Fußball oder Politik?

Während bei uns derzeit Nationalhymnen ertönen, Schlachten in Stadien geschlagen werden und Fans sich mit Flaggen bekleiden, brechen um uns herum politische Tabus: Die Niederlande haben eine Mitte-rechts Regierung und die politische Karte Frankreichs wird braun (Farbwahl von Le Monde).

Mehrheitspartei nach Wahlbezirken, erste Runde der Parlamentswahl. Quelle: Le Monde

Italien hat eine schicke rechte Regierung, die Slowakei wird autoritärer, Georgien wird von Russland freundlichen Unternehmern regiert und die USA (kein Euro 24 Player, aber mit dem Getränk aus Atlanta immer dabei) sind im konstitutionellen Verfall. Immerhin im Vereinigten Königreich zeichnet sich eine Ende der politischen Clownerie ab, Polen hat das längst schon hinter sich. Man vermisst die Schotten, um deren Identität im von London dominierten Königreich wir mitringen, man bewundert die Schweiz, die ihre Identität aus Freiheit und Integration dreier Kulturen bezieht, oder Portugal, das kleine Land am Atlantik als Brücke zur lusitanisch geprägten Welt zwischen Manaus und Macao.

Das alles hat nichts mit Fußball zu tun, aber in den Stadien konzentriert sich Nationalbewusstsein mit einer Inbrunst wie vor dem Ersten Weltkrieg. Regierungschefs sind auf den Tribünen, die Spieler singen die Hymnen, als ginge es um Leben und Tod im Schützengraben, die Fans tun es mit der Hand auf der Brust. Zum Glück ragen oft die winkenden Hände der Kinder ins Fernsehbild, wenn die Kamera an den Spielern vorbeifährt. Das nimmt dem Ganzen den Bierernst („Kinder an die Macht!“).

Dabei sind die „Nationalmannschaften“ es nur nach dem Pass der Spieler. Denn fast alle sind Legionäre der gehaltsmäßig attraktiven Ligen wie Seria A, Premier League oder der Bundesliga. Ja sogar die Trainer, Schlüsselfiguren im nationalen Erfolg (oder Misserfolg), stammen aus fremdem Land, wie bei der Türkei, Österreich oder Georgien. Ehrlich gesagt, das ist beruhigend. Fußball ist dann Politik im besten Sinne, grenzüberschreitend nach Spielern und Trainern, grenzüberschreitend in der Begeisterung für den Sport an sich.

Die UEFA-Turniere mit Nationalmannschaften sind der letzte Rest vom „Europa der Nationen“, wie die neuen Rechten es verstehen wollen. Vielleicht ist ein Turnier der europäischen Clubs zeitgemäßer, ähnlich wie die Pokalwettbewerbe, die sich in nationalen Qualifikationen für eine Endrunde beworben haben – und ähnlich dem Europapokal (die Champions League von superreichen Clubs kann ja im Jahresturnus „nebenbei“ laufen). Die Loyalität der Fans bliebe beim Club, Nationalhymnen überflüssig – und dem Kommerz täte es keinen Abbruch. Im Gegenteil: Champions League-Spiele zum Beispiel haben weltweit eine größere Zuschauerzahl wie Länderspiele auf dem „alten Kontinent“. Nachteil: der Posten eines Nationaltrainers würde verschwinden.


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3 Gedanken zu “Fußball oder Politik?

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