Das rote Telefon

Er lag auf dem Bett und überflog Schlagzeilen, die man übersichtlich für ihn zusammengestellt hatte: „Gut, dass man miteinander spricht“ oder „Wer miteinander redet, der macht die Welt sicherer vor einem Atomkrieg“ – so wurde von Budapest bis Milano zitiert. Plötzlich klingelt ein Telefon, ganz wie zu Urzeiten. Er schreckte zusammen, wo war das Ding nur? Er fand es in der Schublade neben dem Bett, „Wie in einem Gary Crant-Film“ dachte er noch.

„Du Vlad!“ entfuhr es ihm freudig überrascht. „Schon zurück in der Heimat?“ „Ja ging schnell, diesmal mit der Zeit“ kam die Antwort aus Moskau. „Ein verdammt großes Stück Land hast Du da“ sagt er bewundernd. Meli kam aus dem Bad: „Wer ist dran?“ fragte sie. „Vlad.“ „Ach grüß ihn schön und frag ihn, wie es mit den Kinder läuft.“ Er hatte keine Ahnung, was sie meinte.

Im Telefon knackte es. Wie bei Sean Connery dachte er noch. „Du Don, eine Frage: Dich nerven diese Europäer doch auch!“ „Und ob“ schimpfte er. Diese Trittbrett fahrenden Snobs hatte er schon lange satt – und auf guten Wein und Käse konnte er verzichten. „Ich wollte dich fragen: Kann ich denen eine Lektion erteilen?“ „Was meinst Du damit?“ Er war gespannt. „Na ja“ – man merkte das gespielte Zögern am anderen Ende der Leitung – „ich dachte an ein kleines Bömbchen, nicht viel. Ein kleiner Blitz und ein Pilz am Himmel, nur ein wenig Strahlung – fast harmlos.“ Er nannte eine Stadt bekannt für Christstollen. „Die wissen wie das ist“ bemerkte die Stimme aus dem Telefon trocken.

Es wurde ihm unwohl, aber dann … „Vlad geht nicht. Wie seh ich denn aus, wenn ich still halte?“ „Kann ich verstehen“ kam es einfühlsam aus Moskau. „Ich biete dir an, such dir was gleich Großes bei uns aus. So was wie Jakutsk, weit weg von allem bei uns.“ Er wurde nervös, zum Glück konnte der Telefonpartner die Schweißperlen auf der Stirn nicht sehen.

„Don, du weißt, du schuldest mir was“ kam es mahnend aus dem Telefon. Stimmt, dachte er, ohne seine Hilfe hätte es 2016 nicht geklappt. „Aber 2024 habe ich es allein geschafft“ warf er ein. „Tja, Du hattest einen guten Lehrmeister“ klang es schnippisch aus dem Telefon. „Don, aber sag keinem was. Großes Ehrenwort unter Ehrenmännern, okay? Deinen Generälen und dem Pete sagst Du, wenn Alarmglocken läuten alles nur Übung!“ Das klang einfach und machbar. Zum Teufel mit der Öffentlichkeit. Man könnte sich ja anschließend zu einer großen Friedenskonferenz irgendwo treffen. Auf Sachalin oder Diego Garcia. „Is ’n Deal“ zwitscherte er.

„Super. Übrigens Don: Ich bin ein großer Bewunderer von Lincoln!“ „Lincoln ist gut“ bestätige er. Nicht ohne guten Wünsche und der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen endete das Telefonat. Das antike rote Gerät verschwand in der Schublade.

Später am Vormittag – er unterschrieb ein paar Dekrete im Oval Office – kam Pete leichenblass herein: „Lincoln ist weg!“ „Wie was? Lincoln ist schon lange tot.“ „Ich meine Lincoln in Nebraska. Über der Stadt steht ein Atompilz, vom Zentrum ist nichts mehr übrig!“ Jetzt wurde auch ihm speiübel. „Ich rufe Vlad an. Lass mich ein paar Minuten allein.“ Die Zentrale schaltete in den Kreml durch. „Vlad, bist Du wahnsinnig. So hatten wir das nicht vereinbart. Das hat Konsequenzen.“

„Reg dich nicht auf, meine Generäle haben sich in der Zielprogrammierung vertan. Irgendwie hatte unsere K.I. aufgeschnappt ‚Lincoln ist gut‘ Sorry, Don, kommt nicht wieder vor.“ „Ehrenwort?“ „Don, Du weißt: wir sind aus einem Holz!“ Er war so gerührt, Jakutsk vergaß er dabei. Glück für Sibirien.


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7 Gedanken zu “Das rote Telefon

  1. So kann es kommen, weil
    A) die KI spinnt
    B) die Mächtigen spinnen
    C) es in USA noch gleichnamige Städte nach europäischen Vorbild gibt

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  2. Bitterböse, aber so soll Satire sein. Man kann nur hoffen, dass zwischen den Entscheidungen und der Umsetzung noch irgendwo ein vernünftiger Mensch sitzt.

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    1. Ich hatte mich gestern mit einem Blog abgearbeitet, den ich dann ins „Private“ schickte. Ich habe ihn jetzt wieder – modifiziert – freigegeben. Satire kann die Realität manchmal erträglich machen. Aber allzu oft bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Erst recht, wenn die Realität die Satire um Längen hinter sich lässt. Zum Beispiel trug ein Teilnehmer der Delegation ein Sweatshirt mit CCCP drauf. Da wird einem doch ganz warm, so viel Nostalgie!

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      1. Sorry dafür. Ich zweifle manchmal, ob sich das fürs Bloggen eignet, weil die Webseiten voll mit Berichten und Analysen sind. So gebe ich einfach nur meine Gedanken zu Protokoll, freue mich aber über Kommentare. Dabei möchte man eher verzweifeln. Für meine Generation geht da gerade alles, was aufgebaut wurde, den Bach runter. Und als Historiker und Geschichtslehrer steht man sprachlos da. Ein amerikanischer Freund, Jahrzehnte lang in Asien und Europa gelebt und als Lehrer gearbeitet, schrieb neulich, er müsse mit jetzt 80 erkennen, wie sehr er persönlich und sein Land versagt hätten, wenn das jetzt politische Wirklichkeit wird. Bitter, sehr bitter 😕

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