Bomben fallen dieser Tage auf Teheran, Mashad, Isfahan oder Kermanshah. Sie sollen das Regime der schiitischen Kleriker und ihre Atombomben-Pläne treffen, aber es kommen immer mehr Zivilisten ums Leben. Die Gegenschläge auf Tel Aviv treffen ausschließlich Zivilisten. In der Berichterstattung kommt Iran als Land der Mullahs vor. Dessen Geschichte beginnt aber nicht erst mit der Islamischen Republik seit 1979. Es liegen noch mindestens 2500 Jahre davor. Der sehr lesenswerte Wikipedia-Artikel zu Land, Leuten und Geschichte öffnet eine andere Perspektive. Iran bei Wikipedia
Persien/Iran hat den Mittleren Osten und die Welt weit darüber hinaus kulturell und politisch beeinflusst, vom Religionsstifter Zarathustra über den Dichter Hafis aus dem 14. Jahrhundert (es gibt eine Goethe Straße im Stadtzentrum von Teheran) bis etwa zum modernen iranischen Film heute. Das islamische Schisma (siehe Bericht im Tagesspiegel), bei dem im heutigen Iran die schiitischen Glaubensrichtung dominiert, geht schon ins 7. Jahrhundert zurück. Sunniten und Schiiten: Das islamische Schisma. Tagesspiegel, 15.12.2016
Auf zwei Reisen in zwei aufeinander folgenden Jahren war ich im Spätsommer 1976 und 1977 im Iran unterwegs, angereist über Land durch die Türkei und 1976 in einer Schleife durch den Westen Irans zurück in die Türkei, 1977 mit zwei Freunden weiter über Mashad nach Afghanistan.

Einige Erinnerungen habe ich im Reisetagebuch gefunden (ich war 21 bzw. 22 und Student in Aachen). Die Fotos hier sind aus einer digitalisierten Version zweier Super 8-Filme exportiert, daher die Bitte um Nachsicht für die körnige Auflösung. Einige verfärbte Dias gab es dazu.
Im Tagebuch steht meist viel zu Logistik und Routenplanung. Geldumtausch und Tickets buchen war die Hälfte des Tagesprogrammes, es gab keine Handbücher oder Handys. In Teheran zum Beispiel war der Anlaufpunkt für Backpacker das Amir Kabir Hotel in der gleichnamigen Straße. Dort hingen neben der Rezeption Zettel an der Pinwand: „See you in Kathmandu“ oder Empfehlungen für Busrouten nach Afghanistan.


Ich fand das Hotel mit seiner auffälligen Architektur auf Google Street View wieder, heute ein Ladengeschäft. Aus dem Tagebuch:
Teheran, Donnerstag den 30.9.1976: Ich habe mir jetzt angewöhnt morgens im Bett zu schreiben. Über das Neueste habe ich mich gerade im Tehran Journal informiert. Nun zu gestern: Nach einem guten Frühstück hier im „Amir Kabir“ bin ich in die Stadt gegangen. … Da ich versprochen hatte, von hier aus ein Telegramm nach Hause zu schicken, bin ich ins Telegraphenamt direkt am Sepah Square gegangen. Um Geld zu sparen habe ich Worte zusammengefasst: BINGUTIN TEHRAN ALLES INORDNUNG REINER. Es kostete 340 Rials = ca. 13 DM und sollte in 6 Stunden in Deutschland sein.

Mein Plan sieht jetzt wie folgt aus: Heute noch in Teheran, morgen mit einem Typ aus Ludwigshafen und einem Oldenburger per Bus nach Isfahan (die beiden waren meine Zimmergenossen); weiter nach Schiraz und dann durch die westlichen Teile des Irans wieder hoch zur türkischen Grenze.

