Retro: Bus(tor)tour

Ein guter Freund hat eine Bus-Phobie: Er besteigt keines jener leisen und umweltfreundlichen Fahrzeuge, die durch unser Städtchen kurven, meist spärlich besetzt. Dann hätte er Mitte der 1980er Jahre im südindischen Tamil Nadu leben müssen. Außer Bussen gab es für kurze und mittlere Strecken keine Alternative. Eine Tagesfahrt in die glühend heiße Ebene zum Einkauf in der Tempelstadt Madurai bestand alleine aus acht Stunden im Bus.

Busbahnhof in Palani (1983): Man beachte, fast alle laufen barfuß.

Jedes Dorf war mit jedem Dorf und jeder Stadt in Tamil Nadu per Bus verbunden, jederzeit, spottbillig (auch für mein indisches Gehalt) – aber auch eine Portion Todesmut war nötig. Man musste nichts planen, irgendein Bus fuhr immer zum gewünschten Ziel.

Und was für Gefährte das waren: solidestes Stahlgerüst mit bunt bemalten Blechen verkleidet. Die Fenster offen, allenfalls zwei Gitterstäbe trennten dich vom Straßengraben. Setzte der Monsun ein, schützten dich Kunststofflamellen vor dem Wolkenbruch – es war Aufgabe der Passagiere diese herunter zu lassen.

Rushhour am Busstand
Zum Vergleich: Busbahnhof in Tamil Nadu 30 Jahre später (ca. 2012): A/C-Busse mit Video

Die Fahrer und Schaffner waren Könige der Landstraße. In ihrer Dienstkleidung von schmutzigem Oliv konnte man sie leicht erkennen. Der Schaffner zum Beispiel stand unentwegt im Mittelgang und kassierte den Fahrpreis. In voller Fahrt und auf holprigen Straßen musste er mit einer Hand die Balance halten, mit der anderen Wechselgeld (Scheine und Münzen) sowie verschieden farbige Fahrscheine von einem Blöckchen aushändigen. Ich hätte diese Kunstfertigkeit für die Nachwelt filmen sollen. Jeder am Straßenrand konnte den Bus anhalten. Manchmal stieg im Nirgendwo eine Person im Lunghi und einem kleinen Stoffbeutel als Reisegepäck zu – und fuhr gleich einmal 300 km mit. Mit einer Schnur an der Decke betätigte der Schaffner eine Glocke, die dem Fahrer signalisierte: „Alle drin, du kannst los düsen!“ Als Fahrgast in einem Todesgefährt lernst du schnell, Fatalismus als Lebensphilosophie zu akzeptieren.

Bei besonders frequentierten Strecken gab es mehr Fahrgäste als Sitze. Sobald der Bus am Busbahnhof zur Abfahrt bereit stand, rannten alle los und warfen Tücher und sonstige Textilien durch die Fenster. In Südindien galt dies als gültige Platzreservierung. Unsere höfliche Zurückhaltung („bitte nach Ihnen“) kostete uns ziemlich viele negative Überraschungen.

Eine Busfahrt ist mir besonders in Erinnerung: Wir waren unterwegs für einen Kurzbesuch in der Tempelstadt Tiruchendur im äußersten, ariden Südosten Tamil Nadus. Bei voller Fahrt brach die Hinterachse, der Fahrer brachte das Vehikel glücklicherweise zum Stehen. Es war spätnachmittags und auf der Route waren nicht viele Busse unterwegs oder schon brechend (!) voll.

Auf dem Weg nach Tiruchendur (1983)

Da war guter Rat teuer. Ein Lastwagenfahrer erbarmte sich der vier Foreigners und brachte sie ans Ziel.


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2 Gedanken zu “Retro: Bus(tor)tour

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