„Es gilt das gesprochene Wort“

So steht es unter vorbereiteten Pressetexten, die vor wichtigen Pressekonferenzen an Journalist(inn)en ausgehändigt werden. Ich habe selbst in meiner journalistischen Ausbildung daran mit gewirkt: Ein Statement wird vorgetragen, z.B. eine politische Vereinbarung, und die Presse hat Gelegenheit zu Nachfragen. Die mündlichen Antworten werden ebenfalls festgehalten und können später zitiert werden.

Was machst Du, wenn Dein Chef nicht in der Lage ist, vorm Mikrofon einen zusammenhängenden Satz zu formulieren? Solche Leute bestimmen heute Weltpolitik. Oder der Vorstandsvorsitzende eines multinationalen Unternehmens bei der Jahrespressekonferenz einen Aussetzer hat („Lassen Sie nie den CEO unbegleitet ans Mikro!“ war der freundliche Rat unserer Ausbilder) – die Börsenwerte könnten ins Uferlose stürzen.

Wenn es buchstäblich um den vielbeschworenen „Weltfrieden“ geht, läuft derzeit alles wie in einer zerstrittenen Kindergartengruppe. Ausgerechnet, wo es um Leben und Tod, Flucht und Vertreibung und Milliarden an Rüstung und Reparationen geht, wird „verhandelt“ wie in der Steinzeit.

Selbst im Mittelalter reisten Protokollanten und Biographen mit dem kaiserlichen Tross durch die Lande, schrieben und besiegelten Urkunden. Ein wichtiger Friedensvertrag zwischen zwei Großmächten ihrer Zeit wurde „in Stein gemeißelt“ – der Friedensvertrag zwischen Ägypten (Ramses II.) und dem Hethiterreich (Hattusili III.)von 1259 vor Christus. Sogar die vereinbarte Grenze der Territorien wurde festgelegt: der Orontes im heutigen Syrien/Libanon. An Verbindlichkeit waren uns die Herrscher in Luxor und Hattusa weit voraus.

Verträge und Abkommen werden von Fachleuten (Diplomaten, Juristen, Völkerrechtler) vorbereitet, diskutiert und verbindlich in den jeweiligen Landessprachen festgelegt. Erst dann treffen sich die Verantwortlichen zur Unterzeichnung, geben ihr Statement ab und erlauben Nachfragen. Dort hat das „gesprochene Wort“ Verbindlichkeit!

Was sich derzeit, ob in Alaska oder Washington abspielt, ist kaum noch zu unterbieten. Heute treffen sich erwachsene, gewählte Leute, um einem Schwachkopf irgendetwas abzuringen – nicht schriftlich sondern brabbelnd! – was enorme Konsequenzen hat. Der kann sich schon Stunden später nicht mehr erinnern, auf ein Gesprächsprotokoll (Prinzip jeder Schulklassenkonferenz) lässt sich Niemand festlegen. Und das soll Basis für Jahrzehnte für das Leben von Millionen Menschen und ganze Staatshaushalte werden? In Moskau und Peking, in Delhi oder Brasilia wird man sich das Lachen kaum verkneifen können. Der Westen steht wie eine Versammlung von Idioten da. Dazu gibt ein ehemaliger Beamter des britischen Foreign Office im GUARDIAN heute Ratschläge an Merz, Macron, Meloni, Rutte und Co., wie das Treffen im Weißen Haus ablaufen sollte. Zitat (übersetzt): „Das Treffen wird vollständig auf Englisch abgehalten und Wolodymyr Selenskyj wird von einem Dolmetscher begleitet. Es werden jedoch nur zwei englische Muttersprachler anwesend sein, und Keir Starmer ist der einzige Europäer.Rutte oder Starmer sollten also für Europa sprechen. Wer auch immer spricht, muss seine Argumente ohne Notizen vorbringen, Trump in die Augen schauen, auf Unterbrechungen vorbereitet sein, aber diszipliniert genug, um den Faden nicht zu verlieren – und seine Präsentation fortsetzen, wenn der Präsident sich beruhigt hat.“ Mir fiel beim Lesen die Kaffeetasse aus der Hand …

Gälte doch nur das geschriebene Wort. Aber selbst das verschwindet auf den X-Posts irgendwann selbstlöschend. Alles ist vergänglich, erst recht das „gesprochene Wort“. Herrliche Zeiten für Narren.


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2 Gedanken zu “„Es gilt das gesprochene Wort“

  1. Also diese „Pressekonferenz“ da im Eis, das war so lächerlich … schade um den Strom, das Bildmaterial und all die Menschen die da hingeflogen sind … das Ding hätte ich auch noch hinbekommen …

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