Am Nachmittag und Abend habe ich mit dem Oldenburger eine Stadttour zum Shayad Monument (heute Azadi Tower) gemacht. Diesmal haben wir die grünen Doppelstockbusse benutzt – per Fahrt 2 Rial, das sind 6 Pfennig. Aber für die Strecke im Teheraner Berufsverkehr braucht man 2 Stunden. Ein junger Perser war so freundlich uns zu begleiten.


Teheran ist eine moderne Riesenmetropole mit fast 4 Millionen Einwohnern. Es hat völlig europäischen Charakter. Der Schah ist überall gegenwärtig, Bilder der Familie hängen in Büros. Schalterhallen, Hotels, Kneipen und Imbißstuben. Wie sehr er aber die intelligente Schicht der Perser (Studenten) unterdrückt, zeigt sich an zwei Begebenheiten. Im Bus von Maku bis hier lernte ich eine Perserin kennen, die mit ihrem Mann 4 Jahre in Trier gelebt hatte. Als er sein Studium beendet hatte, kehrten sie per Auto zurück. An der Grenze in Bazargan wurde er dann ohne Grund verhaftet. Im Bus bat sie mich, kein Wort darüber zu erzählen und das Wort „Schah“ nicht in den Mund zu nehmen.
Der junge Perser gestern Abend erzählte nur hinter vorgehaltener Hand etwas über das Regime. Beide Personen hatten offensichtlich große Angst. … Wieder einmal zeigt sich, daß der freie Westen sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht schämt, mit faschistischen Regimen zusammen zu arbeiten. Mag sein, daß der Schah die Wirtschaft des Landes stabil gehalten hat und versucht das Volk in die Neuzeit zu katapultieren. Damit läßt sich aber nicht die mittelalterliche Absolutheit und die beinah imperialistische Außenpolitk entschuldigen. Die Zukunft eines Landes hängt eben nicht nur vom materiellen Wohlstand ab. … Hier spricht der 21-jährige Idealist.

Beeindruckt war ich von Isfahan, ein wahres Wunder an Architektur. Der Naqsch-e-Dschahan-Platz mit der gewaltigen Shah Moschee am Südende und dem Aali Qapu Palast ist ein Gesamtkunstwerk und gehört wohl zu den schönsten der Welt. „Heute haben wir die zweitgrößte persische Stadt besichtigt. Mit dem Taxi sind wir gegen 8.00 zum Meidan Shah (heute: Naqsch-e-Dschahan-Platz). Nach ausführlicher Besichtigung der farbenprächtigen Ornamente bin ich dann zur Hauptpost gefahren … Da wir vom vielen Bummeln recht müde waren, sind wir schon gegen 15.30 wieder ins Hotel zurück gekommen. Rainer hat dann Kaffee gekocht – unschätzbar in dieser Gegend – und wir haben Gebäck gegessen. Das Wetter hier war angenehm bis heiß.“




Als angehender Historiker war ein Besuch in Persepolis unverzichtbar. Auch hier wirkte der gymnasiale Geschichtsunterricht (Alexander der Große!) noch nach.
Persepolis, Sonntag, 3.10.1976: Punkt 6.00 gings dann los, Richtung Süden. Gleich hinter Isfahan begann die Wüste. 400 km durch eine grandiose Landschaft, die man nicht beschreiben kann. An der Abzweigung nach Persepolis, 60 km vor Schiraz, hat uns der Busfahrer rausgelassen. Aber noch 2 km waren durch die Mittagshitze zu marschieren (mit Gepäck) bis hier zu den Ruinen der antiken Weltstadt. Ich freue mich wieder einmal eine antike Stätte zu besuchen. … Ich stehe hier in der Empfangshalle des Dareius. Wir wollen die Stadt noch näher besichtigen und dann nach Schiraz weiterfahren. …“



Über Schiraz fuhr ich weiter nach Khuzestan. Die Nachtfahrt im Bus nach Ahwaz war ein „Höllenerlebnis“ in mehrerer Hinsicht:
Ahwaz, 5.10.1976: Die ganze Nacht bin ich im Iran Peyma Bus von Shiraz die 600 km nach Ahwaz gefahren. Gegen halb sechs fuhr der Bus los, eine tolle, unbeschreibliche Landschaft, die im Mondlicht gut zu erkennen war. Die Muslims verrichteten im Bus ihr Abendgebet. Kurz vor Mitternacht wurde der Himmel im Westen ganz rot. Nach 20 km erreichten wir dann den Grund der Sache: die Gasfackeln der Erdölfelder.


