(Diesen Beitrag habe ich vor der Abreise nach Malaysia verfasst. Es geht um die Opfer des Fortschritts – ich meine nicht den Klimawandel, sondern die in Fabriken, Bergwerken oder Atommeilern.)
Unterwegs im Tamil Nadu Express von Delhi nach Chennai hielt unser Zug an einem Dezembermorgen 1984 in Bhopal. Zehn Tage zuvor, in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember, hatte sich in der Stadt in Zentralindien einer der schwersten Unfälle der Industriegeschichte ereignet: Ein Gas-Leck in der dortigen Produktionsstätte des US-Chemieriesen Union Carbide verbreitete Methylisocyanat in die umliegenden Stadtviertel. Da es schwerer ist als Luft, zog das giftige Gase am Boden entlang und traf Schlafende ebenso wie Flüchtende. Fast 4000 Menschen kamen nach offiziellen Angaben ums Leben, Zehntausende erlitten bleibende Lungenverätzungen. Vom Bahnsteig aus war das Unglückswerk leicht zu erkennen.

Wir lasen über die Tragödie in der Zeitung, als wir mit unseren Kindern in der Thar-Wüste in Rajasthan unterwegs waren. Im Dezember hatte die Internatschule in Südindien Ferien, die wir zu ausgedehnten Touren per Bahn durch den Subkontinent nutzten. Der Weg zurück nach Tamil Nadu führte via Delhi nach Madras (heute Chennai).

Die Berichte über das Ausmaß der Katastrophe in der indischen Presse wurden immer dramatischer. In einem Geschäft am Connaught Circle1 in New Delhi sah ich einen SPIEGEL in der Zeitschriftenauslage.

Der Kauf passte gerade noch in unser schmales Budget. Die Ausgabe wollte ich auf der bevorstehenden 36-stündigen Bahnfahrt lesen (die Schatten im Foto links sind die Gitter der offenen Zugfenster). In einer Tageszeitung hieß es, dass es einen neuen Exodus aus Bhopal gäbe, weil die Säurereste im Tank neutralisiert werden sollten. Niemand traute der Werksleitung.
Erst als wir Delhi abends verlassen hatten, wurde mir bewusst, dass Bhopal ein Halt sein würde. Gerade aber am Bahnhof Bhopal Junction waren zehn Tage vorher Menschen ums Leben gekommen, da sich die Giftwolke vom Chemiewerk nach Südosten ausgebreitet und diejenigen, die in den Unterführungen schliefen, getötet hatte.

Die Markierung in der Karte unten zeigt die Lage des Bahnhofs Bhopal Junction. Das inzwischen verwaiste, zurück gebaute Werksgelände ist die dreieckige Grünfläche links oben am Bildrand.
Der Expresszug ratterte bei Sonnenaufgang durch die Vororte von Bhopal. Wir hielten Tücher bereit, sollten sich noch ätzende Gase in der Luft befinden. Die Fabrik befand sich auf Sichtweite vom Bahnsteig. Aber zu unserer Überraschung gab es von der Katastrophe keine Spur mehr. Der emsige Betrieb auf dem Bahnsteig und in der Unterführung ließ nicht darauf schließen, dass hier Tage zuvor der Tod entlang geschlichen war.

Auf dem Bahnsteig gab es das übliche Treiben von Tee- und Obstverkäufern, von Snackständen und solchen mit Plastikspielzeug.


In einem Fernsehbeitrag der BBC, den ich zwei Wochen später in London sah (auf einer weiteren Tagung der Lehrplankommission), wurde die „Persönlichkeit des Jahres“ (1984) gewählt. Ein Kandidat war der Bahnhofsvorsteher von Bhopal Junction: Der hatte in jener Nacht geistesgegenwärtig vom Stellwerk aus alle einfahrenden Züge vor der Stadt gestoppt – in Bhopal halten nachts auch die Expresszüge zwischen Calcutta und Bombay – und so Leben gerettet. Und jetzt war der Bahnhof wieder so voller Leben wie eh und je.
Unser Zug fuhr nach dem üblichen halbstündigen Aufenthalt nach Süden weiter, vor uns lagen noch 24 Stunden Bahnfahrt bis Madras. Die technischen Ursachen und juristische Aufarbeitung der Tragödie von Bhopal dauerte Jahrzehnte! Schlamperei in den Produktionsanlagen, fehlende Warnsysteme für die umliegende Bevölkerung und – last not least – die Rolle eines US-Multis bei der Pestizidherstellung in Indien spielten dabei eine Rolle.
Der Name Bhopal wird für immer mit den Ereignissen vor 40 Jahren verbunden sein. Er hat sich wie Tschernobyl im kollektiven Gedächtnis festgesetzt, als Beispiel für menschliches Versagen und schwer beherrschbare Technologie.
Bhopal disaster bei Wikipedia (English)
1 Hier in New Delhi hätte ich einem 8-jährigen Jungen aus Berlin mit Familie begegnen können. Heute sind wir Blogger-Freunde. Alles Karma?
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
