Wenn nicht das Hemd kommt, sondern seine Näherin

Bei uns trifft man sich zu Migrationsgipfeln, um ein globales Problem im Kanzleramt zu besprechen. Dabei liegen die Lösungen zehntausende Kilometer entfernt, sie verstecken sich irgendwo in den Schlagzeilen der Weltpresse. Beispiel Bangladesch.

Die in Singapur erscheinende Straits Times berichtet heute (3.11.23), dass Unruhen und Streiks hunderte der Textilfabriken in Gazipur, unweit von Dhaka, lahm legen. Zitat (durch Google Translate übesetzt, leicht bearbeitet, inkl. Hervorhebungen):

„Tausende von Arbeitern veranstalteten gewalttätige Proteste, um eine nahezu Verdreifachung ihrer Löhne zu fordern, teilte die Polizei am Donnerstag mit. Auf die 3.500 Bekleidungsfabriken Bangladeschs entfallen rund 85 % der jährlichen Exporte des südasiatischen Landes in Höhe von 50 Mrd. Euro. Sie beliefern große westliche Marken wie Adidas, Gap, H&M und Levi Strauss. Aber die Bedingungen für viele der 4 Millionen Arbeitnehmer in diesem Sektor sind schlecht, die überwiegende Mehrheit davon sind Frauen, deren Monatslöhne bei 8.300 Taka (ca. 70 €) beginnen.“

Bericht in der Dhaka Tribune zu den Streiks, 3.11.2023

Ein Bericht in der online-Zeitung Dhaka Tribune bestätigt, dass die Belegschaften einen Einstiegslohn von 25.000 Taka fordern (etwa 210 €), um den in Bangladesch enorm gestiegenen Lebenshaltungskosten gerecht zu werden. Es gab in den letzten Wochen Demonstrationen gegen die Regierung, welche die Inflation nicht unter Kontrolle bringt. Vier Millionen Beschäftigte bei über 170 Millionen Einwohnern klingt nicht viel, aber 85 % des Exports von Bangladesch hängen von Textilien (ready made garments, RMG) ab.

„Gewalt bei Protesten von Textilarbeitern“ tagesschau.de, 3.11.2023

Dabei galt die schnell wachsende Bekleidungsindustrie Ende der 1980er Jahre (die Fotos hier stammen aus den Jahren 1988/89) als entwicklungspolitisches Erfolgsmodell: Beschäftigung für Frauen, außerhalb der Landwirtschaft und in einem dynamischen Sektor der privaten Wirtschaft. Und trotz aller Schlagzeilen von Hungerlöhnen und Brandkatastrophen ist das durchaus gelungen. Frauen in Beschäftigung gewinnen einen größeren Status und sind erreichbar für Gesundheits- und Familienfürsorge.

Es liegt in unserem Interesse als Konsumenten, dass in den Ländern, in denen unsere Mode etc. produziert wird, gute Löhne gezahlt werden. Dann gibt es keinen Grund, die Heimat dort zu verlassen. Sonst hängen nicht nur das Sweatshirt oder Hemd „Made in Bangladesh“ in Deinem Kleiderschrank, sondern seine Näherinnen und Näher stehen vor der Tür.

Nachtrag: Bangladesh Garment Factories reopen after Violent Protests. New Straits Times, Kuala Lumpur, 15.11.2023

Bangladesh Garment Workers Fighting for Pay face Brutal Violence and Threats. THE GUARDIAN online, 16.11.2023

Update Dezember 2025:

A difficult year on the apparel factory floor. The Daily Star Dhaka, 24.12.2025


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3 Gedanken zu “Wenn nicht das Hemd kommt, sondern seine Näherin

  1. So isses! Und eine verdreifachung des dortigen Lohnes wird man in den Kosten für das fertige Produkt bei uns kaum merken. Vielleicht in der Bilanz der Unternehmen, aber auch dort kaum störend. Denn eine Näherin kann in einem Monat ganz schön viele Tshirts nähen…

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