Bis Ahwaz zwischen den Hügeln und Bergen überall diese Feuer, die die Nacht zum Tage machten. Es sah aus wie in einem Inferno, dazu das waghalsige Fahren des Busses über holprige Straßen. Eine gute Kulisse für einen Monumentalfilm über den Untergang Pompejis.“



Ich verbrachte mit einem japanischen Journalisten einen Tag in Susa (Shush) und fuhr dann in zwei Tagesetappen quer durch die kurdischen Gebiete Irans bis zurück nach Täbriz. Der Zwischenstopp in Kermanshah hatte etwas Abenteuerliches.
Kermanshah, Mittwoch, 6.10.1976, 20 Uhr: Das war ein Tag! Mit dem Taxi sind der Japaner und ich nach Dezful gefahren, weiter nach Andiameshk. Dort erwischte ich einen (unbequemen) Minibus nach Kermanshah (350 km). Wie immer gab es auf der Fahrt beeindruckende, endlose Landschaften. Ich saß direkt neben dem Fahrer… Gegen 4.00 nachmittags kam der Bus hier an. Ich war froh, zunächst das Ticket für morgen 6.30 Uhr nach Täbriz zu bekommen. Dann kam der Schlag: kein Hotel! Zusammen mit zwei Persern habe ich 3 Stunden lang gesucht, bis wir durch Zufall kurz vor dem Zusammenbruch dieses Hotel hier fanden – 3-Bett Zimmer mit den zwei jungen Persern aus Gorgan. …. Die Leute hier sind relativ fremdenfeindlich, denn ich kann nicht glauben, daß alle Hotels besetzt sind. Ali Sbooti, einer der Perser die mit mir ein Zimmer suchten, sagte die Leute hier „are bad“. Es ist glaube ich die Stadt einer frommen Muslim-Sekte. Ich bin müde. Morgen um fünf raus …“

Ich kam pünktlich am Bahnhof in Täbriz an und verließ den Iran mit dem Vangölü-Express (Ironie, der brauchte 36 Stunden bis nach Malatya) Richtung Türkei und später Syrien.
Im August 1977, auf dem Weg nach Indien, wiederholte sich der Aufenthalt in Teheran: Meine beiden Freunde und ich wohnten im gleichen Hotel Amir Kabir. Wir besuchten verschiedene historische Museen und die Schatzkammer des Shah-Regimes (Tipp eines Bekannten an der deutschen Botschaft). Vom Bahnhof in Teheran fuhr am Abend es 30.8. der Nachtexpress Richtung Mashad ab.



„Mashad, 31.8.1977: Ja, statt Mashad hätte ich lieber Herat schreiben wollen, aber das Schicksal fügte es anders. Nach relativ angenehmer Nachtfahrt (aus Teheran) kam der Zug mit fast 2 Stunden Verspätung in Mashad an. Faszinierend der moderne Bahnhof, der in Deutschland nur wenige Beispiele fände.“ Ich beschreibe, wie wir uns über den Taxifahrer ärgerten und darüber, das der letzte Bus zur afghanischen Grenze bereits weg war. „Wir kauften gleich das Ticket für den ersten Bus morgens und fanden uns damit ab, daß wir noch hier bleiben müssten. Ein hießiger Type, Reza, zeigte uns dann ein Hotel, wechselte mit uns Geld, ging mit uns im einzigen offenen Restaurant Essen und zeigte uns das Sehenswerte von Mashad.
In jeder Beziehung hebt sich die Stadt wohltuend von Teheran ab: saubere Luft, angenehme Temperatur, schönere Straßen. Geprägt ist Mashad als schiitischer Wallfahrtsort. Als Außenstehender bleibt einem das natürlich verschlossen, zumal die Moschee für den Besucher gesperrt ist. Beeindruckend die goldene und die blaue Kuppel. Wirtschaftlich lebt die Stadt vom Teppichhandel und Türkisschleifereien. Beides hat uns Reza ausführlich gezeigt: Händler, Reparateure, Schleifer. Das ganze Geschäft mag interessant sein, das Teppichangebot ist wirklich faszinierend, aber nichts für mich.“


