Zeit für Marx

Die Zeiten sind dunkel. Ich schalte im Hotel an diesem Novembermorgen den Fernseher an – und gleich wieder aus. Soldaten seien im Häuserkampf einer halb zerstörten Stadt, um Widerständler aufzufinden. Nein, es ist nicht das Jahr 69, in dem Titus, Imperator des Imperium Romanum, den Tempel in Jerusalem zerstörte. Obwohl der Blick auf die Porta Nigra, angestrahlt vor dunklem Nachthimmel, das vermuten ließe. Wir sind im November 2023 A.D. und wir sind in Trier.

Man kann Trier als Pilgerziel frommer Katholiken sehen, man kann es als gemütliche Stadt mit easy-going Leuten in einer Weingegend kennenlernen oder es als Metropole des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert erwandern. Wir versuchen heute, es aus der Sicht eines 17-Jährigen zu sehen, der hier 1835 sein Abitur machte und schnellst möglich zum Studium abhaute – nach Bonn.

Sein Denkmal – zu seinem zweihundertsten Geburtstag im Jahr 2018 von China der Stadt Trier geschenkt – steht nur Schritte von der Porta Nigra entfernt, mitten zwischen mittelalterlichen und barocken Gemäuern. Was ein 17-Jähriger aus Trier mit nimmt, wird in seinem Geburtshaus in der Brückenstraße dokumentiert, unweit von Hauptmarkt und Dom. Und die gab es auch am 5. Mai 1818 schon. Karls Eltern zogen später in das Haus Simeonstraße 8. Hier wird er groß, das Stadttor aus römischer Zeit sozusagen vorm Haus. Seine Eltern stammten aus jüdischen Familien, aber der Vater konvertierte samt Familie zum Protestantismus, um weiter als Anwalt in Preußen arbeiten zu können. Karl (er war da sechs Jahre alt) und seine sechs Geschwister müssen schon in jungen Jahren erlebt haben, dass Religion oder Konfession gesellschaftliche Schranken (oder Potentiale) definierte.

Als wir zur Eröffnung Schlag 10 Uhr in der Brückenstraße ankommen, ist schon eine Schulklasse im Haus und lauscht den Erläuterungen der Lehrerin. Die 13-/14-Jährigen sind ganz bei der Sache, sie haben sich einfach auf den Boden gesetzt. An den Wänden auf zwei Geschossen sind Informationen zu Karls Familie, Lebenslauf, Philosophie und zu seiner publizistischen und wissenschaftlichen Arbeit aufgetragen.

Die Familie Marx hat nur kurz in diesem inzwischen baulich veränderten Haus gewohnt. Es macht den Eindruck einer bürgerlichen Idylle, mit Innenhof, Fachwerk und Geranien – kein Ort für gesellschaftliche Revolution. Aber als Karl von Bonn nach Berlin wechselte, stieß er zu den Hegelianern. Deren Philosophie stellte der Trierer Jung vom Kopf auf die Füße. Von der Dialektik zum Klassenkampf war es nicht mehr weit.

Innenhof im Karl-Marx-Haus

Bei meinem letzten Besuch vor über 20 Jahren drängten sich noch junge chinesische Reisegruppen durch die Räume und posierten vor Marx-Büsten. Von Chinesen heute keine Spur, auch wenn das Eingangsschild neben Englisch auch in Chinesisch gehalten ist (Hotels in Trier waren die ersten in Deutschland, die das chinesische Fernsehprogramm in den Zimmern anboten).

Es gibt nur zwei persönliche Gegenstände im Haus: Karls Taschenuhr (hängt im Obergeschoss in einer kleinen Vitrine), vor allem aber sein Sessel aus der Londoner Wohnung, in dem er mutmaßlich auch starb.

Der Besucher kann sich gegenüber hinsetzen und einer Audiopräsentation lauschen, die aus einem der letzten Briefe Karls an den „lieben Friedrich“ (Engels) vorließt. Dort sinniert er melancholisch darüber, ob die ganze Arbeit, sein Werk und seine Ziele nicht vergebens sei und man sich in London „über den Rheinländer aus Trier“ lustig mache.

Ein Trierer Jung verändert die Welt, über Köln, Paris, Brüssel und schließlich London. Seine Theorien wurden politisch geplündert und umgedeutet. Aber in einer Welt von zunehmender (!) Ungleichheit und Ungerechtigkeit sollte man vielleicht „Das Kapital“ mal wieder hervorholen. Auf den Kauf von „Marx-Socken“ im Andenkenladen verzichten wir aber.


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Ein Gedanke zu “Zeit für Marx

  1. Ich war ungefähr vor einem Jahr mit der schlauen Tochter dort,
    mir hat die Ausstellung sehr gefallen, insbesondere die Schriftzüge an den Wänden

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