Wenn ein Weltbild zerbricht

Immer offensichtlicher wird: Wir leben in einer neuen Welt. Da gibt es das Idealbild der Gestrigen bei uns: aufgerüstet bis zu den Zähnen, chauvinistisch bis ins Mark und wirtschaftlich irgendwie autark. Wir müssen nur noch Kautschukbäume für die Wetterau züchten, nach Seltenen Erden im Harz graben und das Erdöl aus der Lüneburger Heide fracken. Wir bauen die Wismut wieder auf und ein AKW gleich daneben. Unsere 200-PS-Brenner kaufen wir selbst und ein bißchen wärmer darfs auf Borkum ruhig sein. Soll Malle doch im Regen untergehen, Ballermann können wir auch am Rhein oder Bodensee.

Es war so schön: Eine Welt, die nur uns gehört. Die anderen dürfen froh sein, dass sie was abbekommen. Wir spenden gern und großzügig. Die, die sich uns leisten können, dürfen kommen. Wir haben sowieso Hotelüberkapazitäten. Globalisierung? Ein schönes Wort für unseren Export. Ansonsten, die Anderen können für uns gerne Tischdecken weben.

Im April 1995 besuchte ich mit einer Reisegruppe eine Weberei bei Varanasi in Indien. Am Webstuhl saß ein schmächtiger Bursche. „I am weaving for IKEA!“ antwortete er stolz auf unsere Frage, für wen er arbeite.

Passt, damit konnten wir leben. Ansonsten: „Die können das nicht.“ Das war auch der lakonische Spruch meines Vaters, wenn ich ihm vor 40 Jahren von Unzulänglichkeiten in der weiten Welt erzählte. Irgendwann später kaufte er für seine Werkstatt in der Garage eine Tischbohrmaschine. Preis und Leistung beeindruckten ihn als Maschinenschlosser. Kaum zu glauben, da stehe „Made in Thailand“ drauf, staunte er. Schlagartig hatte sich sein Weltbild geändert.

(Die WordPress K.I. hat eine wunderbare Allegorie dazu entworfen: Die Tischbohrmaschine steht vor eine Weltkarte in einer fiktiven Werkstatt.)

Ich schrieb vor 40 Jahren einen Artikel über „Computerfieber in Indien“, den die FAZ veröffentlichte.

Damals glaubte man noch, die Mechanisierung (Trecker statt Ochsenkarren) sei dort Priorität.

So hätten wir es gern: einfache Mechanik, Hightech gehört zu uns (Tempel in Pune, Juni 2024)

Solche Bilder bleiben haften: „Die können das nicht!“ Okay, die können Tee, Jute, Kautschuk, exotische Gewürze. Das nehmen wir gern. Auch Deko für Weihnachten oder Halloween. Aber wenn es denn mehr wird, das haut uns um. Diese Hybris rächt sich, wir wurden von Südkorea, Taiwan und jetzt von China überrascht – und überrumpelt. Plötzlich sehen wir die „Rivalen“ als eine geopolitische Gefahr (als Microsoft oder Facebook sich über den Globus verbreiteten, war das ja als Glücksbringer für die Rückständigen gedacht).

Dabei stehen Länder wie Vietnam, Indonesien und vor allem Indien als globale Wirtschaftsmächte erst in den Startlöchern: Nicht nur mit Software und Dienstleistungen – Indien hat die „Industrialisierung“ sozusagen vom Kopf her aufgezogen. Jetzt folgt „Made in India“ – mit Handys, Autos, Trägerraketen und wer weiß was.

Zeitschriftenproduktion in Südindien (2014)

Ich fürchte, das Weltbild einiger Mitbürger hier im Westen bedarf einer Zerschmetterung, damit sich das neue in den Köpfen bilden kann. Die Nostalgie einer guten alten Zeit mit Grenzen, Schutzzöllen (am Besten noch eine Mauer gegen Starkregen) und Einlasskontrolle hilft nicht oder lässt sich nur mit Cannabis erzeugen. Augen auf, Leute!

Iddly, Dosai und Biriyani im Schnellrestaurant wird mit der App bezahlt, ebenso das Taxi oder der Bringdienst – von wegen Bananenblatt.


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2 Gedanken zu “Wenn ein Weltbild zerbricht

  1. Und genau deshalb sind Reisen so wertvoll. Weil man dabei sehr schnell sein Weltbild an die Realität anpassen muss. Für mich ist das alles keine Überraschung, aber ich kenne Menschen in meinem Umfeld, die genau so denken, wie du beschreibst. Die waren aber alle noch nicht in diesen Ländern. Allenfalls im All-Inclusive-Ghetto-Hotel.

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    1. Ich denke absolut genauso wie Du. Und selbst aus einem All-inclusive Ghetto könnte man ja mal ausbrechen, wenn man nur wollte – vielleicht für einen Tag und auf eigene Faust. Das kann schon Augen öffnen.

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