Mit dem sogenannten Atom-Abkommen von 2015 schien der Iran sich zu öffnen: Die Sanktionen fielen weg, Tourismus war möglich. Ein guter Bekannter fuhr in einer selbst organisierten Reise 2016 mit einer kleinen Gruppe von Baku nach Kuwait – eine fantastische Route! Wir sprachen beim „Dia-Abend“ (heute ersetzt durch den Beamer) über Gastfreundlichkeit, gutes Essen und die vielen historischen Zeugnisse an der Reiseroute. Ich plante schon eine Reise per Auto von der Van See-Region in der Türkei in den Iran. All das machte die Aufkündigung des Abkommens durch die erste Trump-Regierung zunichte. Heute stehen wir da, mit einem Krieg zwischen Israel und dem Iran, der dem biblischen Armageddon näher ist als einem Iran ohne Atombombe.
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Was für ein Abenteuer! Und das Telegramm, unvorstellbar heute, wie aufwändig damals alles war.
Reisen gibt oft Einblicke in ein Land, die man über die Nachrichten nicht bekommt. Hier wohl auch so, ganz deutlich, dass die Menschen so anders sind, als die Medien es darstellen. Oft verkürzt auf die Extreme.
Schön, dass du aus deiner Erinnerung berichtest.
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Gern, Marco! Ich muss mich selbst kneifen (z.B. wie oft ich mit wildfremden Menschen Hotelzimmer geteilt habe, in der Not geht man über Wasser). 1976 war ich ganz alleine durch Iran/Kurdistan/Syrien unterwegs, würde mein(e) Enkel(in) das heute machen, ich stünde nachts im Bett. Übrigens, ohne die Reisetagebücher aus jenen 1970er Reisen wären mir viele Details nicht mehr präsent. Zum Beispiel eine Anekdote auf der Fahrt nach Kermanshah: An einer Abzweigung kam uns plötzlich ein Lastwagen mit der Originalaufschrift von „Krombacher Pils“ entgegen – im Orient lässt man gern die deutschen Firmenzeichen als Qualitätsmerkmal auf gebrauachten LKW drauf. Ich glaube ich bin aufgesprungen, denn ich bin nahe Krombach im Siegerland augewachsen 🙂
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Das mit den Enkeln oder Kindern kenne ich gut. Und dabei war es damals keineswegs sicherer als heute. Man wusste nur nicht so viel 😁. Gut, dass du deine Reisetagebücher aufbewahrt hast
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Wow… Oktober 76 hat man mein Alter noch in Wochen gezählt … glaube ich …
dein Beitrag beschreibt wunderbar, wie alt und „schon immer da“ die Kultur dort ist …
auch wenn sie doch von uns heute im Westen, also fremd und eigenartig wahrgenommen wird
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Danke 🙂 Na, ja, der Kleine aus jener Zeit hat sich ja prächtig entwickelt. Es fällt schwer, sich im Kopf das Bild eines Landes und seiner uralten (Hoch-)Kultur vorzustellen, wenn wir medial von fanatischen Mullahs und deren Anhänger geprägt werden. Unendlich schade.
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