Nothing to declare

Die meisten von uns gehen immer durch den grünen Kanal: „Ich habe nichts zu deklarieren!“ Zölle auf Waren, die in unsere Koffer passen, gibt es so gut wie nicht (die „duty free allowances“ sind generös und leicht einzusehen). Aber Zölle auf Wareneinfuhren sind wieder en vogue, seit der Immobilienmakler in den USA herrscht. Jetzt sind Auto- und Autoteile-Importe aus dem Rest der Welt dran.

Trump will mit dem Ende des Freihandels Industrie und Arbeitsplätze zurück nach Hause holen – ausgerechnet jenes Land, das sich von Freihandelsabkommen viel versprochen und die wirtschaftliche Liberalisierung über Weltbank und IMF anderen armen Ländern verschrieben hatte. Das Ergebnis in den USA sind Industrieruinen und Arbeitslose in den Rust Belts – Trump’s Wähler. Der wirtschaftsfreundliche US-Sender CNBC ließ von seinem Senior Host in der vorbörslichen Show heute Mittag erklären, er sei für die Zölle und gegen free trade! Zu lange habe man den fremden Märkten einen free ride geboten. Da hat Trump also Wirtschaft und Gewerkschaften drüben auf seiner Seite.

Bis dato galt: Protektionismus ist schlecht, freier Handel beflügelt Wettbewerbsfähigkeit. Aber, so die Gegenposition, einheimische Märkte können durch Zölle gegen ausländische Konkurrenz abgesichert und so Arbeitsplätze geschützt werden. Ich fragte ChatGPT, welche Erfahrungen eine der heute stark wachsenden Volkswirtschaften damit gemacht habe: Indien. Hier seine Antwort (in Auszügen):

Nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 verfolgte das Land eine wirtschaftspolitische Strategie des Importsubstitutions-Industrialismus (ISI), die stark auf hohe Zölle und protektionistische Maßnahmen setzte. Hier sind die wichtigsten Phasen und Erfahrungen Indiens mit Zöllen seit 1947:In den 1970er und 1980er Jahren gehörten Indiens Zollsätze zu den höchsten der Welt, oft über 100 %. Indien führte hohe Zölle auf Importe ein, um die heimische Industrie zu schützen und die Abhängigkeit von ausländischen Waren zu reduzieren. …“

Jeder der bis zur Liberalisierung der Wirtschaft ab 1991 nach Indien reiste, wird sich erinnern: Fotokameras wurden bei der Einreise in die Pässe eingetragen und erst bei der Ausreise wieder gestrichen. Indien wirkte zurück geblieben oder wie aus einer anderen Welt.

Ambassadors in Kodaikanal, ca. 1986 (Titelbild: in Calcutta 1988)

Autos (wie der legendäre Ambassador) waren lizenzierte Modelle aus den frühen 1950er Jahren, internationale Brands waren so gut wie gar nicht zu finden – lustigerweise übrigens OrWo-Filme aus der DDR. Oder noch lustiger Thums-up (die indische Coca-Cola) und Gold Spot (eine Art Fanta) statt der internationalen Getränkemarken. All das unter einem Wirtschaftssystem, das sich Fünf-Jahres-Pläne gab, Schlüsselindustrien und Banken, Airlines und die Eisenbahn in Staatsbesitz beließ – sich selbst als sozialistisches Wirtschaftssystem verstand. Und das war nach der kolonialen Ausblutung nachvollziehbar.

Getränkestand am Marina Beach in Madras (heute Chennai), 1987

Aber die negativen Seiten konnten sich zu Beginn der 1990er Jahre nicht mehr verstecken. Wie ChatGPT schreibt: „Dies führte zu einer ineffizienten, wenig wettbewerbsfähigen Industrie und begrenztem technologischen Fortschritt“ – ein Understatement. Indien war weit hinter seinem Potential zurück geblieben und wäre nicht, was es heute geworden ist.

Genau für ein solches früher eher „linkes“ Wirtschaftsmodell setzt sich nun ausgerechnet der Erz-Deal maker Trump ein. Die Amerikaner können sich auf höhere Preise freuen, zumindest für importierte Autos. Und die US-Autoindustrie kann sich auf ihren außerhalb der USA so gut wie unverkäuflichen Sprit schluckenden Modellen ausruhen, genau wie damals Indien. Na, dann viel Glück!


Entdecke mehr von Full Circle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Nothing to declare

  1. Zögerlich kamen die Japaner auf den Markt mit Toyota, Nissan und Suzuki … in einem joint Venture .. Maruti Suzuki … und nun bauen die Inder selber Autos

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.