Gepäckstück auf den Boden der Bahnhofshalle, die Schmerzen im Bauch lassen etwas nach; der Zug kommt, ich finde meinen Namen auf dem Wagen und lege mich gleich oben auf die Pritsche; die Hitze unter dem Wagendach nimmt den Atem; der Zug fährt los; pünktlich um 13 Uhr; an besonders verschwitzten Hautstellen, unter den Achseln und im Becken, bilden sich unter einem leichten Gribbeln, blasenartige Beulen; die Mundgegend wird taub. Ich fühle mich, als wär mein Gesicht geschwollen; die Fahrgäste beobachten mich ein wenig verwundert, ich habe das Bedürfnis, mit irgend jemand zu sprechen; das Gefühl, krank fast 40 Stunden im Zug zu sitzen, allein, macht mir Angst; ein junges Ehepaar aus dem gegenüberliegenden Abteil kümmert sich um mich, der Mann kommt auf mich zu und sagt, es sei eine Allergie, die schnell wieder vorbei gehe; auf jedem Bahnhof kaufe ich mir Kaffee; am Abend ist der Albtraum vorbei;

Familie im Zug Cochin-Mumbai 14.4.1982

Der Zug fährt durch die Pforte von Palghat von der Ebene ins Hochland des Dekhan, links die Schemen der Nilgiris, rechts das Anaimalai-Gebirge, dessen südliche Fortsetzung Cardamon heißt.

12.4.82: Dämmerung in Coimbatore, in Erode konnte man Abendessen bestellen, in Salem wird es serviert; als ich morgens wach werde, fährt der Zug mit seinem gleichmäßigem rattatatam schon nordwestlich von Madras durch das trocken-dürre Andhra Pradesh; Guntakal, der Knotenpunkt für die Linien nach Bangalore, Hubli, Bombay, Madras und Vijayawada, frühnachmittags erreichen wir Raichur;

irgendwo vor Gulbarga wird der Himmel schwarz: im Zug sehnt sich jeder nach einem kühlen Regenguß, am Horizont gießt es, ein Vorhang hängt über der Ebene ohne Ende; plötzlich hagelt es, durch die offenen Fenster fallen walnußgroße Eiskörner in den Wagen; sie schmelzen auf dem heißen Boden sofort, im Nu steht der Wagen unter Wasser; die Leute retten ihr Gepäck auf die oberen Liegen, der Zug bleibt auf freier Strecke stehen;

der Hagel war nur kurz, er bringt ein wenig Kühlung; einer packt ein Musikinstrument aus und alle singen Lieder; in Solapur gibts wieder Abendessen; ich gehe auf dem Bahnsteig spazieren, trinke Wasser. Nachdem ich eine geschälte Mango-Frucht gegessen habe, wieder eine leichte Allergie, die mich nicht schlafen läßt; um Mitternacht sind wir in Poona, wo ich einen Riesenbecher Kaffee trinke; dann Schlaf bis halb sechs morgens.

13.4.82: wir sind in Bombay Dadar Station, ziemlich im Norden der Stadt; fast alle Fahrgäste verlassen den Zug, auch meine Freunde aus dem Abteil; wer nicht nach Bombay, sondern weiterfahren will – das Paar will nach Jaipur, der fährt nicht in die Stadt;

die lange Wagenschlange setzt sich in Richtung Stadtmitte in Bewegung, um 7 Uhr hält der Zug, pünktlich, in der gewaltigen Halle des Bombay Victoria Terminus; ich summe die Züge, die auf der elektronischen Tafel angezeigt werden, leise vor mich hin; Ahmedabad, Varanasi, Nagpur, Dehli, Bangalore, Jammu Tawi.

Bis auf ein paar Rupien ist mein Geld weg; ich brauch aber noch welches für den Tag und die Flughafengebühr; mein Plan funktioniert: ich gehe die Treppe in den viktorianischen Wartesaal hoch, stelle mich in die Reihe vor der Dusch-Kabine, werfe mich in gebügelte und frische Kleidung und fühl mich schon mal wie neugeboren; der Staub der Eisenbahnfahrt ist ab und ich bin jetzt einer jener betuchten Touristen, dem man nicht ansieht, daß er gerade noch der billigsten indischen Eisenbahnklasse entstiegen ist;

ich laufe ein Stück zu Fuß zur Bushaltestelle, morgens um 8 ist Bombay noch leer; mit dem Bus fahre ich in die Nähe des Taj Mahal Intercontinentals und gehe auf das Gateway of India zu; hinter einem Gartengerätehaus kommt ein Typ auf mich zu „You have something to sell?“ die erlösende Frage; ich kann mit einem „May be“ meine Aufregung vor so unerfahrenem Tun nur mühsam überspielen;

ich öffne meine Tasche und zeige ihm meinen blauen Aluminium-Schlafsack, fasele was von „space-material, good for India“ und antworte auf die Frage „How much“ kaltblütig mit „Hundred“; er meint okay (habe ich zu wenig verlangt?) und ob ich noch was dazugeben würde; ich gebe eine alte Regenjacke für zehn dazu; das Geschäft ist perfekt, er haut ab, ich haue ab, gehe zum Pförtner des Nobelhotels und erfahre, das die Flughafenbusse am Nariman Point abfahren; nichts wie in ein Taxi, ein weltmännisches „Nariman Point, Air India Building, please“ und ich lasse den Ort des Geschehens hinter mir;

vor dem Oberoi Hotel setze ich mich erst einmal auf eine schattige Bank, schaue über die Back Bay auf Malabar Hill und atme durch: es ist geschafft, es wird ein schöner Tag! Mit dem Gefühl, Bombay zu verlassen, kann man die Stadt sogar wieder angenehm finden; ich europäisiere mich wieder, das ist am Nariman Point möglich: Büroangestellte hasten in die klimatisierten Räume von American Express oder Lufthansa; nur in den Nischen entdecke ich kleine Verschläge, Menschen die sich waschen oder Wasser kochen; ich setze mich in eine Bar, kalt klimatisiert und warte auf den Bus; ein Barkeeper serviert mir einen Kaffee.

