Preußische Tugenden – von Halle in die Welt

Wer hat sie erfunden, jene „Tugenden“, mit denen „wir“ groß geworden sind? Beamten-Ethos („unermüdlich im Dienst von Staat und Gesellschaft“), Pflichtgefühl (nein, nicht „Ruhe ist erste Bürgerpflicht“, aber z.B. Wehrpflicht), Zuverlässigkeit (nicht unbedingt Treue, aber wenigstens Pünktlichkeit), Gemeinwohl (vor Eigennutz, Zivildienst eingeschlossen). Es gäbe noch mehr Beispiele.

Wie haben die sich in unsere nationale Identität eingeschlichen (wenigstens sagt man uns das nach) und vor allem wo? Nein, falsch geraten: nicht von den Preußenkönigen in Potsdam wurden sie uns eingeimpft, sondern sie kamen aus Halle an der Saale. Wie das?

Es begann ganz christlich, genauer pietistisch. Das klingt zwar wie frömmelnd, gemeint aber ist eine Ära Ende des 17. Jahrhunderts (Pietismus), als hohe Bildungsansprüche und christliche geprägte soziale Verantwortung, vor allem im protestantischen Preußen, keine Widersprüche, sondern sich ergänzende gesellschaftliche Leitlinien wurden. Sie kommen in einer Person besonders zusammen: August Hermann Francke (1663-1727). In Halle gründete er ein Waisenhaus mit angeschlossener Schule. Solch soziale Tätigkeit war bis dahin unbekannt. Aus dem Waisenhaus wurde eine Bildungseinrichtung, ein Wirtschaftsunternehmen und eine „international“ agierende Organisation – in Südindien sind die Spuren bis heute erhalten.

Tranquebar: dänische Spuren am Indischen Ozean. Fullcircle712.com, 31.1.2023

Restaurant in den Franckeschen Stiftungen, Halle

Franckes Aktivitäten wurden weit über Halle berühmt und im Juni 1731 kam Friedrich Wilhelm I. persönlich zu Besuch, um sich von Sinn und Nutzen zu überzeugen. Ausgerechnet jener Soldatenkönig? Er baute nicht nur ein Heer sowie einen kompletten Beamtenstaat, sondern führte die Schulpflicht in Preußen ein.

Webseite zu August Hermann Francke bei den Franckeschen Stiftungen

Francke hat nicht wenig dazu beigetragen, seine Ideen über den Hof in Potsdam zu Prinzipien in Preußen zu machen, auch weil Schüler aus dem Waisenhaus einflussreiche Positionen am Hof erhielten. Der britische Autor Peter Watson widmet in seinem 2010 erschienen Buch „The German Genius“ ein ganzes Kapitel dem „Pietismus und Preußentum“ (S. 45-47). Bestmögliche Bildung für jeden und soziale Verantwortung waren Franckes pädagogische Leitgedanken. Heute klingen sie ein wenig altmodisch, damals waren sie transformativ. „Preußische Tugenden“ bekamen im Laufe des Kaiserreiches und des Faschismus einen extrem schlechten Ruf (ein Politiker meinte in 1980er Jahren, damit konnte man auch ein KZ leiten). Aber sie prägen bis heute das Verständnis von Staat und Gesellschaft, auch wenn Lokführer, Briefträger und Lehrer nicht mehr automatisch Beamte sind.

Franckes Lebenswerk und das seiner Nachfolger hat nicht nur als Ideengebäude überlebt, die tatsächlichen Gebäude der Franckeschen Stiftungen samt Schulen, dem Waisenhaus, einer Apotheke und einer Sammlung von Gegenständen aus aller Welt im Dachgeschoss kann man in Halle besichtigen. Das Ensenble ist zur Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe vorgsehen.


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