Eine Seelenwanderung

Wir waren heute auf Seelenwanderung. Das liegt zum Teil an dem Feiertag, der „allen Seelen“ gewidmet ist, aber auch an der morbiden Jahreszeit, in dem die Natur vor unseren Augen in den Winterschlaf verfällt. Dabei kommen Gedanken auf, ob „Seele“ überhaupt noch eine Bedeutung hat, wie wohl das Wort und seine Variationen überall in der Alltagssprache („seelenverandt“, „beseelt“, „Seelenfrieden“ oder auch „Soul Music“) vorhanden sind.

So sehr ich den Dingen eine Seele andichten möchte („Bring mich sicher zum Ziel, liebes Auto!“ oder „Laptop, warum ausgerechnet jetzt ein Neustart?“), sie lassen mich häufiger im Stich oder gehen kaputt. Nix mit Seele. Und auch als Metapher ist die „Seele“ vergänglich: Die der Demokratie verschwindet gerade im Abwasserkanal (wörtlich gutter ) des US-Wahlkampfes.

Dennoch hält sich das Konzept „Seele“ hartknäckig, als ob diese nagende Frage „Was bleibt?“ Was ist zeitlos?“ „Was ist unvergänglich?“ eingebrannt ist. Lebt der Geist nach dem Tod weiter? Existieren die Geister der Toten ums uns herum – und müssen in der Novembertrübnis getröstet oder in ihrer böswilligen Form von uns abgehalten werden? Oder sind Geist und Seele ganz woanders lebendig, zum Beispiel in den Werken von Künstlern – von Goethe über Mozart bis John Lenon, von Rembrandt über Picasso bis Richter? Oder in unseren Genen, in Kindern und Enkeln? Das wäre eine „existentialistische“ Antwort auf die Fragen.

Während wir im frühen Abendlicht über einen Friedhof in unserer Nachbarschaft spazieren, drängt sich der Gedanke auf: Brauchen wir überhaupt Grabstellen? Sollten wir nicht grundsätzlich unsere Asche in den Wind oder ins Wasser streuen und auf den Kreislauf von Vergehen und Werden vertrauen – wie die Natur?

Am Ganges in Varanasi

Was bringt es uns, vor dem Grab eines Verstorbenen zu stehen, dessen Name und Lebensdaten in Stein eingemeißelt sind? Sollen wir uns an seine Taten erinnern? Was ist „erinnernswert“ am Leben zwischen Kindheit, Schule, Beruf und Familienzeit von uns Normalos? Und was ist mit den frischen Gräbern in der Ukraine oder denen unter Schlamm und Geröll Begrabenen oder den in der Wüste Verdursteten? Wer kümmert sich um deren Seelen?

Der Hinduismus gibt eine ganz andere Antwort auf diese zutiefst „abendländischen“ Fragen. „Freilich ist der Tod nicht das Ende jeglichen Lebens“ schreibt der Indologe Axel Michaelis, „eher ein Wechsel von einer Daseinsform in eine andere. Ein Seelenkörper bleibt bestehen.“ Erst wenn dieser völlig entindividualisiert, wenn er identisch mit dem Absolutum ist, sei er wirklich „tot“, „das heißt ohne Wiederkehr.“ Aber das ist den Seelen nicht ohne weiteres vergönnt. „Das Leichenfeuer brennt die Unreinheit des groben Körpers weg und trägt in der Vorstellung vieler Menschen den Seelenkörper zum Himmel. … Immer aber bleiben die Toten durch die Möglichkeit der Wiedergeburt im Bereich aller Sterblichkeit …“ so Michaelis (S. 174).

Verbrennungsstätte am Gangesufer in Varanasi

In dieser Wiederkehr mag ein Heilsziel an sich gesehen werden. Alle Lebewesen sind beseelt. Aber bitte nicht zurück als Ameise, vielleicht eher in einen Bollywood-Star oder Tech-Milliardär? So wird bei uns karrikaturhaft das Verständnis von Seelenwanderung gezeichnet. Für den jungen Fürstensohn Siddharta Gautama aus Nordindien und seine Anhänger ist vor 2500 Jahren das Werden und Vergehen sowieso nichts anderes als ein Kreislauf des Leidens, ob als Insekt oder Milliardär. Er  predigt die Erlösung durch Auflösung ohne Wiederkehr, das Aufgehen der Seele im Nirwana.

Im Abendland bewegen wir uns immer weiter weg vom christlichen Verständnis, dass sich irgendwann die Gräber öffnen und die Toten körperlich auferstehen. Der Kompromiss liegt in der Urnenbestattung – das Grab samt Asche in einem Gefäß als fassbarer Erinnernungsort, aber die Seele befreit von Vergänglichem. Doch selbst dieser Rest unserer „Seelenkultur“ gerät in Vergessenheit, gäbe es nicht Allerseelen oder verwandte Feiertage.

Man muss sich nicht in ausufernden Materialismus flüchten. Für heute meldet sich unser Diesseits auf ganz einfache Weise: „Was sollen wir heute Abend kochen? Der Supermarkt schließt gleich!“ So führt uns die vergängliche Existenz zu Chicken Tikka mit Naan und Raita, wenigstens eine kleine Würdigung der südasiatischen Kultur. Und die Frage nach der Transzendenz unseres Seins bleibt unbeantwortet. Muss sie auch, so Karl Jaspers in seinem Büchlein „Chiffren der Transzendenz„. Der Philosoph zitiert in seinen Vorlesungen aus dem Beginn der 1960er Jahre einen spätmittelalterlichen Spruch:

„Ich komme, ich weiß nicht woher,
Ich bin, ich weiß nicht wer,
Ich sterb’, ich weiß nicht wann,
Ich geh, ich weiß nicht wohin,
Mich wundert’s, dass ich so fröhlich bin.“


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2 Gedanken zu “Eine Seelenwanderung

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