Obwohl es klingt wie eine Folge aus „Länder-Menschen-Abenteuer“, der Trip war eher zivil: der Routenplaner auf dem Handy funktionierte wie daheim. Zudem ist Malaysia – West und Ost – ein Autofahrerland, nicht nur wegen der Benzinpreise. Die liegen konstant bei 0,45 €. Sondern auch wegen eines guten Straßennetzes. Und das gilt bis in entlegene Teile im Norden Borneos. Dennoch hatte mein Solo-Trip im Juli 2022 einige Challenges.
Bei Borneo denkt man an Kopfjäger und Nasenaffen, an Urwald und Orang Utans. Die müssen um ihr Habitat kämpfen, das Palmöl-Plantagen gewichen ist. Die Stämme der Dayaks sind inzwischen Bürger Malaysias und des Bundesstaates Sabah, wie Nordborneo jetzt heißt. Und ihre traditionellen Langhäuser sind meist nur noch Touristenattraktion.

Im Post-Covid-Jahr 2022 war ich allein mit dem Auto in Sabah unterwegs: Malaysia hatte gerade für Geimpfte geöffnet (mit ubiquitärer Maskenpflicht) und der Flieger nach Singapur war daher ziemlich leer, trotz eines Flugpreises, mit dem man heute nicht nach Malle kommt. Ziel meiner Reise war es, auf den Spuren des Zweiten Weltkrieges und des antikolonialen Widerstandes durch Sabah zu fahren.
„Vergangen, aber nicht vergessen“ – Weltsichten/Reiners.blog, 24.7.2022
Sandakan: interniert und gefoltert in Borneo – Weltsichten/Reiners.blog, 16.11.2019
Eine der längsten Fahrstrecken war die von der Insel Labuan bis zum Fuß des höchsten Berges Südostasiens, dem Mount Kinabalu (4.095 m): mehr als sieben Stunden ohne Rastmöglichkeit! Mein Vertrauen in Malaysias Infrastruktur war groß genug, um mich (damals schon mit Stützstock im Gepäck) der Herausforderung zu stellen.

Labuan ist eine administrative Besonderheit: Die Insel vor der Küste von Borneo und Brunei ist ein Bundesterritorium, mit besonders attraktiven Bedingungen für ausländische Investoren – sagen wir schlicht: ein Steuerparadies. Es hat täglich eine Flugverbindung nach Kuala Lumpur und ist nebenbei ein Ort für günstige alkoholische Drinks. Es stellt aber auch eine historische Besonderheit dar, denn hier wurde die japanische Kapitulation am 9.9.1945 unterzeichnet. Damit endete der Zweite Weltkrieg in Südostasien. Auf Labuan gibt es viele Gedenkorte und den größten alliierten Soldatenfriedhof in Südostasien. Wenige Monate nach Beginn des Ukraine-Krieges hat mich das besonders betroffen gemacht.
Nach einem guten Frühstück im Hotel im Osten der Insel ging es zum Fährterminal in der Innenstadt von Victoria. Tags zuvor hatte ich unter komplizierten Umständen ein Ticket erworben, da mir schwante, die Fähren könnten Tage vorher ausgebucht sein. Dem war nicht so: Es hätten noch ein Dutzend Autos untergebracht werden können.




Die wenigen Fahrgäste genossen die milde Morgenluft. Nach gut zwei Stunden erreichten wir die Anlegestelle in Menumbok. Da die gesamte Fahrstrecke noch vor mir lag, sputete ich mich auf die Landstraße. Sie führte durch flaches Schwemmland eines Flusses, bog dann nach Beaufort ab. Vor Erreichen der Stadt zeigte eine Abkürzung Richtung Kota Kinabalu. (Ich nutze hier Screenshots von Google Street View, um einige Eindrücke zu vermitteln. Am Straßenrand anhalten war unmöglich)

Nach 95 km und einem Tankstopp verließ ich die Hauptstraße, die derzeit in einen vierspurigen „Pan Borneo Highway“ zwischen Kuching und Kota Kinabalu ausgebaut wird, und bog nach Osten ab. Am Horizont tauchten die bewaldeten Höhen der Crocker Range auf, die den Norden Borneos durchzieht. Die Straße war gut ausgebaut und stieg schnell hoch in den Regenwald. Gerne hätte ich an- und ein wenig inne gehalten, aber es gab nicht einen einzigen Parkplatz oder gar Raststelle im Gebirge.