Um 10 Uhr fahre ich mit einem Bus für mich allein zum Flughafen; die unendlichen Slums im Norden Bombays nehme ich noch wahr wie in einem Film über Entwicklungsländer, den ich Zuhause beim Abendessen sehe; Lethargie und Verdrängung aus Hilflosigkeit; das kanadische Ehepaar hinter mir im Bus, auf dem Weg nach Colombo, knipst aus dem offenen Fenster.

Im Innern des Flughafen ist man schon im Zentrum der Peripherie, der verlängerte Arm Frankfurts oder Londons; ich esse im Restaurant zwischen Geschäftsleuten paniertes Hähnchen mit Salat und Orangensaft; warten, warten, warten;

gegen Abend treffen sich so langsam die Passagiere des Egypt Air Flugs nach Kairo; beim Abendessen (Toast mit Salat) setzt sich ein Südwestafrikaner aus Windhuk zu mir und verflucht die „fucking city“; er fragt sich, ob er nicht zwischendurch noch in den Puff solle; aber spätestens in Bangkok;

14.4.82: um 3 Uhr ist das mysteriöse Check-in beendet, ich wurde untersucht, wahrscheinlich, weil mein winziges Gepäckstück Verdacht erweckte; ich bekomme eine ganze Sitzreihe für mich, links hinter der Tragfläche; ich verabschiede mich von Indien und lege mich kurz nach dem Start schlafen. Die Lichter gehen plötzlich an, ich werde geweckt, Frühstück wird serviert; der Kapitän kündigt an, wegen Nebels müßten wir in Luxor landen;

bei Sonnenaufgang stehen wir auf dem oberägyptischen Wüstenflugplatz; alles ein bisschen unwirklich, wir steigen aus, erhalten im überfüllten Flughafengebäude einige Drinks und dürfen zwei Stunden warten; um halb elf gehts weiter, der Nil mit seiner Oase wie im Erdkundebuch, die Arabische Wüste mit ihren Wadis und dann Landung in Kairo Heliopolis;

Der Nil zwischen Luxor und Kairo (April 1982)

drei Stunden werden wir im Beamtenwirrwarr des Zolls hin-und her geschickt, eine nervenaufreibende Sache; aber der Lohn fällt hoch aus: wir erhalten ein Transitvisum meinen Zwanzig-Mark-Schein brauchte ich unbedingt – und ein Traumhotel „Concord“ gegenüber dem Flughafen; fünf Sterne, Gepäckträger, Mittagsbüffet und die Zimmer, die Zimmer: eine Wucht, ein Riesenbad, Farbfernseher, Telefon, atemberaubender Komfort, keiner von uns kann es fassen. Nach duschen und essen fahren wir mit Stadtbussen ein-einhalb Stunden nach Giseh zu den Pyramiden, diagonal durch Kairo; ich wünschte, ich wäre nicht enttäuscht, aber von Kairo aus kommen einem die 5000 Jahre alten Bauwerke vor, wie für Touristen hingesetzt; einzig der Sonnenuntergang über der Wüste verlieh dem Ganzen einen romantischen Zug, die milde Luft und die Aussicht auf den guten Schlaf taten ein übriges.

Wir nahmen uns ein Taxi zurück nach Heliopolis, wo wir rechtzeitig zum Abendbüffet aufkreuzten; mit sechs Mark für eine Flasche Bier berappten ich mich meines letzten Geldes.

15.4.82: Mittags endlich hob der Airbus ab, um vier Uhr stand ich in Frankfurt meiner Frau und unserem kleinen Sohn gegenüber, Zuhause!

Der Kleine fremdelte mit mir, aber als ich im Auto sagte „Du musst links blinken“, da brach es aus ihm heraus; er lachte: „lings blingen, lings blingen…“ Wir waren wieder als Familie vereint. Drei Wochen später wurde unsere Tochter geboren.

Mein Fachleiter in Wiesbaden war schockiert, als ich ihm nach den Ferien sagte, meine Lehrproben seien noch in Arbeit. Von meiner Reise erwähnte ich kein Wort. Er war wütend. Hätte er nur gewußt, dass er mich mal kann: Ich hatte eine Stelle in Aussicht. Und damit brachte ich in den kommenden sechs Monaten das Referendariat erfolgreich zu Ende.

Bis zum Umzug nach Indien dauerte es aber noch weitere acht Monate.

Dem Himmel näher. Reiners.blog, 25.4.2025

Vor 40 Jahren: Aufbruch in eine andere Welt. Reiners.blog, 5.4.2023


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.