„Die heutige Welt bewegt sich in eine seltsame Richtung. Es ist erkennbar, dass sie auf Zerstörung und Gewalt zusteuert. Und die Besonderheit der Gewalt besteht darin, Hass unter Menschen zu schüren und Angst zu erzeugen. Ich glaube an Gewaltlosigkeit und sage, dass kein Frieden und keine Ruhe über die Menschheit kommen wird, bis Gewaltlosigkeit praktiziert wird. Denn Gewaltlosigkeit ist Liebe und sie weckt Mut in den Menschen„
Khan Abdul Gaffar Khan (1890-1988) in einem Interview von 1985

Unser Flugzeug mit dem Union Jack überquerte gestern früh Afghanistan. Das Land hat die schlimmsten Kriegsgräuel der letzten Jahrzehnte ertragen. Auf unserem Weg nach Delhi und bei Omellet und Pork Sausage (!) zogen zehn Kilometer unter uns die kahlen, grauen Gebirge des Hindukush hinweg. Heute herrschen hier wieder die Taliban, wie schon vor 2001. Aber der Appell zur Gewaltlosigkeit, der aktuell wie nie klingt, stammt von einem Pashtunen, der größten Volksgruppe Afghanistans. Er lebte damals im Exil in Pakistan, zu einer Zeit, als der Krieg gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan in vollem Gange war. Pashtunische Kämpfer waren die Verbündeten der USA und wurden über Pakistan mit Waffen versorgt. Und heute drängen Flüchtlinge aus dem Land am Hindukush zu uns, deutsche Soldaten starben dort.
Khan Abdul Ghaffar Khan spielte eine besondere Rolle im indischen Unabhängigkeitskampf. denn vor 1947 gehörten die heutigen pakistanischen Nordwest-Provinzen zum britischen Empire. Abdul Gaffar Khan war 1985 schon 95 Jahre alt. Drei Jahre später starb der hünenhafte Pashtune und wurde in einer Prozession über den Khyber Pass in seine Heimatstadt Jalalabad in der Provinz Nangarhar im Osten Afghanistans überführt. Dort liegt sein Grab, immer noch nur halbfertig. Aber Kränze und Blumen schmücken es und dokumentieren die Referenz, die man ihm in seiner Heimat entgegen bringt.





Die Fotos hat mir 2018 der Bruder eines afghanischen Flüchtlings aus Jalalabad geschickt, den ich über die drei Jahre betreut habe. Mein paschtunischer Schützling in Deutschland arbeitet jetzt in der IT-Branche. Inzwischen haben er und seine Familie die deutsche Staatsbürgerschaft, seine beiden Söhne besuchen weiterführende Schulen und auch seine aus dem Norden Afghanistans stammende Ehefrau macht eine Ausbildung.
Zwei Stunden vor der Landung in Delhi flogen wir über das Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan. Beim spärlichen Frühstück dachte ich an den September 1977. Wir waren im Bus von Kabul nach Peshawar unterwegs, Jalalabad war ein kurzer Stopp auf dem Weg zum Khyber Pass. So abenteuerlich die Tour nach Indien war, von dem was Afghanistan drohte, ahnten wir nichts.




Khan Abdul Ghaffar Khan war ein Mitkämpfer von Mohandas Gandhi. Er überlebte den indischen Freiheitskämpfer um mehr als vier Jahrzehnte. Seinen Ehrennamen „Frontier Gandhi“ erhielt er, weil sich wie Gandhi mit gewaltlosen Mitteln für ein freies Indien einsetzte. Er war gegen eine Teilung und kämpfte nach 1947 für eine Autonomie der Pashtunen in Pakistan und Afghanistan. In Pakistan erhielt er Hausarrest und eine Gefängnisstrafe, ging später ins Exil nach Kabul und kehrte 1972 nach Pakistan zurück. Dort lebte er bis zu seinem Tod in der Metropole Peshawar nahe der afghanischen Grenze. 1987 erhielt er den höchsten indischen Orden, den Bharat Ratna.

