Fortschritt in Kerala

Indien hat sich zum Global Player gemausert, wirtschaftlich und politisch. Liest man (siehe auch Graphik unten BIP pro Kopf).

Für viele Reisende bleibt aber immer noch der Eindruck eines Landes mit viel Armut und Elend. Satelliten und Mondforschung da, Slums und Umweltprobleme dort. IT Hub und aufkommende Industrienation da, gesellschaftliche Diskriminierung und Unterdrückung dort. Tatsächlich existieren diese Gegensätze nebeneinander. Wie sollte es anders sein in einem Land, das einen Subkontinent abdeckt, mit zwei Dutzend Sprachen und Schriften und mit 1,4 Milliarden Menschen.

Quelle: FY 2024 25 NSDP per capita at current prices In lakh rupees – List of Indian states and union territories by GDP per capita – Wikipedia

Es gibt aber erhebliche regionale Unterschiede, zwischen Metropolen und Land, zwischen Nord und Süd und zwischen den Bundesstaaten. Das gibt es auch bei uns: Hamburg hat ein höheres BIP wie Brandenburg, Bayern ist reicher wie das Saarland. Ein Kriterium für Volkswirte war und ist, wohin ausländische Direktinvestitionen (FDI, nach dem englischen Begriff) fließen: Deren Zielregionen, so der klassische neoliberale Gedanke, müssen Standortvorteile haben, die es anderswo nicht gibt: geographische Lage, Infrastruktur und vor allem der „Arbeitsmarkt“. Dafür erfüllt Kerala an der Südwestküste beste Bedingungen: eine hochgebildete Bevölkerung, hohe soziale Standards, eine progressive Regierung, Weltoffenheit aus seiner Tradition als Handelsraum, Tourismus-Hub für Ayurveda Fans etc.

Blick über die Lagune von Kochi (2012)

Aber die FDIs gehen nicht nach Kerala (und Westbengalen, gleichfalls ein Bundesstaat mit hohen sozialen Standards), sondern nach Gujarat, Karnataka, Tamil Nadu und Maharashtra. Grob gesagt: europäische Airlines (immer ein Maßstab für Business Kontakte) fliegen Chennai und Bengaluru an, nicht hingegen Kochi oder Kolkata.

Toyota, Honda turn India into car production hub in pivot away from China. Reuters.com, 6.11.2025

Kreuzfahrtschiff in der Lagune von Kochi 2012)

Die über 50 Jahre zu beobachtende wirtschaftliche Aufholjagd des indischen Südens ist in jedem Fall eine Erfolgsstory, war er doch der rückständige Teil des Landes. Besonders in der Kolonialzeit galt die Madras Presidency als Armenhaus der Kronjuwele. Investititonen in Bildung und nochmals Bildung haben den Unterschied gemacht: der rapide demographische Wandel ist nur eine Folge. Tamil Nadu und Kerala zogen dem Norden davon, und die Investitionen flossen: Tamil Nadu ist heute Standort von Autoindustrie und der für Smartphones der Topklasse.

Screenshot Flightradar24.com, 1.11.25

Kerala investierte in das Humankapital, fördert Genossenschaften und Gewerkschaften, ist stolz auf seinen hohen Lebensstandard, ganz ohne Industrie. Der Arbeitsmarkt aber ist woanders: Die entscheidende Rolle spielen die Migration in die Golfstaaten und die Geldüberweisungen von dort. Man muss sich nur die Flugverbindungen übers Arabische Meer anschauen, oder das Straßenbild in den Emiraten, Saudi oder Oman: Südindien dominiert, an der Hotelrezeption oder im Krankenhaus, in der Bank oder am Mietwagenschalter. Die Airlines fliegen im Stundentakt von Kannur (Cannanore), Kozhikode (Calicut), Kochi (Cochin) und Thiruvanantapuram (Trivandrum) nach Dubai, Muscat oder Jeddah.

MG Road, Ernakulam

Kerala als Standort für Direktinvestionen schien nicht attraktiv genug: Eine selbst-, vor allem ihrer Rechte bewusste Bevölkerung, die gerne spontan streikt, ist nicht was Investoren suchen. Das mag sich ändern, wenn Indien insgesamt stärker als Produktionsstandort gesucht wird, etwa für Pharmaforschung und -produkte oder auch für IT-Dienstleistungen gerade durch KI. Aber auch ohne diese Perspektiven hat es Kerala geschafft, die letzten Reste extremer Armut zu besiegen, mit engagiertem micro targeting.

Kerala declared free from extreme poverty, first State to do so. The Hindu, 1.11.2025

Das ist doch einmal eine gute Nachricht, vielleicht hören die auch mal die Investoren.


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3 Gedanken zu “Fortschritt in Kerala

  1. Ach wie schön, auf so einem Houseboat habe ich im Februar 24 übernachtet und tolle Gespräche mit dem „Captain“ Thomas und dem Schiffsjungen „Vishnu“ geführt. Der Schiffsjunge hat abends nach dem Dienst übers Internet ein Programmiersprache gelernt …

    103) Postkarte aus Kerala

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    1. Klasse, dass Du Deine Kerala-Tour hier noch mal verlinkt hast. Passt gut zum Thema. Mir fiel noch ein, dass Kerala gute Karten durch das EU-Lieferkettengesetz hätte. Aber wer sagt das den Bossen in München, Wolfsburg oder Böblingen?

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