Olympia und das Neolithikum

Die Spiele in Paris gehen zu Ende. Und nach allem, was ich am Ferseher sehe und in der Zeitung lese, waren sie phantastisch. Anfangs mit anglo-deutscher Süffisanz betrachtet haben unser Nachbarn gezeigt, wie Sport in einer piktoresken Metropole zu ikonischen Bildern und Stimmungen führt. Getoppt gestern Abend durch das Beachvolleyball-Finale unterm Eiffelturm. Begeisterte Zuschauer und inspirierende Athlet(inn)en kamen zusammen, die Welt schien wie eine große Stadt, und vielleicht kommt auch Frankreich politisch näher zusammen. Olympia ist notwendiger denn je, auch wenn man sich über Kosten und Aufwand streiten kann.

Zusammenkommen war auch der Grund für den Bau einer Art spirituellen Olympias vor Beginn der Neolithischen Revolution im Fruchtbaren Halbmond, ab 10.000 v. Chr.

Am Grab einer Zivilisation. Reiners.blog, 31.1.2017

Die Ausgrabungsstätte lässt sich auch per Google Street View begehen

Vor 12.000 Jahren trafen sich Jäger und Sammler immer wieder (über tausend und mehr Jahre hinweg) auf einem Hügel nahe dem Euphrat, heute Göbekli Tepe im Südosten der Türkei. Sie bauten Kreise von großen Steinstelen, auf denen sie eingehauen hatten, was ihnen wichtig war: Tiere, Mond, Sonne, Gestirne – und sogar einen Kalender des Jahreszeitenlaufs. Er zeigt erstaunliches Wissen und noch erstaunlichere Kunstfertigkeit vor dem Entstehen von Schrift und Städten – schlicht das, was wir heute Zivilisation nennen. Es stellt das Verständnis von „geschichtlichen Abfolgen“ auf den Kopf – und alles was ich nach den Schulcurricula vor 40 Jahren unterrichtet habe. Zusammenfassend (und marxistisches Verständnis auf den Kopf stellend): Bewusstsein bestimmt das Sein oder salopper: Glaube versetzt Berge.

Der obige Artikel in der New York Times von gestern verlinkt zu einem Artikel, der in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Time & Mind“ erschienen ist (bei Routledge, einem seriösen Wissenschaftsverlag; ich habe das pdf hier hochgeladen).

Der Artikel ist nicht nur lesenswert, er ist mit tollen Grafiken und Bildern ausgestattet! Aber die Essenz ist schlicht der Hammer (übersetzt mit Google Translate und zur Hervorhebung von mir markiert):

Im Wesentlichen vertreten sie (die Archäologen von Göbekli Tepe, rj) die Ansicht, dass Göbekli Tepe,…, eine wichtige Rolle in der darauf folgenden Neolithischen Revolution spielte, indem es die sozialen Bedingungen für die Entwicklung großer, sesshafter Gemeinschaften schuf, bevor die Landwirtschaft entstand. Dies passt gut zu Cauvins Theorie über den Ursprung der Zivilisation im Fruchtbaren Halbmond, da er vorschlug, dass dieser durch eine Veränderung der Wahrnehmung in Bezug auf Religion und Symbolik ausgelöst wurde. Mit diesen Ansichten wird die grundlegende Bedeutung der Landwirtschaft für die Einleitung dieses Prozesses geschmälert. Sollte sich bestätigen, dass Göbekli Tepes beeindruckende Symbolik und Architektur mit dem Einschlagsereignis in der Jüngeren Dryaszeit in Verbindung stehen, würde dies darauf schließen lassen, dass dieses kosmische Ereignis auch eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Zivilisation im Fruchtbaren Halbmond gespielt hat……“

Was bedeutet „Einschlagsereignis in der jüngeren Dryas (oder Trias-)Zeit?“ In der Paläoklimatologie gibt es eine bemerkenswerte Erscheinung: In der Warmphase nach der letzten Eiszeit gab es um 10.800 v. Chr. eine plötzliche starke Abkühlung der Erde, die über 1.300 Jahre dauerte. Diese Abkühlung ist geologisch und pflanzengeschichtlich überall auf dem Globus nachzuweisen und wissenschaftlich unumstritten. Es war ein Ereignis, das die Menschen in der Steinzeit erlebt (und zum Teil nicht überlebt) haben.

