Staatsfete mit Rotbart

Auf der Maaraue an der Mainmündung ließ er es nochmals krachen. Er war 62, da tut man das. Tausende Gäste aus den Teilen des Reiches und dem benachbarten Ausland waren zu Pfingsten 1184 gekommen und wurden in einer eigens gebauten Zelt- und Hüttenstadt beherbergt. Die Festlichkeiten dauerten tagelang.

Blick von der Maaraue über den Rhein auf den Mainzer Dom

Heute ist die Maaraue, eine Mündungsinsel bei Mainz-Kostheim, ein beliebtes Naherholungsgebiet auf der hessischen Seite des Rheinufers. Wir waren gestern nochmals da, weil die Maaraue auch für uns ein Stück Familiengeschichte ist: Wir wohnten Anfang der 1980er Jahre in Kostheim und gingen mit unserem Nachwuchs oft in der Maaraue und am Rheinufer spazieren. Versteckt unter Bäumen fanden wir eine Stele, die zur 800-Jahrfeier des Hoftages zu Mainz im Jahr 1984 aufgestellt wurde.

Vor 839 Jahren hatte der kaiserliche Gastgeber des Hoftages zu Mainz Grund zum Feiern. Sein Lebenswerk zwischen Ostsee und Rom war in im Mai 1184 gut geordnet: Landwirtschaft, Handwerk und Handel blühten, die Rivalen waren in Schach gehalten. Das galt vor allem für jenen Cousin aus der Welfen-Familie, der sich in Braunschweig eine ansehnliche Residenz samt einer bronzenen Löwenstatue aufgebaut hatte. Ihm überließ er Bayern und seit dem hat das Herzogtum auch einen Löwen im Wappen. Nach einem Durcheinander bei der Papstwahl Jahrzehnte zuvor war auch im Vatikan wieder Ordnung, die reichen Städte in der Poebene hatte er zur Räson gebracht. Mailand wurde platt gemacht und dessen Dreikönigsschrein nach Köln „evakuiert“. Was für ein Glück für Köln, das immerhin einen Platz nach ihm benannt hat.

Marktplatz in Hagenau (Elsass)

Geboren war er 1122 im elsässischen Hagenau. Heute erinnert im Innenhof eines Altersheims, wenige dutzend Meter vom Marktplatz entfernt, eine Stele an die Stelle der Kaiserpfalz. Der Sohn der Stadt gewährte ihr 1164 Stadtrechte, sein Enkel, sonst eher in Apulien unterwegs, erwählte sie zu seiner Lieblingspfalz.

Der Hoftag an der Mainmündung wurde ein rauschendes Fest mit Hochamt und Ritterspielen. Bei seinen Untertanen, zumindest nördlich der Alpen, war er beliebt und schon zu Lebzeiten legendär. Auf dem Pferd hatten er und sein Tross fast so viele Meilen hinter sich, wie heute Staatsoberhäupter in ihren Regierungsjets. Wie fit musste ein Herrscher im 12. Jahrhundert sein, um Schlachten zu schlagen, Reichstage zwischen Rhein, Elbe oder Donau abzuhalten, Nachwuchs zu zeugen und zwischen rivalisierenden Privatarmeen zu vermitteln. Und sozusagen vom Rücken des Pferdes immer europäische Politik samt Kirchenpolitik im Auge haben. Chapeau!

Man stelle sich vor, unser Kanzler müsste zum Nato-Gipfel nach Vilnius reiten und gleich danach quer durchs Reich über die Alpen nach Mailand, denen etwas auf die Mütze geben und dann mitten in die Auseinandersetzungen zwischen Papst und Bürgern in Rom den Nerv haben, sich von Hadrian IV. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation krönen zu lassen. Das waren die Zeiten Friedrichs I., jenem Staufer, den die Italiener Barbarossa nannten, weil sein Bart rötlich schimmerte.

Friedrich I, Barbarossa (Mitte), rechts und links seine Söhne) Quelle: Wikipedia

In Zeiten vor Twitter und Instagram ließ man sich auf Pergament malen, und dort taucht er mit seinen rotblonden Haaren auf. „Seine leibliche Gestalt ist wohl gebaut, … sein Haar ist blond und oben an der Stirn etwas gekräuselt, die Ohren werden kaum durch darüber fallende Haare verdeckt, da der Barbier aus Rücksicht auf die Würde des Reichs das Haupthaar und den Backenbart durch dauerndes Nachschneiden kürzt. Seine Augen sind scharf und durchdringend, die Nase ist schön, der Bart rötlich, die Lippen sind schmal und heiter.“ So beschreibt ihn ein Zeitgenosse, sein Friseur hatte die Zeichen der Zeit erkannt: Die Würde des Reiches war auch im Haupthaar verankert.

