Retro: eine Weihnachtsgeschichte

Aus: DIE ZEIT (Modernes Leben), 20.12.1989:

Auf zwei Päckchen aus der Heimat freute sich der Entwicklungshelfer in Bangladesch. Nach Stunden auf dem Postamt ist er nur noch „irgendwie dankbar“.

*Titelfoto: Die Kerze auf unserer Veranda, in der Aprilhitze geschmolzen (April 1988)

Mutters Plätzchen, fein zerkrümelt

Heiligabend auf dem Postamt in Dhaka

Von Reiner Jüngst

Strahlend blauer Himmel und warme Sonne am 24. Dezember, das ist Weihnachten am Wendekreis des Krebses. Nach einigen Streiktagen arbeiten die Behörden in Dhaka (Bangladesh) heute morgen wieder. Sie werden ahnen, wie wichtig uns das Fest in der Ferne geworden ist. Zwei Päckchen aus Deutschland seien angekommen. So entziffere ich das Gekritzel der Postbehörde. Ach, wer Weihnachten in Übersee verbringt, der freut sich doppelt auf jede Kleinigkeit aus der Heimat. Erwartungsvoll besteige ich eine Rikscha zur Hauptpost.

Der Flur im Paketamt ist stockdunkel. Irgendwie finde ich den großen Raum der Zollbehörde. Von der Decke hängen Ventilatoren wie riesige Spinnen herab. Matte Glühbirnen beleuchten die Szenerie aus Tischen, in Gruppen zusammengestellt und bedeckt mit grüngelb gemusterten Plastikfolien. Ein schmächtiger junger Mann am Tisch in der dunkelsten Ecke winkt mich zu sich und weist mir einen Stuhl zu. Er droht von angerosteten Blechregalen, die mit vergilbten Akten überladen sind, begraben zu werden. Der junge Mann nimmt meine beiden Zettel und legt sie fein säuberlich vor sich hin.

Zufrieden klopft er eine Zigarette aus der Packung. Nur Streichhölzer findet er nicht, und ich bin Nichtraucher. Glücklicherweise erscheint eben ein Kollege. Der hat welche. Angeregt vertiefen sich die beiden in eine Unterhaltung, die ich erst durch ein Räuspern unterbrechen kann. Sichtlich entspannt wendet sich der junge Mann meinen beiden Papieren zu. In dem Stapel dicker Wälzer neben sich findet er die Registriernummern meiner Postsendungen. Er lächelt zufrieden. Aus seiner Schublade zieht er nun zwei Papierbögen; den unbeschriebenen faltet er und reißt eine Hälfte davon ab. Auf der soll ich formlos den Superintendenten der Zollbehörde um die Ausgabe meiner Päckchen bitten. So habe ich seine Gestik verstanden. Ich versehe meinen Antrag mit einer freundlichen Grußformel und vergesse nicht zu betonen, daß es sich um zwei Weihnachtspäckchen aus Deutschland handelt. Der junge Mann heftet die Blätter zusammen und bittet mich, die Bearbeitungsgebühr zu entrichten. Leider hat er kein Wechselgeld. Ich erhöhe den Betrag auf das doppelte der amtlichen Gebührenmarken. Jetzt kann er wechseln. Und schließlich ist Weihnachten.

Behäbig geleitet er mich zum Zollinspektor jenseits einer Holzschranke. Ich bin der erste Kunde an diesem Morgen und störe den Inspektor in angeregter Unterhaltung. Mit einer Handbewegung weist er mir einen Stuhl zu. Sorgfältig und mit strenger Miene studiert er meine Unterlagen. Dann kritzelt er vier Zahlen auf einen Zettel. Ich solle die Päckchen an der Auslandspaketstelle zur Inspektion bereitlegen lassen, murrt er. Der Postbeamte gleich am Eingang weist mir einen Stuhl zu. Zwei Plakate zieren die braungefleckte Wand über seinem Schreibtisch. „Die Post ist überall“, besagt das eine und zeigt eine Weltkugel halb im Briefcouvert steckend. Das andere preist den schnellen Service, den die staatliche Postbehörde jetzt im Auslandsverkehr anbietet. Mit der Souveränität seines Amtes schlägt der Beamte auf die Schelle, die den leeren Schreibtisch ziert. Ein Assistent nähert sich zögernd. Der Beamte fordert ihn auf, im Käfig für Auslandspakete nach denen mit meinen Nummern zu suchen.

Da der Assistent die Schlüssel nicht zur Hand hat, verschwindet er hinter einem Paketberg und taucht nicht wieder auf. Ich erinnere den Beamten an den Zweck meines Besuchs. Er hält mich sicher für sehr ungeduldig. Unwirsch ruft er irgend etwas in den Raum. Der Assistent erscheint wieder, schließt den Käfig auf und begibt sich auf die Suche. Nachdem er eine Anzahl Kartons von einem auf den anderen Stapel geworfen hat, zeigt sich eines meiner Päckchen. Schnell bringt er es an unseren Tisch, zufrieden mit seinem Erfolg. Der Postbeamte schaut mich triumphierend an, als hätte ich die Effizienz seiner Behörde bezweifelt. Leider will das zweite Päckchen nicht auftauchen. Ich biete meine Hilfe an. Aber barsch werde ich auf die strengen Vorschriften verwiesen.