Heute sind viele Pashtunen Teil der Taliban-Bewegung. Sie mit Gewaltlosigkeit und Menschenliebe zu verbinden fällt schwer. Abdul Ghaffar Khan aber sah Gewaltlosigkeit aus seiner Religion heraus begründet: Meine Religion ist Wahrheit, Liebe und Dienst an Gott und der Menschheit. Jede Religion, die in die Welt gekommen ist, hat die Botschaft der Liebe und Brüderlichkeit gebracht. Diejenigen, denen das Wohlergehen ihrer Mitmenschen gleichgültig ist, deren Herzen leer sind von Liebe, sie kennen die Bedeutung ihrer Religion nicht. Auch das bringt unser heutiges Verständnis durcheinander.
Quelle: Khan Abdul Ghaffar Khan Quotes
Mir gingen Abdul Ghaffar Khan, Gandhi und die indischen freedom fighters durch den Kopf, als ich heute noch einmal durch den Park des Aga Khan-Palastes in Pune spazierte. In der Metropole in Maharashtra waren der Mahatma und seine Frau von 1942 bis 1944 von den Briten interniert, als Gandhi die „Quit India„-Bewegung ins Leben gerufen hatte. Sie brachte ihn und Khan noch einmal zusammen, bevor die Teilung Indiens unabwendbar wurde.

Der Gedanke an Gewaltlosigkeit als Mittel politische Ziele durchzusetzen wirkt heute mehr denn je wie aus der Zeit gefallen. Invasionen in Nachbarländer, Rachefeldzüge, Bürgerkriege beherrschen die Schlagzeilen. Bilder von Soldaten in Schützengräben und toten Zivilisten – besonders Frauen und Kinder – überwältigen uns förmlich. Wie weit weg sind wir von den Idealen eines Martin Luther Kings (für den Gandhi ein großes Vorbild war), Nelson Mandelas und eben eines Abdul Ghaffar Khans. Sie gelten heute als hoffnungslose Idealisten, die nicht erkannt hatten, dass nur Waffengewalt zählt.
„Nur eine tote Nation gedenkt ihrer Helden, wenn sie sterben. Echte Nationen respektieren sie, solange sie noch leben„ schreibt dazu der Freiheitskämpfer der Pashtunen. Mit einem Schlag wischt er so falsche Heldenverehrung vom Tisch. In unseren gedanklichen Schubladen müssen wir ab und zu aufräumen.
Die „Quit India“-Bewegung – mitten im Zweiten Weltkrieg – vereinte Aktivisten vom Khyber Pass bis zum Ganges-Delta. Während Europa und Ostasien sich mit Gewalt und Bomben zerlegten, übten die Menschen in Südasien weitgehend gewaltlosen Widerstand gegen die Kolonialisten. Das war nicht unumstritten, denn auch hier gab es Befürworter von gewaltsamer Befreiung – wie sie etwa Subash Chandra Bose vertrat, der auf militärische Bündnisse mit Deutschland und Japan hoffte.
Mohandas Gandhi wurde 1947 von einem Nationalisten erschossen, dessen Bewegung im heutigen Indien neue politische Bedeutung gewinnt. Abdul Gaffar Khan wurde im unabhängigen Pakistan kalt gestellt, weil die Vorstellung eines vereinten Pashtunistans nicht in die geostrategischen Konzepte des Great Games um Afghanistan passte.

Politik setzt das Heute als inevitable voraus – als zwangsläufig gegeben. Aber nichts ist in der Geschichte zwangsläufig. Es gab immer Alternativen. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich damit, diese aufzuzeigen und die gefällten Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Vielleicht wären uns mit einem Abdul Gaffar Khan die Kriege in Afghanistan erspart geblieben. Aber als ein trauriges Zeichen unserer Zeit liegen vor meinem Hotelfenster die Doppeltürme des Trump Towers Pune. Zum Heulen.
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