Und dann erreicht die Nachricht von seinem Tod im Sommer 1190 ein fassungsloses Reich. Das konnte nicht sein, er war doch zu einem edlen Zweck Richtung Jerusalem unterwegs. Sein letztes großes Projekt im „Heiligen Land“. Das Kreuzzugsheer hatte es jenseits von Konya, im Westen Anatoliens, in das Tal des Göksu-Flusses Richtung Mittelmeerküste geschafft. Es ist heiß dort im Juni (wir hatten in Silifke schon Mitte Mai über 35 Grad). Er nahm ein Bad und ertrank. Vermutlich ein Hitzschlag, er war immerhin 68, ein stattliches Alter zu seiner Zeit.

Das Tal des Göksu in Richtung Nordwesten, an der Stelle, wo Barbarossa ertrank

Bevor die Nachricht in Deutschland ankam, war der Leichnam bereits zerlegt: das Herz vermutlich in Tarsus beigesetzt, die Weichteile in Antakya (dem früheren Antiochia, gerade vom Erdbeben zerstört) und die Knochen wohl in Tyros im heutigen Libanon. Jedenfalls hat der berühmteste Kaiser des Mittelalters keine Grabstätte wie seine Vorgänger, sei es in Aachen, Magdeburg, Speyer und Dutzenden anderen Domen.

Kein Wunder, dass Legenden entstanden, Friedrich I. sei gar nicht tot. So geht die Mär, im Nationalismus des 19. Jhs. gern gepflegt, dass er tief im Kyffhäuser, einem Berg südlich des Harzes ruhe und wiederkommen werde, wenn Deutschland geeint sei. Bis heute gibt es Fans der Kyffhäuser-Legende, und nicht immer sind sie im liberalen Lager verortet.

(Familien)Geschichte in der Maaraue

An der Maaraue 1982

Irgendwie kommen Geschichte und private Biographie zuweilen zusammen, wie eben auf der Maaraue bei Mainz-Kostheim und Mainz-Kastel. Der Name führt in die Irre, beide Stadtteile wurden bei der Nachkriegsneugliederung der Stadt Wiesbaden zugeschlagen, obwohl hier der Mainzer Karneval genauso blüht wie in Gonsenheim oder Mombach. Und bekanntermaßen wohnen hier die treuesten Mainz 05 -Fans.

Einst ein Arbeitervorort von Mainz sind heute die Industrien in Kostheim und Kastel verschwunden (Linde Kältetechnik und ein Sägewerk komplett zurück gebaut, letzteres passenderweise durch eine Seniorenresidenz ersetzt). Aber die Maaraue war schon vor über 40 Jahren unser Ziel für Spaziergänge am Ufer von Main und Rhein. Die prächtigen Schiffe der Köln-Düsseldorfer, die japanische oder amerikanische Touristen Richtung Loreley schippern, zogen an uns vorbei. Über uns brummten die großen Maschinen im Landeanflug auf Frankfurt.

Die Mainbrücke bei Kostheim, 1982 (links), 2023 (rechts
Mainufer an der Kostheimer Seite: 1982 (links), 2023 (rechts)

So muss es auch 1184 gewesen sein, als die Region ebenfalls an den Fernhandelswegen Europas lag. Barbarossa hätte sich keinen schöneren Platz für einen Hoftag aussuchen können. Heute sind hier Kleingartenanlagen, Schwimmbad und Restaurantbetriebe.

Containerterminal auf der Mainspitze, an der Mündung in den Rhein

An so einem Sommertag wie gestern würde ich gern mit Friedrich I. über Europa diskutieren. Erinnern ihn EU-Gipfel nicht sehr an seine Hoftage? Oder das Gerangel auf dem Balkan, er hätte mit Ross und Reitern dazwischen gefunkt. Am Denkmal zur 800-Jahrfeier aus dem Jahr 1984 (Barbarossa-Säule), als wir Kostheim schon Richtung Südindien verlassen hatten, könnte ich ihn zum Beispiel fragen, ob er Bayern nicht nochmals neu vergeben kann, etwa an einen Italiener. Es wäre eine schöne Versöhnungsgeste.


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Staatsfete mit Rotbart

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.