Ein Blick auf die Uhr erinnert mich, daß mein Rikscha-Fahrer glauben muß, ich sei verschollen. Ich entschuldige mich im Paketamt und finde den Fahrer entspannt in der warmen Vormittagssonne wartend. Als ich zurückkomme, hat man das zweite Päckchen gefunden. Ich bin erleichtert und überquere den dunklen Flur hinüber in die Zollhalle. Der Zollinspektor ist in einem Aktenberg verschwunden, verspricht aber, sogleich ins Paketamt zu kommen. Ich gehe dorthin zurück und freue mich, bald meine beiden Päckchen in der Hand zu haben. Was mag wohl drin sein? Sie sehen nicht schwer aus, aber wer weiß.

Der Assistent öffnet das erste Paket mit einer Art Schlachtermesser und schüttet den Inhalt auf den Tisch. Zwei Schokoladen-Nikoläuse ohne Kopf fallen zuerst heraus, dann eine Tüte mit Mutters Plätzchen, fein zerkrümelt. Immerhin, die Tafeln Schokolade sind intakt! auch die in Silberpapier gewickelten Socken. Dem zweiten Päckchen ergeht es nicht anders, nur daß die Tante einen Tannenzweig mit hineingelegt hatte. Die Nadeln fallen auf den Tisch, und ein Duft von Fichtenwald steigt in die Nase. Der Zollinspektor notiert alles sorgfältig auf gelben Formularen. „Nur Essenszeug“, versucht ihn der Assistent einfühlsam zu beschwichtigen, denn der Inspektor setzt den Zolltarif fest. Mir freundlich zunickend stopft er Socken, Schokolade und Tannenzweig zurück in die Schachteln.

Der Zollinspektor reicht mir das auf sechs Blätter angewachsene Formularbündel und beauftragt mich, die Beglaubigung des stellvertretenden Superintendenten einzuholen. An dessen Tisch in der Zollhalle stehe ich als vierter in einer Reihe. Der stellvertretende Superintendent ist ein eleganter Mann in dunklem Anzug und Krawatte. Von seiner Position am Kopfende des Saales kann er alle Tische überblicken. Wie gewohnt bittet er mich Platz zu nehmen, studiert die Papiere und schreibt eine Kleinigkeit auf die letzte Seite. Es sei notwendig, die Unterschrift des Superintendenten persönlich einzuholen, belehrt er mich mit einem freundlichen Kopfnicken. Zum Glück ist der Superintendent gerade in seinem Büro nebenan. Die drei vor mir befragt der gewichtige Herr sehr genau. Während ich Platz nehmen darf, beeilen sich die drei anderen mit artigen Verbeugungen, ihn von der Harmlosigkeit ihres Importes zu überzeugen. Als er sich meinen Papieren zuwendet, erkläre ich verbindlich und möglichst unverkrampft: „Zwei kleine Päckchen, Süßigkeiten für meine Kinder. Weihnachten, Sie verstehen.“ Er lächelt, und er unterschreibt. Unhöflich hastig wünsche ich ihm ein Frohes Fest.

Auf dem Weg zurück zur Paketstelle läuft mir der Zollinspektor entgegen. „Kommen Sie mit“, meint er ungeduldig und notiert einige Zahlen auf einer freien Ecke meiner Dokumente. Er reißt die Ecke ab und drückt sie mir in die Hand, den Rest der Unterlagen behält er. Damit müsse ich nun in die Abrechnungsstelle, gehen und mir ein Formular geben lassen. Das benötige er für die weitere Bearbeitung des Falles.

An seinen Hinweis denkend, die Abrechnungsstelle sei gleich neben der Toilette am anderen Ende des dunklen Flurs, mache ich mich auf den Weg. Die Toilette ist jedenfalls einfach zu finden, sie riecht durchdringend bis auf den Flur. Im schmalen, langen Raum der Abrechnungsstelle sitzen vier ältere Herren in traditioneller Kleidung. Ich habe Männer immer um die Möglichkeit beneidet, statt enger Hosen ein lässig um die Hüfte geschlungenes Tuch zu tragen, auch an Weihnachten. Zwei der Herren haben den Kopf auf den Tisch gleich neben ihre Schreibmaschinen gelegt. Sie schauen nur kurz auf, als ich den Raum betrete. Am unteren Ende treffe ich die drei vom Superintendenten wieder. Der Buchhalter weist mir einen Stuhl zu. Als ich an der Reihe bin, finden wir gemeinsam die Registriernummern in einem dicken Wälzer. Der Buchhalter holt daraufhin ein überdimensionales Formular aus dem Stapel im Regal, auf dem wundersamer Weise mein Name und eine Paketnummer stehen. Ich bedanke mich, als er einen Boten mit zurück zum Zollinspektor schickt.

