Interrail-Reisen im Jahr 1975 fanden in einer anderen Welt statt: Europa war in Ost und West geteilt, samt Stacheldraht quer durch. Immerhin: Ungarn und Rumänien hatten sich dem Ticket angeschlossen. Die EU bestand aus neun Ländern, Portugal, Spanien und Griechenland waren junge Demokratien und hatten gerade erst ihre Diktaturen abgeschafft. Es gabe keinen Euro, ich musste sechs oder sieben Währungen tauschen und nur Reiseschecks waren eine sichere Reisekasse – umständlich und mit Gebühren und Umtauschverlusten belastet. Grenzübertritte gab es nur mit Reisepass und Stempeln.
Es gab kein AirBnB, kein Internet, internationale Telefonate waren sündhaft teuer. Vor allem: es gab kaum Informationen für Travellers, alles musste per Post von den Touristbehörden angefordert oder im Reisebüro organisiert werden. An den Bahnhöfen musste ich mich um Unterkünfte bemühen, heute ein Click auf dem Smartphone. Das Fährticket von Brindisi nach Patras hatte ich ebenso gebucht wie den Flug von Athen nach Samos – der damals einzige Übertrittspunkt aus der Ägäis in die Türkei. Damit waren auch die Daten der Reise fixiert.





So kam ich an einem Augustmorgen 1975 mit der Fähre „Poseidonia“ in Patras an. Aus dem Tagebuch: „7.8.1975, 14 Uhr: Vom Schiff bin ich direkt in den Zug gestiegen, der hier nach Pirgos fuhr, 20 km von Olympia entfernt. Meine ersten Eindrücke: nicht ganz so heiß wie in Italien. Sehr viel erinnert an Deutschland. Der Zug war in der DDR gebaut, der Feuerlöscher im Wagen kam aus Baden-Württemberg. Das Bier, das ich hier trinke, ist Binding Frankfurt und sehr viele Leute sprechen Deutsch. Meine erste Bekanntschaft im Zug war eine Griechin, die in Solingen arbeitet. Als ich sagte, ich führe weiter in die Türkei, war sie direkt böse. Türken sind den Griechen verhasst. Zur Zeit suche ich noch eine Bank, bei der ich Lire in Drachmen umtauschen kann.“
Man muss sich vorstellen: Seit dem Sturz des Militärregimes im Sommer 1974 war Griechenland erst ein Jahr eine Demokratie. Das Land war im Umbruch und als Reiseziel so exotisch wie heute sagen wir Moldawien. Ebenfalls im Sommer 1974 hatte die Junta in Athen den Regierungschef Erzbischof Makarios auf Zypern gestürzt und versucht, die Insel Griechenland anzuschließen. Das provozierte die Intervention der Türkei und deren Einmarsch auf Nordzypern (wir wurden damals beim Bund in Alarmbereitschaft versetzt und hatten Ausgangssperre). Die Wunden waren (und sind bis heute) noch nicht verheilt. „Beim Geldwechseln im Busbahnhof von Pirgos habe ich lebhaft mit Griechen über das Verhältnis zu den Türken diskutiert. Als ich sagte, ich führe von Samos nach Kusadasi, meinten sie „Kill sie, kill sie alle!“ Einer, ein gewisser Christos, hat mich für heute Abend eingeladen, bei ihm zu übernachten.“
Die Aussicht auf ein ordentliches Bett nach Tagen in Zügen und auf der Fähre war ebenso verlockend wie die auf ein Abendessen. „Zum Griechen gehen“ war 1975 noch etwas Besonderes: Man saß auf Flokati-Teppichen und Tsatsiki oder Ouzo waren fast Fremdworte. Umso mehr freute ich mich über die Einladung von Christos. Nachmittags war ich noch am Strand von Katakolon, das heutige Kreuzfahrtterminal gab es nicht – ein recht einsamer Strand.
„Pirgos 22 Uhr: Also es ist schon phantastisch, was Griechenland alles bietet, und es ist kaum in Worte zu fassen. Die Gastfreundschaft kennt keine Grenzen. Ich hatte keine 10 Minuten am Strand gelegen, da wurde ich von einer griechischen Familie zum Kaffee eingeladen. Ich sollte gleich zum Abendessen bleiben und bekam eine Riesenschüssel mit Obst vorgesetzt. Erzählen musste ich über mich, über Deutschland, über meine Reise und Familie. Leider musste ich den letzten Bus zurück nach Pirgos nehmen, da dort eine zweite Einladung auf mich wartete.“
Es wurde ein tolles Erlebnis bei Christos: „Ein fürstliches Abendessen. Ich wurde all seinen Freunden als ‚filios Germanos‘ vorgestellt, so daß ich jetzt halb Pirgos kenne. Christos zeigte mir die Bilder von seiner Familie, eins hat er mir geschenkt. Eine Münzsammlung hat er mir ausführlich erklärt und einige alte griechische Münzen geschenkt. Alles in allem: als Deutscher muss man sich schämen, daß wir die Griechen, die bei uns arbeiten, so schlecht behandeln. Denn dass wir das tun hatte ich schon von verschiedenen Leuten hier gehört.“
Die vielen Erlebnisse und Begegnungen nahm ich als Alleinreisender besonders intensiv wahr. Hätte es Instagram gegeben, es wäre ein Hit geworden. So blieb nur das Tagebuch. Ich machte am folgenden Tag einen Besuch in Olympia und fuhr abends von Pirgos mit dem Bummelzug an der Westküste der Peloponnes nach Süden weiter. Die Bahnlinie gibt es heute nicht mehr, man kann sie aber bei der Satelitten-Ansicht von Google Maps noch in der Landschaft erkennen. Sie führt dicht am Meer entlang und die Sonne versank schon am Horizont. Da bin ich spontan einfach ausgestiegen….
„Strand von Kaiafa, 21 Uhr: Schon wieder verbringe ich eine Nacht am Strand, mit dem Rauschen des Meers. … Kaiafa liegt 40 km südlich von Olympia. Ein wunderschöner Ort und Strand, fast keine Touristen. Ein Kuriosum: der winzige Bahnhof liegt in einem Wädchen, 150 m vom Wasser entfernt!“ Im Mai 2018 fuhren wir die Strecke von Olympia mit dem Auto Richtung Kyparissia ab. Ich wollte feststellen, ob es diesen wundersamen Ort noch gibt – und siehe da: Wir fanden ihn wieder.


