Parteien: Extreme als Mitte

Die Bundestagswahl vor vier Wochen und ihr Ergebnis sind unter dem Getöse aus den USA fast vergessen. Jetzt werden gigantische Schulden für Verteidigung und Infrastruktur diskutiert, die im Wahlkampf überhaupt keine Rolle spielten. Dabei sollte das Wahlergebnis genauer interpretiert werden. Sonst gibt es 2029 ein Ergebnis, wie es in einer unserer Nachbargemeinden in Sachsen-Anhalt zustande gekommen ist: In der Gemeinde Huy (5.747 Wahlberechtigte, Wahlbeteiligung knapp 60 %) erhielt die AfD 45 % und selbst das BSW noch mehr als 10 % der Stimmen. Mehr als jeder Zweite in der Gemeinde nordwestlich von Halberstadt fühlte sich also von den fünf klassischen Parteien (inkl. Linke) des politischen Spektrums nicht repräsentiert.

Dieses Ergebnis ist aber vergleichbar für ganz Sachsen-Anhalt:

Und das ist nicht irgendeine Fringe-Gegend, sondern der Mittelpunkt Deutschlands! In Dörfer wie Anderbeck, Dingelstedt oder Röderhof verirrt sich wohl kein Journalist aus Berlin oder Forscher aus der empirischen Gesellschaftswissenschaft.

Wir haben in den vergangenen Jahren sehr häufig Ausflüge in die Landschaft um den Huy, einem Höhenzug mit dem Benediktinerkloster Huysburg gemacht. Die Region ist nicht nur voll von Geschichte, die bis ins Hochmittelalter zurück reicht, sie ist auch einer der fruchtbarsten Ackerlandschaften in Deutschland.

Besuch in der Gemeinde Huy (Sachsen-Anhalt)

In den Dörfern am Nordrand des Huys fällt der einstige Wohlstand der Agrarregion ins Auge: ein Bahndamm ist noch in Resten zu erkennen, heute ein gut ausgebauter Fahrradweg, Häuser im Gründerzeitstil und Gutshöfe mit mittelalterlichen Ummauerungen. In Dingelstedt hat ein Immobilienmakler sein Haus mit dem Bahnhofsschild geschmückt.

Zwischen 1945 und 1990 regierten hier die LPGs, einige der Wirtschaftsgebäude sind erhalten und werden umgenutzt, andere zerfallen.

In den Dörfern findet sich Leerstand und Verfall direkt neben aufwendig restaurierten Gebäuden.

In Dingelstedt haben wir die Veränderungen wie im Zeitraffer beobachtet: sanierte Gutshäuser, neue Supermärkte, das Kopfsteinpflaster der Dorfstraßen originalgetreu saniert – nach Außen eine ländliche Bilderbuch-Idylle. Die Umgebung ein fruchtbares Ackerland, ein Agrarraum mit Getreide, Zuckerrüben und vieles mehr. Der frühere Güterbahnhof am Ortsrand ist jetzt ein kleines Logistikzentrum für die Agrarprodukte der Region. Ein großer Windpark ist in der Nähe und viele landwirtschaftliche Nutzgebäude haben Photovoltaik auf den Dächern.

Restaurierung der Kirche St. Stephan aus Bundesmitteln

An einem Sonntagnachmittag wirkt das Dorf wie ausgestorben. Neben Landwirtschaft – wohl hochmechanisiert – scheint Handwerk einziges wirtschaftliches Standbein zu sein. Aber es gibt keine Hinweise auf Freizeit für Jugendliche, eine Dönerbude („Harz Döner“) hat ein, zwei junge Besucher angelockt.

Die Straßen in historischem Kopfsteinpflaster sind schmuck, aber eine Zumutung für Autos. Ist es okay, in einer Art Museum zu leben – bei allem Hang zu „Tradition“? Die romanische Dorfkirche St. Stephan in Dingelstedt wird aufwendig aus Denkmalschutzmitteln restauriert, in einem Bundesland, in dem nur 20 % einer Religionsgemeinschaft angehören.

Aber was bewegt die Leute trotz erkennbarem Fortschritt in der Sanierung und Erhaltung der Dorfkultur dazu extremistische Parteien zu wählen? Ist es die Agrarpolitik aus Brüssel, die in dieser Region erhebliche Bedeutung hat? Oder ist es der Teufelskreis aus Abwanderung und Überalterung: für die Alten zu wenig, für die Jungen keine attraktiven Unterhaltungs- und Bildungsangebote? Wir können diese Fragen Niemanden ad-hoc stellen, so müssen sie offen bleiben. Sicher spielt Migration hier keine Rolle, keine Migranten weit und breit. Oder doch Ängste und Frustration? Was sind die Erwartungen an Politik und Staat? Die neue Regierungskoalition in Berlin hätte hier gerade einmal 25 % der Stimmen. An einer Scheune ist ein AfD-Plakat hängen geblieben: „Zuerst für Deutschland!“

Wir kehren zu Kaffee und Kuchen ein in einem versteckten Cafe am Fuß des Huy-Höhenzuges, unterhalb des mächtigen Benediktinerklosters. Paare, Familien, Freunde sitzen bei Eis und Torte zusammen, kein Handy-Empfang hier möglich. Aber das Cafe ist Teil einer kleinen Künstlerkolonie, die sich hierhin zurückgezogen hat. Mitten zwischen restaurierten Häusern und Gehöften steht ein hypermoderner Self-Service-Laden, in dem man wie aus einem Automaten Kunstprodukte erwerben kann. Und im Cafe, in den Stuben eines früheren Gasthauses kann man mit Apple Pay bezahlen – so ragt die moderne Welt hier hinein.

Ich hoffe irgendwann Antworten zu finden. Politik sollte die Region im Westen Sachsen-Anhalts nicht aufgeben. Ansonsten erleben wir 2029 ein blaues Wunder der anderen Art überall im Land.


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