Der bestätigt den Empfang des Riesenformulars im mitgebrachten Registrierbuch. Der Bote ist gerade aus dem Saal verschwunden, da fällt dem Inspektor ein, daß ich ja zwei dieser Formulare haben müßte, eins für jedes Päckchen.

Ich renne zurück zur Buchhaltung, aber dort sind schon weitere Kunden vor mir. Der Buchhalter von vorhin hat Mitleid. Er gibt mir das zweite Formular, diesmal ohne Boten und Registrierbuch. In der großen Halle kann der Inspektor nun die Gebührenrechnung vornehmen. Sorgfältig breitet er die Formulare auf seinem Tisch aus. Sie bedecken das durchlöcherte Plastiktischtuch vollständig. Er überträgt die Notizen seiner Inspektion in die Spalten des Riesenformulars, wiederholt die Prozedur für das zweite Päckchen. Ich überlege, wie viel wohl die Einfuhr von Tannenzweigen kostet, und hätte fast überhört, wie er mich drängt, hinüber zur Zollkasse zu gehen, wo alles weitere erledigt werde.

Da ist gerade niemand. Ich rufe „Hallo“. Zögernd erscheint der Chefkassierer aus dem Dunkeln. Eine Kollegin folgt ihm, eindringlich auf ihn einredend. Am Schalter angelangt, öffnet er das Stempelkissen und macht einen Testabdruck. Es, fällt ihm schwer, sich unter dem Wortschwall der Kollegin zu konzentrieren. Denn er muß die Angaben von dem Riesenformular auf ein anderes Formblatt übertragen. Es gelingt ihm schließlich, mir noch mitzuteilen, daß ich mit diesem neuen Formblatt nun zurück zur Paketstelle gehen müsse, bevor er sich vollends der Kollegin zuwenden muß.

Die Postbeamten von vorhin sind in einer humorvollen Diskussion. Scherzhafte Bemerkungen fliegen unter fröhlichem Lachen über die Schreibtische. Ein Oberinspektor gesellt sich zu uns und meint aufmunternd, bald sei es geschafft. Der Beamte von vorhin macht sich an einem neuen Formular zu schaffen. Meinen Paß möchte er sehen. Alle Angaben studiert er mit Interesse. „Von Deutschland?“ fragt er nach. Ich bejahe. „Deutschland, gutes Land“, meint er. Dann bittet er mich, Paßnummer, Ausstellungsort, Datum, Name und Beruf meines Vaters auf das Formular zu schreiben. Viermal muß ich die Kohlepausen signieren, alle datiert mit 24. Dezember. Es ist ja Heiligabend.

Der Postbeamte überprüft noch einmal meine Angaben. Nun bedürfe es nur noch der Unterschrift des Amtsleiters und ich könne meine Päckchen in Empfang nehmen, beruhigt er mich. Der Amtsleiter gibt sich unwillig, als ich eintrete. In seinem großen Büro mit giftgrün angestrichenen Wänden debattiert er gerade mit einem Gast. „Wie finden Sie unser Land?“ fragt er mich, während er etwas auf meine Papiere kritzelt. Ich riskiere nichts und bin höflich.

Der Beamte in der Auslandspaketstelle verlangt nun die Zollgebühr. Für einen Moment durchzuckt mich der beunruhigende Gedanke, vielleicht nicht genug Geld eingesteckt zu haben. Doch es reicht. Irgendwie dankbar nehme ich die beiden Päckchen unter die Arme.

Ich bin noch nicht aus der Tür, da tönt es von hinten: „Weihnachts-Bakschisch“. Ich gebe dem Assistenten, dem Beamten und dem Oberinspektor jeweils die gleiche Summe. Schließlich ist ja Weihnachten. Mit meinen Päckchen unterm Arm stolpere ich in das grelle Mittagslicht.

DIE ZEIT (Modernes Leben), 20.12.1989

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7 Gedanken zu “Retro: eine Weihnachtsgeschichte

  1. Herrlich! Und dann soll sich noch jemand über die Bürokratie in Deutschland beklagen! Das erinnert mich einerseits an einen Asterix und Obelix Band, andererseits an unsere Einreise in Kambodscha, wo etwa ein Dutzend Beamte unsere Reisepässe weitergereicht hatten, bis endlich der Stempel drin war.

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    1. Die Ironie war, dass irgendwo in den Hallen ein Plakat hing, welches den effizienten Service im Auslandsverkehr anpries. Ich erinnere mich, dass meine Familie glaubte, ich sei verschollen (ich kam erst nachmittags aus der Stadt in unseren Vorort zurück). In jedem Fall: Frohe Weihnachten für Dich!

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      1. Ehrlich gesagt, ich habe mich noch am selben Abend hingesetzt und das Ganze in einen kleinen Computer getippt, den ich damals in Bangladesh dabei hatte. „Kafkaesk“ ist die tatsächlich einzig zutreffende Bezeichnung.

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