Wenn ein deutsches Nachrichtenmagazin eine Heiligenfigur im Magdeburger Dom zum Thema eines Beitrages macht und (vor der Paywall) einen möglichen „Kulturkampf“ insinuiert, dann lässt das aufhorchen. Schließlich gibt es im Nachbarland Sachsen-Anhalt starke Kräfte rechts von der Mittellinie, die das Erbe der Ottonen für sich vereinnahmen wollen. Und da könnte ein christlicher Heiliger des frühen Mittelalters zwischen die Fronten geraten: Mauritius. Er war der Lieblingsheilige von Otto dem Großen (dessen Grab im Dom zu Magdeburg liegt) – und er war Schwarzafrikaner.

Der Dom zu Magdeburg ist jenem Mauritius geweiht, dessen Legende die Menschen (und Herrscher) im 7. bis 10. Jahrhundert inspirierte. Es waren Zeiten – heute würde man sagen – des Wandels und der Unsicherheit. Genauer: es waren Zeiten auf Leben und Tod. Otto I. widmete dem Anführer einer römischen Legion einen Kirchenbau samt Kloster am Hochufer der Elbe in Magdeburg, aus dem ab 1209 der heutige gotische Dom St. Mauritius hervorging. Im Dom ist das Grab Ottos. (Das Titelbild zeigt eine Mauritius-Darstellung über dem Westportal.)
Wie ein schwarzer Heiliger in den Magdeburger Dom kommt. SPIEGEL Geschichte (Paywall), 10.7.2025
Zur Mauritius-Legende in der Originalfassung fand ich die Webseite von Black Central Europe (blackcentraleurope.com): Die Legende des Heiligen Mauritius (ca. 434-450). „In dieser Legende wird eine Legion christlicher Soldaten, die aus Theben in Ägypten stammen, von dem niederträchtigen Kaiser Maximian (Mitregent von Diokletian 284-305 A.D., rj) angewiesen, andere Christen zu verfolgen. Gestärkt in ihrem Glauben durch den aufrechten Mauritius, weigert sich die Legion, die gottlosen Befehle auszuführen, und erklärt, ihr Eid auf Gott habe Vorrang vor ihrem Eid auf den Kaiser. Der Kaiser lässt die Legion daraufhin dezimieren – d.h., jeder zehnte Mann wird hingerichtet –, doch als diese Bestrafung ihren Widerstand nicht brechen kann, befiehlt er, sie samt und sonders niederzumetzeln. Nach dem Beispiel Christi legen Mauritius und seine Gefährten ihre Waffen nieder und bieten sich ihren Henkern freiwillig dar.„
Die Legende basiert auf einem Brief über die Ereignisse im dritten Jahrhundert n. Chr., die der Bischof von Lyon um 450 A.D. an einen Kollegen schrieb. Dabei geht es um eine römische Legion aus Theben, dem heutigen Luxor in Mittelägypten. Wenn gleich das Imperium Romanum politisch geschwächt war – Kaiser Diokletian versuchte eine Reform durch „Mitkaisertum“ – schaffte es Rom immer noch Truppen quer durchs Reich an die Krisenpunkte zu verschieben.

Jene Legion aus der Gegend des heutigen Luxor muss aus Soldaten aus Abessinien oder Eritrea bestanden haben, Orte früher Christianisierung. Als Söldner in Diensten Roms spielte das keine Rolle. Die Militäreinheit wurde Ende des 3. Jahrhunderts unter Kaiser Diokletian ins heutige Burgund versetzt, um ein aufständiges Bauernvolk niederzuschlagen, das schon zum Christentum konvertiert war. Die in Agaune, heute Saint Maurice (im Rhonetal des Schweizer Wallis) stationierte Legion weigerte sich, Glaubensbrüder hinzurichten und wurde zum Tod verurteilt. Der Opfertod der Legionäre wurde zum Idealbild des soldatischen Lebens im ottonischen Reich: eher Tod, als den Glauben aufzugeben. Und ihr Anführer Mauritius zum Lieblingsheiligen von Otto I. Sogar auf der Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300, wird Theben als Stadt in Oberägypten verortet und als Wirkungsort des Mauritius beschrieben.
Alles Legende, sagt der moderne Mensch. Oder „Fake News“, darin kennt er sich aus.
Man widmete ihm eine Statue, die um 1250 im Magdeburger Dom aufgestellt wurde. Sie ist die erste Statue eines Schwarzen in Mitteleuropa und muss damals eine Sensation gewesen sein. Im Dommuseum auf der anderen Seites des Domplatzes fanden wir 2020 eine über einen 3-D-Drucker rekonstruierte Version der Statue.



