Ein Radio mit Geschichte

Musik bei der Küchenarbeit macht den Abwasch leichter. Im Obergeschoss fristet seit Langem ein altes Transistorradio ein Dasein zwischen drohender Entsorgung und wehmütiger Erinnerung. Nicht nur Techniknostalgie brachte mich dazu es zu aktivieren. Es hat auch eine Geschichte, die 40 Jahre zurück geht.

Der kleine rote Kasten „Made in Japan“, mit Druckknöpfen und Justierrädchen, UKW (heute FM), MW und zwei Kurzwellenprogrammen enthält sogar einen Kassettenrekorder. Zudem war Stereo im Mai 1984 bei so einem kleinen Ding schon was Besonderes: Man kann die ca. 30 cm auseinander liegenden Lautsprecher(chen) getrennt ausrichten!

Kassetten haben wir längst keine mehr und ausgelaufene Batterien haben auch den netzunabhängigen Betrieb beschädigt. Aber FM und Netzkabel funktionieren noch – wie in alten Zeiten.

Und die gehen zurück in die Berge Südindiens, wo wir Mitte der 1980er Jahre abgeschnitten vom Rest der Welt einige Jahre lebten. Neben Briefe schreiben war die einzige Verbindung zur Außenwelt ein Radio mit Kurzwelle. Ich hatte das aus Deutschland mitgebrachte verkauft, weil es seinen Dienst nur noch beschränkt leistete. Ein neues musste her. Es sollte mit Batterien betrieben werden können (wegen der häufigen Stromausfälle), ein Kassettenlaufwerk haben (etwas Musik tut gut, wenn der Nebel die Berge einhüllt) und natürlich Kurzwelle enthalten (die mit dem vielen Rauschen).

Unser Haus unter Eukalyptus-Bäumen: ein Doppelhaus-Bungalow
Klassenarbeiten korrigieren, 1984

In Indien war ein solches Gerät nicht zu haben. Da bot sich eine einzigartige Gelegenheit: Ich wurde als Referent auf eine internationale Konferenz für Lehrer und Bildungsexperten nach Bahrain eingeladen. Die Reise dorthin unter den damals komplizierten Visa- und Devisenbedingungen, vor allem in der Gluthitze im Mai in Indien und in den Golfstaaten, wäre ein eigenes Kapitel wert.

An einem sitzungsfreien Abend machte ich mich auf in den Bazar von Manama. In einen Laden, der sich auf Unterhaltungselektronik spezialisiert hatte, fiel mir der kleine rote Kasten  ins Auge, genau was ich suchte. Aber der Preis war stattlich.

Ich notierte ihn in einem Tagebuch 120 US-Dollar, das waren damals 213 DM und nach heutiger Kaufkraft rund 200 €. Das war ein halbes indisches Monatsgehalt. Auf meiner abenteuerlichen Rückreise zur Familie und Arbeitsstätte „ruhte“ das neue Radio in der Reisetasche. Es überlebte den Rückflug nach Bombay, mit Zwischenstopps in Dubai (damals ein Kaff) und Muscat. Auch die pinkeligen indischen Zollkontrollen. Aber der Inlandsflug weiter nach Madras (heute Chennai) hatte acht Stunden Verspätung. Als ich schließlich dort landete, war der Nachtexpress nach Madurai weg. Ich übernachtet nahe dem Bahnhof Egmore und fuhr tags darauf per Bus (mit offenen Fenstern und meiner Reisetasche auf dem Schoß) durch die 40 Grad in Tamil Nadu. Nach 15 Stunden und mit dem letzten Bus aus der Ebene erreichte ich die kühle Heimat in 2.200 Meter Höhe. Das Radio hatte seinen Stammplatz gefunden.

Kodaikanal und die Berglandschaft der Palni Hills in Tamil Nadu

Zwei Jahre später zog der kleine Kasten mit uns nach Deutschland. Er überlebte die Seefracht nach Hamburg, den Transport meiner Kisten im Anhänger aus dem Freihafen bis nach Saarbrücken. Dort wachte es über unsere Wohnung, während wir in Bangladesh waren, und begleitete uns schließlich nach Niedersachsen. Aber die Abende bei Kerzenschein und Deutsche Welle-Nachrichten in Indien bleiben in Erinnerung.

Mit dem Ohr am Radio justierte ich auf den Kurzwellenfrequenzen das Rädchen solange, bis die Stimme aus Deutschland zu hören war. Und da erfuhren wir dann von dem neuen grünen Minister in Hessen, vom Live Aid-Konzert oder von einer Explosion in Tschernobyl. Im Kassettenrekorder liefen zwei Tapes von BAP auf und ab, die uns ein Freund geschenkt hatte. Immer noch, wenn ich Wolfgang Niedeckens Stimme und „Kristallnacht“ oder „Verdammt lang her“ höre, kommen mir die Abende in den Bergen in den Sinn.

Es wäre ein leichtes, ein DAB+ Radio in unsere Küche zu stellen. Aber das würde dann keine Geschichte erzählen können.


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2 Gedanken zu “Ein Radio mit Geschichte

  1. Ich kenne da einen, der durfte auf so einem Gerät „Sandmann“ auf Kassette hören, weil es dort wo er war, keinen Sandmann … nicht mal deutsches Fernsehen gab 😉

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    1. Den kenne ich auch. Also so eine „Sandmann“-Kassette hätten wir auch gern gehabt. Schade, dass wir uns nicht schon 1984 über den Weg gelaufen sind 🙂

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