Zurück ins Mittelalter?

Das Mittelalter ist zurück! Ich meine nicht die Klöster, Dome oder Pfalzruinen zwischen Hildesheim und Speyer, zwischen Magdeburg und Aachen. Das immerhin sind ziemlich beständige Zeugen einer Zeit, als gewaltige Kirchenschiffe neben grasbedeckten Hütten wie das Versprechen des himmlischen Jerusalems erschienen – ein Gefühl der Ewigkeit schon im Diesseits.

Ich meine auch nicht, dass der Rotkäppchen-Sekt an Saale und Unstrut seine Wurzeln (das Bild passt) bei den Mönchen im Kloster Memleben des 10. Jhds. hat (das wude uns dort beim Besuch am Dienstag berichtet). Der gepflegte Schluck transportiert so gleichsam das Mittelalter in den Sektkelch.

Ich meine, dass „Zustände wie im Mittelalter“ nie weg waren, sondern mitten unter uns sind. Man tut dem Mittelalter Unrecht. Wer bei uns auf Fake News via digitale Netzwerke herein fällt, für wen Impfungen ein Werk des Teufels sind, wer glaubt, die Erde ist eine Scheibe und globale Eliten wollen uns durch Zuwanderung aus Afrika ersetzen oder gefügig machen, der steckt im selben Level der Aufklärung, wie Menschen im 12. Jhd., die sich Wunderwirkung von Reliquien erhofften und an jeder Ecke den Teufel sahen, der mit der höllischen Versuchung lockte.

Figur an der Fassade des Doms zu Magdeburg

Wenn in Bayern, jenes Herzogtum einst als Lehen an einen Braunschweiger Verwandten des Stauferkaisers Barbarossa gegeben, ein hochrangiger Politiker als 1987 fast mündiger Gymnasiast ein hässliches Pamphlet unter die Mitschüler bringt und heute mit großer Zustimmung gewählt wird, dann ist es mit der Aufklärung – unser ganzer Stolz – nicht weit her.

Noch aufschlussreicher ist folgende Rede: „Dass bei diesen misslichen Umständen eine vorzügliche Tapferkeit nötig ist, seht Ihr selbst, edle Krieger, da ihr den Feind nicht in der Entfernung, sondern gerade vor Euch habt. … Soll ich nun in meinem Reich die Flucht ergreifen? Man ist uns an Menge überlegen, ich weiß das, aber nicht an Tapferkeit, nicht an Waffen. Denn wir haben uns ja selbst davon überzeugt, dass sie größtenteils von allen Waffen entblößt sind. … Wir müssten uns ja schämen, wenn wir, Herren von fast ganz Europa, unseren Feinden nachgeben müssten. Wenn dann mal keine Rettung ist, meine Krieger, so ist’s doch besser rühmlich zu sterben als sklavisch zu leben …

Eine Rede an Söldner vor Bachmut? Oder eine an die Truppen vor der Sommeroffensive? Falsch geraten. Es ist die Ansprache von Otto dem Großen an seine Befehlshaber vor der entscheidenden Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg. Wir schreiben den 10. August 955. Später wurde er in Rom zum Kaiser gekrönt. Aber klingt irgendwie aktuell.

Otto starb übrigens am 7. Mai 973 während eines Pfingstgottesdienstes in Memleben. Er war 60 und auf dem Höhepunkt seiner politischen Erfolge. Sein Tod traf ihn an dersselben Stelle wie 37 Jahre zuvor seinen Vater, Heinrich I. Das kleine Dorf an der Unstrut liegt unweit jener Fundstelle der „Himmelsscheibe von Nebra“ – die lag aber bei Ottos Tod auch schon gut 1500 Jahre unter der Erde.

Krypta in der Klosterkirche von Memleben

Die Pfalz und eine riesige Kirche aus dem 10. Jahrhundert in Memleben sind zerfallen. Archäologen suchen derzeit noch nach dem Herz des Kaisers, das nach mittelalterlicher Tradition getrennt begraben wurde – sein Grab liegt in der Apsis des Magdeburger Doms.

Aber auf einer Bank im Klostergarten von Memleben, zwischen den Resten von gotischen Spitzbögen und Blumen- und Kräuterbeeten, lässt sich bei einer Tasse Kaffee vorzüglich darüber nachdenken, wie „modern“ das Mittelalter und wie „mittelalterlich“ die Moderne ist. Unsere politische Existenz scheint zeitlos.


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3 Gedanken zu “Zurück ins Mittelalter?

  1. Wunderwirkung von Reliquien ist übrigens auch 2023 noch sehr verbreitet. Zumindest unter Katholiken. Erst letzte Woche war ich Zeuge, wie sich Hunderte anstellten, um einer Marienfigur in Montserrat den Globus zu küssen. Das bringt angeblich Wohlstand. Den Globus hielt sie in der Hand.

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    1. Das stimmt, da ist „Mittelalter“ Kontinuität, und auch anderswo und in vielen Lebensbereichen war es nie weg. Montserrat? Toll, da war ich vor langer Zeit auch einmal. Schreib mal was dazu, egal ob sinnlos oder -stiftend 🙂

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