Der kleine Bahnhof an überwachsenen Gleisen ist heute ein Cafe im Nirgendwo. Sonst sah alles so aus wie vor fast 50 Jahren.
Es ist immer problematisch, alte Traumorte wieder aufzusuchen. Sie könnten sich im Zeitalter des Massentourismus als Albtraum herausstellen oder schlicht verschwunden oder zugebaut sein.

Aber in Kaiafa war das nicht so. Es war als träte man durch ein Tor und wacht in einer anderen Zeit wieder auf.
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„Zur Zeit suche ich noch eine Bank, bei der ich Lire in Drachmen umtauschen kann„
Das sagt so viel über die Zeit damals. Nur 50 Jahre und es fühlt sich an wie eine andere Welt. Ich weiß auch noch, wie wir im Urlaub an der einzigen Telefonzelle Schlange standen und ganze Tüten mit Münzen in den gefräßigen Automat warfen.
Danke für die tollen Erinnerungen!
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Gerne! Beim Eintauchen in jene Zeit wird mir immer bewusst, wieviel sich bis heute zum Besseren geändert hat. Aber vermutlich hätte man das 1975 auch zu 1925 gesagt 🙂
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Ja, 50 Jahre sind halt ganz schön lange. Wir sind alt.
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In den Knochen immer, im Kopf nimmer🤞
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