Das Böse verbirgt sich hinter Banalitäten. Hedwig hat einen wunderschönen Garten an der Mauer angelegt. Hinter ihr tauchen zwar ab und an Wachtürme und Baracken auf, aber im Film könnte man sie fast übersehen. Ein kaum wahrnehmbares tiefes Brummen ist zu hören, wie aus rund um die Uhr brennenden Öfen. Ab und an stoßen Kamine dunklen Rauch aus, ansonsten ist der Himmel blau-weiß. Rudolf geht jeden Morgen zur Arbeit, die Kinder machen sich nach gemeinsamem Frühstück auf zur Schule. Hedwig probiert heimlich einen Pelzmantel an und beschaut sich vor dem Spiegel. „Da muss noch an einigen Stellen nach genäht werden,“* weist sie eine Hausangestellte an. Die darf sich später aus einem Sack von Kleidung was aussuchen. * Zitate hier sind von mir paraphrasiert
Der gerade mit einem Oskar prämierte britisch-polnische Film wirkt zunächst wie ein selbst gedrehter Film der Familie Höß über ihren Alltag. Im Film wird Deutsch gesprochen – auch wenn der Titel einem britischen Spionagefilm entstammen könnte. Es ist nun mal die Sprache der Täter und Mitwisser an den Mauern von Auschwitz, eine „Zone von Interesse“ wie das im Nazi-Jargon eiskalt heißt. Die Dialoge im Film sind Alltagssprache, bis zur Unerträglichkeit banal.
Aber das Grauen lässt sich nicht vollständig verdrängen, zunächst bei Hedwigs Mutter. Sie kommt zu Besuch an den Dienstort ihres Schwiegersohns und ist überaus angetan von Garten und Haus. Immer wieder bestätigt sie ihrer Tochter, wie gut sie es getroffen hat. Beiläufig sieht der Zuschauer bräunlichen Rauch am Horizont und das dunkle Brummen überlagert die sonnige Szenerie von Blumen- und Gemüsebeeten und den kleinen Pool im Garten. In einer Szene steht Rudolf am Pool und probiert, ob die Dusche funktioniert. Es sind solche kurzen Momente, in denen der Zuschauer zusammenzuckt.
Die Mutter muss immer häufiger Husten. Nachts dringt ein Feuerschein durch die Gardine des Schlafzimmers und eines Morgens ist die Mutter überraschend weg. Ihre Nachricht auf einem Zettel liest Hedwig und wirft sie anschließend in den Ofen. „Gebt Gas, Kinder“ herrscht sie ihren Nachwuchs an, der sich auf den Schulweg macht.
Das Böse dringt im Verlauf des Films immer stärker in den Vordergrund. In einer Besprechung mit Ingenieuren (in dunklen Anzügen) zum Beispiel erfährt Rudolf, welche technischen Neuerungen man bei den Öfen plant, um die Kapazität zu steigern, samt Zeichnung und Grad-Angaben („Bei rotierender Befeuerung kühlt jeweils ein Ofen von 1000 auf 40 Grad ab, so dass Asche entsorgt werden kann“). Rudolf wird später als Chef aller „KL“ nach Oranienburg versetzt, Hedwig will unbedingt mit Familie im schönen Garten bleiben. „Hier haben wir doch alles, was wir uns wünschen.“ Als es um die logistische Herausforderung der Judenvernichtung in Ungarn geht, wird Rudolf für Auschwitz eingeplant. Nach einem abendlichen Empfang für die KL-Leiter mit den Größen der Gesellschaft in einem barocken Saal samt Kammerorchester ruft er Hedwig an. „Das musst Du mir mitten in der Nacht sagen? Können wir doch später besprechen. Ich will jetzt schlafen.“
Der Film geht unter die Haut, weil er das Verdrängen und Wegschauen thematisiert. Die Familie des Lagerleiters steht stellvertretend für das ganze Land, denn Zonen von Interesse gab es überall: Von den Städten München oder Weimar, mit Buchenwald und Dachau in Sicht- oder Fußweite, bis zum kleinen Dorf Langenstein im Vorharz mit dem Außenlager Langenstein-Zwieberge gleich jenseits der Felder und Hügel.




Die Webseite Zwangsarbeit in Hamburg zum Beispiel enthält eine Karte, in der die Orte von Gefangenschaft und Folter wie ein dichtes Netz über die Stadt verteilt sind – Wegsehen war nicht möglich, bei fast einer halben Millionen Zwangsarbeitern und politischen Gefangenen in Hamburg während des Krieges.
Während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, den Hannah Arendt für die Zeitschrift „The New Yorker“ begleitet hat, schrieb sie von der Banalität des Bösen. In „Zone of Interest“ dringt dieses in die Normalität des Alltags ein, trotz aller Versuche es zu verdrängen. Bei der Oskar-Verleihung hat der Regisseur Jonathan Glazer gesagt: „Wir haben den Film nicht gemacht, um uns damit zu konfrontieren, was man damals gemacht hat, sondern was heute geschieht. Unser Film zeigt, wohin die Entmenschlichung in ihrer schlimmsten Form führt. Das hat unsere Vergangenheit geprägt, es prägt unsere Gegenwart.“ (Zitat aus Berliner Zeitung, 11.3.2024)
Bei Eichmann beschäftigt sich Arendt mit der Schuldfrage. Sie lehnte das Konzept einer Kollektivschuld ab („ich war nur ein Rädchen in einem System“), sondern bestand auf der Verantwortung für Handeln oder Nichthandeln in jedem Einzelnen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch vor über zehn Jahren. Die Wohnungs-Nachbarin einer Tante hatte zum Kaffee eingeladen. Sie war 93 und wir redeten über dies und das in ihrem langen Leben. Plötzlich begann sie eine Geschichte zu erzählen, als wolle sie sich von etwas befreien. Ihre beste Freundin aus dem jüdischen Laden im Dorf, zwei Häuser weiter, wurde plötzlich abgeholt und in ein Sammellager in die benachbarte Stadt gebracht. Von dort erhielt die alte Dame damals einen Brief. Es gehe ihr einigermaßen gut, schrieb die Freundin, aber sie werde wohl in den nächsten Tagen irgendwoanders hin, weit weg gebracht. Die alte Dame erinnerte sich, dass sie gern noch einige Sachen zu ihrer Freundin gebracht und Abschied genommen hätte. Aus irgendeinem Grund hätte sie das nicht getan. Von der Freundin hörte sie nie wieder. Sie bereut das zutiefst und der Schmerz und das Schuldgefühl darüber war ihr nach über 70 Jahren anzusehen.
„Verstörende Rezeption“. Kritik zum Film in der TAZ, 24.2.2024
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So furchtbar und gruselig. Ich war mal als Kind in der Gedenkstätte KZ-Sachsenhausen. Habe ich nicht mehr vergessen. Solche Besuche scheinen an deutschen Schulen leider kein Standardprogramm mehr zu sein.
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