Google Maps markiert zwar einen Crocker Range Nationalpark, an der Straße aber verwies kein Schild darauf. In steilen Kurven ging es wieder hinunter in die Ebene und bei Keningau traf ich auf den Highway 500, der am östlichen Fuß des Gebirges nach Norden führt. Es ist eine intensiv agrarisch genutzte Region, mit Reise- und Gemüseanbau und Kaffee-Plantagen an den Hängen.

Kurz vor dem Ort Tambunan (205 km seit Menumbok und sechs Stunden nach der Abfahrt von Labuan) hatte ich einen Stop eingeplant. Im letzten Moment sah ich das Hinweisschild an der Straße:

Hier zwischen verstreut liegenden Häusern und Höfen liegt ein Memorial für den Volkshelden Sabahs: Mat Salleh. Der war ein Rebell, der es zwischen 1885 und 1900 mit dem örtlichen Territorialherren aufnahm: der Northern Borneo Chartered Company; eine semi-private Gesellschaft, welche die Ressourcen der Region ausbeutete und den verschiedenen Stammesfürsten die Hoheit zu Steuern und Abgaben entzog. Zu seiner Rebellion gibt es einen Wikipedia-Artikel (in Englisch), der zeigt, dass die zivilisatorische „Missionierung“, zu der sich die Briten berufen sahen, nicht ohne Widerstand abging – nicht nur auf Borneo.

Mat Salleh Rebellion bei Wikipedia (engl.)
An der Stelle, an der einst eine kleine Festung stand, gibt es einen Gedenkstein, mit folgender Inschrift:
„This plaque marks the site of Mat Salleh’s Fort which was captured by the North Borneo Armed Constabulary on the 1st February 1900. During this engagement, Mat Salleh, who for six years led a rebellion against the British Charted Company administration, met his death.„

Mat Salleh starb am 31. Januar 1900 im Kugelhagel. Der kleine Park war verlassen, wenngleich sehr gepflegt. Ich parkte mein Auto vor einem Haus und hoffte so etwas wie ein Cafe zu vorzufinden. Aber außer Wäsche auf der Leine fand sich Nichts.




Ein stiller Ort, keine Menschenseele weit und breit. Der Himmel wurde grauer, und in einem Monsunregen die Bergstrecke nach Ranau zu fahren, war mir unheimlich. Ich machte mich auf den Weg und passierte die Abzweigung nach Kota Kinabalu. Ab hier wurde die Straße kurvenreich, Siedlungen oder Tankstellen waren nicht zu sehen.



Kurz vor Ranau, einer Kleinstadt östlich des Kinabalu-Massivs, hätte ich gern einen Stopp an der Gedenkstätte des ehemaligen Kriegsgefangenen-Lagers für australische und britische Soldaten eingelegt. Allein, sie war nicht zu finden: kein Schild, kein Parkplatz, keine Wendemöglichkeit (immerhin: Google Street View hat ihn markiert!). Nach mehr als sieben Stunden ohne Toiletten- und Essenspause sehnte ich mich nach dem Ende der Fahrt.
In Ranau geriet ich in den Feierabendverkehr und bis nach Kundasang am Zugang zum Kinabalu-Nationalpark dauerte es eine weitere Stunde.
Direkt unterhalb des Felsens, auf dem das War Memorial für alle Gefallenen im Zweiten Weltkrieg liegt, konnte ich das Auto vor einem Schnellrestaurant abstellen, das über die bekannte Infrastruktur verfügt. Mit Heißhunger machte ich mich über Fritten und panierte Hähnchenschenkel her, so gern ich auf der Fahrt Nasi Lemak oder eine Nudelsuppe gegessen hätte. Dafür wurde ich mit einem grandiosen Blick auf den – Wolken freien! – Bergriesen belohnt. Und zu meiner Lodge waren es nur noch ein paar Kilometer.

Der auf Borneo liegende Teil Malaysias ist eine Reise wert. Dass ich in zehn Tagen dort ganze vier ausländische Touristen traf (auf einer Teeplantage), ist für mich ein weiteres Plus. Die Tour kann übrigens per Google Street View Meter für Meter „nach gefahren“ werden, ganz allein über eine 360 Grad- Kamera auf dem Autodach. Ich fürchte, das könnte die Zukunft des Reisens werden.
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