Aus der Zeit gefallen

Die wirklich relevanten Nachrichten findet man nicht immer in der Weltpresse. Manchmal tauchen sie im kostenlosen Anzeigenblatt auf, das sonntags unseren Briefkasten füllt. Ein gräulicher Novembertag wie heute gab Zeit, bei Tee und Kuchen einmal genauer hinzusehen. Und so fand ich die bemerkenswerte Sonderbeilage.

Die gesponserte vier-seitige Beilage berichtet von einem Großevent in der Stadt Heinrichs des Löwen: das jährliche Eisbein-Essen des Technikervereins von 1887 e.V. Es ist ausschließlich Männern vorbehalten! Und dabei gab es laut dem Zeitungsbericht trotzige „jetzt erst recht“-Reden.

Über 900 Männer seien sich einig gewesen: „Herrenabend bleibt Herrenabend!“ steht in dem Text, der mit Dutzenden Fotos von Herrengruppen durchsetzt ist. Und weiter, Zitat: „Die mitunter ideologisch geführte Diskussion, dass nur das männliche Geschlecht Zugang hat, kam natürlich zur Sprache.“ Die rot-grüne Mehrheit in Braunschweiger Rat habe schon im Juli den Oberbürgermeister beauftragt, mit dem Technikerverein über die Öffnung des Herrenabends für Frauen zu reden, lese ich. „Doch auch … bei der 135. Auflage … begrüßte der Vorsitzende .. ausschließlich gut gelaunte Männer im feinen Zwirn.“

Die Besucher kämen aus der Gesellschaft, dem Handwerk und der Wirtschaft, von Polizei und Bundeswehr, aus Wissenschaft, Forschung und Politik. „Versorgt wurden sie im Rekordtempo“ – von Frauen, die Bier und Essen auftragen, mag man meinen, denn zwei sind im Panoramafoto oben zu erkennen.

Weiter erfahren wir, dass „der Technikerverein seine durstigen Anhänger traditionell am Freitag nach Buß- und Bettag einlädt.“ Die musikalische Begleitung durch die Blechbläser habe (nach dem Einzug samt Bannerträger) auf der Bühne überzeugt und die Zuhörer auf „Betriebstemperatur“ gebracht, lese ich weiter: „Mit biergeölter Stimme, stehend und applaudierend sangen sie den ersten Marsch Alte Kameraden.“ Spätestens jetzt sehe ich mich ins Jahr 1887 versetzt, in dem der Verein in Braunschweig gegründet wurde.

Einmal im Jahr dürfe Herrenabend sein, einmal im Jahr dürfe Eisbein sein, so der Vorsitzende in einer Art Grundsatzrede. „Der Diskussion zur Öffnung des Abends für Frauen erteilte er eine klare Absage.“ Er bekam lautstarke Zustimmung, berichtet das Anzeigenblatt in der vierseitigen Sonderbeilage. Weiter zitiert der Vorsitzende Sahra Wagenknecht, die den „neuen links-grünen Autoritarismus, der den Menschen vorschreiben will, was sie zu denken, zu reden, zu essen haben“ ablehne. „Wie weit ist es also gekommen, wenn ich Sahra Wagenknecht zitieren muss?“ so der Vorsitzende.

Immerhin ist das Absingen des Liedes „Polenmädchen“ gestrichen worden, lernen wir (laut lokaler Presse wurde das Soldatenlied dann auf Wunsch des Pubikums doch angestimmt). Ansonsten sei es Vereinsrecht, welche Lieder gesungen … würden, stellt man klar. Aber im Rathaus der Stadt hat der Vorsitzende eine Botschaft hinterlassen: „Der Vertrauensverlust in die Politik dieser Tage ist enorm!“ Der Herrenabend sei nicht geeignet, die Gesellschaft dadurch in richtig oder falsch zu spalten. Auf Spaltung folge Hass und darauf Gewalt. Dafür sei der Verein nicht zu haben. Wow, ein starkes Statement und ein weiter Bogen!

Ich rechne nach: Wenn 900 Männer Eisbein essen, müssen rund 450 Schweine dran geglaubt haben. Wenn 900 Portionen in Rekordtempo serviert wurden, könnten dabei rechnerisch gut hundert Serviererinnen umher gelaufen sein. So viel zum „Herrenabend“!

Vielleicht erleben wir im nächsten Jahr nach Buß- und Bettag, dass der Verein sich umbenannt hat in Techniker*innenverein Braunschweig und 900 Techniker*innen zu dem bemerkenswerten Abend hinzu kommen. Vielleicht sind auch die Servicekräfte (Servierer*innen) gendermäßig paritätisch besetzt. Den Marsch könnte man in „Alte Kamerad(inn)en“ umbenennen und wahlweise könnten auch Gemüsebratlinge angeboten werden. Auf die Ölung der Stimme mit Bier muss ja niemand verzichten. Keine unmögliche Aufgabe für Techniker!

Und so klingt der Bericht in der lokalen Presse, unter „Brauchtum“:

Braunschweig: Herrenabend bleibt Herrenabend. Braunschweiger Zeitung online, 26.11.2023


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2 Gedanken zu “Aus der Zeit gefallen

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