Es tut weh das anzusehen. Bei mir ist es mehr Trauer als etwa Wut oder gar Angst. Da gehen Standards an politischer Debatte, an demokratischen Normen, an Anstand und Verantwortung vor unseren Augen den Bach runter. Nun könnte man das in vielen Regionen der Erde verzeihen, nicht aber in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem selbsternannten Leuchtturm für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Und das war nur der Wahlkampf. Wie immer das Morgen ausgeht, der Abstieg einer Gesellschaft über die Sprache von Gewalt zur realen scheint vorgezeichnet.
Even Losing May Not Stop Trump’s Campaign of Vengeance. Susan B. Glaser in THE NEW YORKER, 4.11.2024
Ich bin als Lehrer für Geschichte und Sozialkunde ausgebildet. Eine unserer Aufgaben war und ist es, junge Menschen tauglich für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft zu machen. Dazu gehören eine Debattenkultur, wohlüberlegte Argumente und ein Wissen um die Verfassungsorgane und die Mechanismen der politischen Willensbildung. Eine historische Einordnung hilft überdies bei der kritischen Bewertung.
Aber im größten Teil meines Berufslebens habe ich als Redakteur gearbeitet. Das Presserecht in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft war eine der Säulen, auf denen meine Arbeit beruhte. Verantwortung, Objektivität oder Ausgewogenheit in der Argumentation gehörten dazu.

All das zerfällt vor meinen Augen in Bedeutungslosigkeit, schlimmer: Es verschwindet in der Gosse. Der Jargon, die Niedertracht, die Beschimpfungen und Beleidigungen sind mindestens so schlimm wie offensichtliche Lügen, Unterstellungen oder Verleumdungen. Erzieher oder Journalisten müsen sich in einer solchen Atmosphäre hilflos vorkommen. Du kannst dagegen nicht ausgewogen anschreiben, Du kannst nicht Civics (so heißt Sozialkunde in den USA) unterrichten, wenn um Dich herum die Zivilgesellschaft buchstäblich zusammenbricht.

In der Spiegelung unsere Medien und gewissermaßen geschützt durch die fremde Sprache kommt der US-Wahlkampf „rough“ aber nicht sonderlich unüblich rüber. Wer sich via CNN einmal den O-Ton der vergangenen Tage für nur 15 oder 20 Minuten angetan hat, wer sich die Gesichter der hinter dem Redner postierten Anhänger angesehen hat, der aber muss schier verzweifeln. Das Schlimmste: Mit ihren verhärmten Gesichtern ahnen sie nicht, dass sie nur Mittel zum Zweck sind. Der Blogger Christoph Marx (hannah-arendt.info) beschreibt, wie Hannah Arendt den Prozess vom Parteiensystem zum Totalitarismus sieht:
Waren Parteien per definitionem meist Interessenvertretungen einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht, repräsentieren die totalitären Bewegungen die aus dem Zerfall des traditionellen Klassensystems hervorgegangen apathischen und voneinander isolierten Massen, die alle der Hass auf das Bestehende und die Sehnsucht nach Führung und Zielsetzung einte. Quelle: Totalitarismus: Totalitäre Organisationsformen und Ideologien als fiktive Gegenwelt. hannah-arendt.info
Die Demokratie wie wir sie kannten stirbt nicht im Dunkeln, wie es das Motto einer großen US-Zeitschrift ist, sondern sie stirbt vor unseren Augen im Taghellen. Wir können froh sein, wenn sie nicht noch im Kugelhagel zugrunde geht.
(alle Bilder von der WordPress K.I.)
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Ich finde das auch ganz schlimm anzusehen und schlimmer noch, diese Phase beginnt ja erst
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Sie hat tatsächlich begonnen – heute Morgen.
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