Wenn Kräfte der Natur unser Vertrauen in „Fest gemauertes in der Erden“ erschüttern, Gebäude aber gleichwohl unser Leben retten, dann ist Zeit für Dankbarkeit. Jedenfalls im chinesischen Kulturraum.
Ich fand einen Zeitungsbericht zum Erdbeben in Taiwan: Ein von Erdstößen bedrohlich geneigtes Hochhaus in Hualien muss abgerissen werden. Aber Bauarbeiter in gelben Westen und Schutzhelmen hatten zuvor Tische auf der Straße aufgestellt – für eine Zeremonie der Dankbarkeit. Bürger konnten auf den Tischen Opfergaben hinterlegen. Einem Haus vor dem Abbruch danken?


Die in Singapur erscheinende Straits Times schreibt dazu (übersetzt): Ab 5. April, so die Behörden, werde mit der Demontage begonnen. Zunächst aber werde ein Opfertisch vor dem Gebäude aufgestellt, um einen reibungslosen Abriss zu gewährleisten und „die verlorenen Seelen“ der bei dem Beben Getöteten zu trösten. Chips, Instantnudeln, Flaschen mit Limonade und Stapel von Papiergeld für die Toten standen neben Blumenkörben und einem Behälter mit Räucherstäbchen. „(Wir) bringen Opfer dar und beten um Segen für die Abrissarbeiten des Uranus-Gebäudes“, sagte eine Stimme über den Lautsprecher. Riten wie die Segnung eines neuen Zuhauses oder Opfergaben an Geister nach dem Kauf eines Grundstücks sind in Taiwan Tradition.
Eine schöne, muss man hinzufügen. Einem Haus zu danken, käme bei uns keinem in den Sinn. Aber die hochtechnisierten Gesellschaften in Asien haben ihre kulturellen Traditionen in die neue Zeit hinüber gerettet.

Auch bei uns waren solche Traditionen bekannt. So verkünden die Dachdecker beim Richtfest hoch oben und unter einem geschmückten Baum gute Wünsche und göttlichen Segen für das neue Gebäude.
Die Tradition ist selten geworden, ich erinnere mich aber noch als Kind in den frühen 1960er Jahren an das Richtfest beim Hausbau meiner Eltern. Die Dachdecker erhielten einen Korb mit Würsten, Schinken und Hochprozentigem. Noch in den frühen 1990er Jahren war Richtfest etwas besonderes. Die Baugesellschaft schenkte uns „Bauherren“ der Reihenhauszeile einen Essensgutschein. Wir trafen unsere künftigen Nachbarn dann bei gemeinsamem Mahl in einem Restaurant in unserer Stadt. Bislang hat dieser Segen gehalten.
Wollen wir also hoffen, dass wir uns nicht beim Abbruch unserer Häuser wieder versammeln müssen, wohl nicht nach einem Erdbeben (unwahrscheinlich in Niedersachsen), vielleicht nach einem Tornado. Aber dankbar sein für ein Dach über dem Kopf, das können wir von den Chinesen lernen.
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