An grauen Wintertagen träumt man von tropischen Stränden. Umgekehrt gilt: wenn tropische Strände in der Nachbarschaft sind, sehnt man sich nach ein wenig Winter und Schnee. So oder so ähnlich ging es uns vor 40 Jahren. In den „Winterferien“ unserer Schule in Südindien verbrachten wir erst ein paar Tage am Kovalam Beach nahe der Südspitze Indiens, um von dort in einem riesigen Bogen nach Chandigarh und Kullu-Manali im Bundestaat Himachal Pradesh zu reisen. Von Kovalam bis Madurai fuhren wir per Bus, weiter nach Madras (heute Chennai) nahmen wir Indian Airlines. Im minimalistischen Gepäck waren also Bade- und Winterkleidung, Weihnachtsgeschenke nicht zu vergessen. All das auf den harten „Sleeper“-Liegen in der Second Class indischer Fernzüge.

Meinen 31sten Geburtstag „feierte“ ich im Zug von Chennai nach Calcutta, wo wir Gast einer deutschen Familie waren. Es ging weiter mit dem Upper India Express nach Agra, von dort per Bus nach Jaipur und Delhi. Schließlich erreichten wir Chandigarh, die Kombihauptstadt von Punjab/Haryana. Von dort flog täglich eine Propellermaschine der Vayudoot mitten in das Himalaya-Tal von Kullu-Manali. (Alle Bilder hier stammen vom Dezember 1985. Die Dias haben sich ins Bläuliche verfärbt!)




Das Flugzeug folgte dem Tal des Beas, einem großen Nebenfluss des Indus, und tauchte dann immer tiefer zwischen die Berge ein. Rechts und links vom Flugzeugfenster ragten die Berge in den Himmel – ein sagen wir gespenstisches Bild. Wir landeten auf dem kleinen Betonstreifen bei Kullu und nahmen einen Bus ins 30 km entfernte Manali.
Auf die Wintertemperaturen waren wir einigermaßen vorbereitet, unsere Kinder trugen das erste (und letzte) Mal in Indien Thermoanzüge! Die Temperaturen erforderten das: In der Sonne war es max.10 Grad, nachts ging es unter die Frostgrenze. Dabei blieben die meisten Tage trüb und grau.
So schön der Blick auf die verschneiten Gipfeln rundum war, so sehr fehlte uns ein wenig Schnee im Ort. Dennoch herrschte eine winterliche Atmosphäre. Wir hielten uns mit Spaziergängen in die Umgebung und leckeren Mahlzeiten warm.








Das Hotel hatte keine Heizung. Nachts kuschelten wir uns unter schwere Bettdecken, aber an Duschen in eiskaltem Wasser war nicht zu denken. Da erfuhr ich in einem Prospekt des örtlichen Tourist Office, dass es ein Badehaus weiter nördlich gäbe, welches von heißen Quellen gespeist werde.


Es war Heiligabend, warum sich nicht ein heißes Bad schenken? Wir nahmen einen Bus bis zur Haltestelle oberhalb und konnten tatsächlich eine der beiden kleinen Hallen mit Badepool ganz für uns buchen (Handtücher und ein Stück Seife inklusive). Eine Wohltat im Thermalbad zu planschen.
Ein Snow Feeling aber hatten unsere Kinder erst, als wir weiter Richtung Rohtang Pass fuhren. Dort müsste doch eine Schaufel Schnee zu finden sein. Die Piste führt übrigens jenseits weiter bis nach Leh in Ladakh.


Wir fuhren mit dem Bus zur Endhaltestelle am Anstieg zum Pass. Genau dort, wo er wendete, geschah das „Wunder“: Zwischen Geröll fanden sich Inseln von Schnee! Die Fahrgäste, die auf die Rückfahrt nach Manali warteten, waren über die Vierergruppe mehr als verwundert.




Es war wie gesagt Heiligabend. Im Hotel fand ich ein Kurzwellenradio, mit dem ich ein paar Fetzen Weihnachtslieder aus Deutschland ins Zimmer holen konnte. Kleine Geschenke für die Kinder hatten die Reise von der indischen Südspitze mitgemacht. Merry Christmas in Manali!

Unser Rückflug nach Chandigarh war für den 25.12. gebucht. Irgendetwas lag an jenem ersten Weihnachtstag in der (Morgen)Luft: Tatsächlich, frischer Schnee war gefallen. Wie heißt es? „Let it snow, let it snow“ Unsere noch nicht dreijährige Tochter lief mit ihren Schläppchen ohne Socken vor die Tür: „Dad, what’s this white stuff?“ Es war der erste richtige Schnee ihres Lebens.

Wir packten und nahmen den ersten möglichen Bus zum Flugplatz in Kulu. Das war unser Glück, denn die Straße war spiegelglatt und es kam wie es kommen musste: ein anderer Bus blockierte die Straße, war schräg in den Straßengraben gerutscht und hing in Telefonkabeln fest.

Ich sah uns den Rest des Winters im Himalaya verbringen. Aber unser Busfahrer kam dem Kollegen zu Hilfe: Mit einer Zange trennte er die Telefonkabel durch! „Now there is for some time no telephone in Manali“ meinte er lakonisch. Beide Busse kamen frei, weil Fahrgäste mit schoben, und wir erreichten den Flugplatz rechtzeitig für den Rückflug.


Unser Schneeabenteuer endete zwar in Chandigarh, aber bis zu unserem Zuhause im Süden Indiens waren es noch gut 2500 km: Mit dem Zug ging es zurück nach Delhi, weitere 36 Stunden im Kerala Express der Indian Railways lagen vor uns. Vom Bahnhof in Coimbatore waren es aber immer noch sechs Stunden in die Palni Hills. Back home, kurz vor Silvester!

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Bilder im Kopf, Danke!
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