In vielen Kulturen gibt es Reinigungsrituale vor heiligen Handlungen. Fußwaschung zu Ostern oder vor dem Gebet in der Moschee, Eintauchen in den Fluss vor Sonnenaufgang oder die Reinigung von Händen und Rachen im fernöstlichen Buddhismus. Auch bei uns gibt es Rituale der Reinigung, zum Beispiele heute Vormittag in der Biowaschstraße. Und dafür muss man Schlange stehen.

Wir stellen unsere mit einer braunen Staubschicht überzogenen Blechkisten vor dem Heiligtum auf, aus dem die Geräusche von Bürsten, Sprühpistolen und Gebläsen klingen. Es ist der Sound von Cleaning, der kollektive Widerstand gegen die Natur. Sie hat die Blechkisten in dreckverkrustete Vehikel verwandelt hat, als ob wir gerade aus der Sahara kämen. Aber es sind nicht wir, sondern der Dreck.
Vor dem Tempel der Biowäsche weisen Schilder auf die Vorzüge der heiligen Handlung hin. Powerfoam soll die Insekten „boosten“, aber deren Seelen sind längst im Nirvana. Nur ihre Spuren im Diesseits kleben zwischen dem Staub auf der Kühlerhaube. Schaumpolitur – was immer das ist – bewirkt extrem tiefen Glanz, da strahlt die Seele unserer Autos.



Zwei hilfreiche Tempeldiener richten ihre Sprühgeräte auf mein Gefährt und erlösen es mit aggressivem Zischen vom gröbsten Dreck. Bedrohlich hängt die Kolonne von Bürsten und Lappen im Tunnel der ultimativen Reinigung. Langsam schiebt sich mein Gefährt in diese Welt im Dämmerlicht.


Als das Spezialwachs über die Karosserie tropft, ist der letzte Akt des Rituals vollendet. Das Gebläse trocknet für den ewigen Glanz.

Die besonders Gläubigen unter uns nutzen den Staubsauger-Service für die innere Reingung. Mir genügt der äußere Schein, jener Glanz, der in die Nachbarschaft strahlt.
Der Staub aus der Sahara ist zusammen mit Schaum und Insektenresten im Abfluss verschwunden. Er wird irgendwo am Ufer abgelagert und später werden sich Geologen wundern, wie die Sande aus Nordafrika an die Oker kamen. „Staub bist Du, zu Sediment wirst Du“ oder so ähnlich lautet ein heiliger Spruch.
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Ich hab mal in Stuttgart gewohnt. Dort ist die samstägliche Reinigung wirklich ein Ritus. Getrennt nach Geschlechtern wie in der Moschee. Kehrwoche für die Damen und den Mercedes polieren für die Herren.
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Stimmt, wir waren Männer unter uns (Rentner allesamt :-))
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Schön auf welche Gedanken man kommen kann, wenn man mal 3 Minuten in der Blechkiste gefangen ist und nichts anderes tun kann 😉
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