Ein Schwarzer als Hauptheiliger des „Heiligen Römischen Reiches“ – Sprengstoff für Kulturkämpfe. Nach Mauritius sind Dutzende Kirchen, Klöster und sogar Schulen benannt, im deutschsprachigen Raum, aber mehr noch in der Westschweiz und in Burgund. Mauritius-Darstellungen und der Märtyrer der sogenannten Thebäischen Legion gibt es in vielen Domen des Mittelalters.
Sogar älter als das von Otto gegründete Kloster in Magdeburg ist die Benediktinerabtei Tholey im Saarland. Sie stammt aus dem 7. Jahrhundert, ist damit das älteste Kloster in Deutschland und ist ebenfalls Mauritius gewidmet.

Wir waren im Oktober 2020 dort, als gerade die neuen Fenster der Abteikirche zugänglich waren, die von Gerhard Richter gestaltet worden sind. In der Apsis steht eine aus den 1920er Jahren stammende Mauritius-Figur, als fescher germanischer Legionär. Von dem Black Saint ist nichts mehr zu erkennen, Cancel Culture ist also keine Erfindung unserer Zeit.



Mauritius blieb auch in der frühen Neuzeit Schutzheiliger: 1416 ernannte ihn die deutsche Kaufmannsgilde im lettischen Riga zu ihrem Patron, ja sie nannten sich sogar stolz Schwarzhäupter! Wer Riga besucht hat, wird das Schwarzhäupterhaus kennen, das Motto der Gilde hängt an der Fassade.


Also keine Angst vorm schwarzen Mann! Mauritius und seine Mit-Märtyrer waren keine illegalen Migranten, sondern standen im Sold des römischen Imperiums. Dass sie für ihren Glauben den Kopf hinhielten, wirkt heute sagen wir bemerkenswert. Dieser Tage ist man schon „Märtyrer“, wenn man sich nicht korrumpieren lässt und dafür den Job „opfert“. Jede Zeit hat da so ihre Maßstäbe.
Übrigens: Wer ins noble St. Moritz fährt, wird bestimmt nicht daran denken, dass der Name der Stadt von einem mittelalterlichen Heiligen mit schwarzer Haut stammt.
Eine Lanze brechen – für Otto. Reiners.blog, 21.5.2021
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

In Riga bin auch ich über diesen Mauritius gestolpert. Dass er in Magdeburg ebenfalls präsent ist, wusste ich nicht. Aber die katholische Kirche hat ja auch heute etliche schwarze Bischöfe, sollte also eigentlich nicht verwundern. Tut es aber offenbar; vielleicht will da aber auch Jemand beim Spiegel bewusst Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, dass eigentlich niemanden aufregt.
LikeLike
Stimmt, Zoff bringt Klicks. Dass es um sachsen-anhaltinische „Innenpolitik“ geht, habe ich nur angedeutet. Die Blauen streben dort die Mehrheit an.
LikeGefällt 1 Person
Ach guck mal einer an … dann war dieser Mauritius schon so viel eher in Anhalt als so manch „Stamm“ der Schreihälse … interessant
LikeGefällt 1 Person
Ja, und er war das Idol von derem Idol, Otto der Große. Die haben einiges zu kauen.
LikeLike
… wenn die wüssten oder zuhören würden…
LikeLike