Diskutiert aber werden die Ursachen. Waren es Vulkanausbrüche auf Island oder auch der des Laacher Sees in der Eifel? Oder war es die viel stärkere Wirkung eines Meteoreinschlages, wie man ihn exakt für diesen Zeitpunkt nachweisen kann? Und was hat das mit Göbekli Tepe zu tun? Zitat aus dem Artikel (wie oben): „Diese kosmische Katastrophe globalen Ausmaßes, die auf 10.835 ± 50 v. Chr. datiert wird (….), soll den raschen Beginn der Abkühlung der Jüngeren Dryas, das Aussterben vieler Arten der Megafauna auf mehreren Kontinenten und den Untergang der Clovis-Kultur in Nordamerika ausgelöst haben. Darüber hinaus wurde vorgeschlagen, dass die Säulen 2 und 38 bei Göbekli Tepe den Weg des Radianten des Tauriden-Meteorstroms beschreiben, der dieses Einschlagsereignis verursacht haben soll. Außerdem wurde vorgeschlagen, dass Säule 18, eine der beiden zentralen Säulen aus Anlage D, einen Kometen symbolisiert, der mit dem Einschlagsereignis in Zusammenhang steht.“ Will sagen, die Menschen am mittleren Euphrat im Jüngeren Dryas haben um den Meteoreinschlag gewusst und ihn auf den Stelen „verewigt“, weil er ihre Lebensumstände entscheidend beeinflusst hat!

Das ist eine atemberaubende, wenngleich faszinierende Hypothese: Jäger und Sammler der Steinzeit treffen sich regelmäßig und schlagen ihre Erzählungen und Erfahrungen in Stein. Der Kalender und womöglich die Darstellung des Meteoriteneinschlages zu Beginn des Jüngeren Dryas sind damit zivilisatorische Dokumente, entstanden im Zusammensein und beim Trinken fermentierten Getreides (Bier!). Alles bevor es Landwirtschaft (!), Herrscher, Soldaten, Gesetze, Schrift und Paläste gab. Es würde, wie oben schon gesagt, unsere Vorstellung von der Entwicklung menschlicher Kultur in der Vorgeschichte auf den Kopf stellen.

Der Urspung der Zvilisation liegt nach dieser These nicht in der Entdeckung und Züchtung von Nutzpflanzen und der Domestizierung von Tieren (später auch als „Der Fluch der Landwirtschaft“ bezeichnet – wie es der Geograph und Kulturtheoretiker Jared Diamond meint), sondern in einer neuen „Wahrnehmung von kosmischer Symbolik und Religion“, in welcher der Meteor im Jüngeren Dryas eine entscheidende Rolle spielt. Diese Erfahrung bedingte – so die These – erst die Kooperation der Menschen bei der Entstehung von Landwirtschaft.

Wie immer in der Wissenschaft ist das eine Hypothese, bei der es sicher neue Gegenthesen und Interpretationen geben wird. Meist präsentieren Wissenschaftler ihre Thesen bei Konferenzen, gleichsam „Wissenschafts-Olympiaden“. Und so haben die Feiern im zehnten Jahrtausend vor Christus, die olympischen Spiele und wissenschaftliche Fachkonferenzen eines gemeinsam: Sie schaffen eine neue Wahrnehmung im Kollektiv und ermöglichen – im Idealfall – neue Taten. Ausgehend von den Spielen in Paris kann man ja mal wieder hoffen.


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