Fast einer wie wir

Mal keiner aus den Banktürmen in Manhattan oder von Elite-Unis in Kalifornien, sondern einer vom (ziemlich flachen) Land. Der auf einer Farm groß wurde und weiß, wie man im Blaumann arbeitet. Einer der an einer ländlichen Uni studierte, der Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde an einer Highschool unterrichtete (das waren auch meine Unterrichtsfächer an einer US-Highschool in Südindien!) und die Football-Mannschaft dort erfolgreich trainierte, in einer Stadt von der Größe Monschaus oder Mühlhausens. Der in die Politik ging, als er mit seiner Schulklasse von einer Wahlveranstaltung ausgeschlossen wurde, weil einer der Schüler ein Sticker der gegnerischen Partei trug.

So jedenfalls präsentiert sich der Kandidat für die Vizepräsidentschaft der Demokraten in den USA, Tim Walz. Der Mann aus Mankato in Minnesota, ein Städtchen, das ich zwischen 2005 und 2014 bestens kennen gelernt habe, könnte auch aus der Sozialdemokratie bei uns kommen (und wird schon wegen minimaler Sozialprogramme in seinem Bundesstaat als „Radikal-Linker“ gebrandmarkt). Seine Auswahl durch das Team von Kamala Harris ähnelt mehr einem rigorosen Bewerbungsverfahren, samt Assessment Center, für eine Managementposition in einem Großunternehmen als der politischen Laufbahn über Ortsverein, Landesverband und Listenplatz fürs Parlament, wie wir sie kennen. Aber so sind die USA.

Als junger Lehrer ging er für ein Jahr nach China (1989) und blieb auch danach eine zeitlang mit dem Land in Verbindung (was ihm garantiert vorgeworfen wird). Er spricht sogar Mandarin. Mehr als zwei Jahrzehnte diente er in der Army National Guard, einer Art militärischer Bundespolizei, bei der man an manchen Wochenenden und zwei Wochen am Stück jährlich Dienst tut oder trainiert. Stichwort Pflichtbewusstsein versus permanenter Selbstvermarktung jenes New Yorker Immobilienhais. Einer, der bislang ohne Teleprompter redet, politische Tagesfloskeln scheut und mit dem man am Bierstand auf dem Jahrmarkt ins Gespräch kommt.

Biographie von Tim Walz auf der Webseite des Gouverneurs von Minnesota

Ein Freund und Fachkollege aus Mankato schrieb mir gestern, dass Tim der Erdkundelehrer seiner Tochter war. Mit ihm zusammen habe er vor einigen Jahren an einer Fachkonferenz in der US-Hauptstadt teilgenommen. „We think very highly of him, personally, professionally, and politically. He will make a great Vice President!“ schreibt Don.

Da meine Mail-Adresse im Verteiler der Biden/Jarris (jetzt Harris/Walz-) Kampagne gelandet ist, fand ich „Tim’s Message“ in der Inbox vor: „Kamala and I held our very first rally last night, and I’ve gotta say, the energy I’m seeing out there is incredible. I couldn’t be prouder to be on this ticket, and to help make Kamala Harris the next President of the United States. And to see that grassroots folks like you are just as fired up means the absolute world to me.“ Gespendet habe ich nichts (darf ich auch gar nicht).

90 Tage bis zur Wahl sind im Tempo des US-Medienzirkus wie 90 Jahre bei uns. Aber man kann hoffen, dass im Land zwischen der Sierra Nevada und den Appalachen noch ein Rest – im Sinne des Wortes – gesunden Menschenverstandes herrscht. Tim sollte seine Gegner Donald und JD mal zu einem Besuch ins Pipestone National Monument im Westen Minnesotas einladen (unweit der Stadt Sioux Falls in Süddakota). Dort haben Indianer – Native Americans! – über Jahrtausende einen weichen rötlichen Stein abgebaut, aus dem sie Friedenspfeifen schnitzten. Bis heute sind einige der Steinbrüche noch aktiv.

Webseite des Pipestone National Monuments in Minnesota

Von den Friedenspfeifen aus Minnesota bräuchten die USA und der Rest der Welt eine ganze Wagenladung.


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

3 Gedanken zu “Fast einer wie wir

  1. Nicht, dass ich da Ahnung hätte, aber ja, er wirkt wie eine gute Ergänzung und zusammen decken sie eine ordentliche Breite ab. Hoffentlich kapieren das die Wähler auch …

    Gefällt 1 Person

    1. Die decken wirklich eine große Breite ab (asistaische Einwanderer, Mittlerer Westen, Bildungsbürger, Familien), aber die US-Wähler – zumindest 51 % – kapieren manchmal gar nichts. Wie sieht das in Katalonien aus? In jedem Fall Euch eine gute und interessante Reise!

      Like

      1. Oh, wir sind von den Katalanen schon weg, waren mal kurz bei den Basken und nun sind bei wir bei den Asturiern.
        Klingt wie im Asterix-Comic … ist auch so 😉

        Like

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.