Mein Paradigmenwechsel

Dafür, dass unser Hotel mitten im Zentrum Guilins, am Rand der Fußgängerzone und des Central Square lag, war es um uns herum erstaunlich ruhig. Zwar war es kalt, aber die Innenstadt belebt wie bei uns in der Vorweihnachtszeit. Und beleuchtet wie ein großer Weihnachtsmarkt, mit vielen Ständen, die Leckereien anboten. Und noch erstaunlicher: gut gelaunte und gut gekeidete Menschen, jung und alt, Familien und Jugendliche. In fast Nichts unterschied sich Guilin von einer beliebigen Großstadt in unseren Breiten, bis auf einen Punkt: den magisch ruhigen Verkehr. Schicke Autos und Zweiräder fuhren lautlos durch die Gegend. Der Grund: Verkehr in Guilin ist weitgehend elektrisch.

Das ist nur einer der Eindrücke, den die acht Tage in Zhuhai und Guilin bei uns hinterlassen haben.

Jung und Alt im Park am Elephanten-Felsen, Guilin

Aber es gibt noch viel mehr: Das „China“, welches uns Peking-Korrespondenten vermitteln, war hier nicht zu finden. Politische Propaganda (im Gegensatz etwa zu Vietnam) ist abwesend. Die Partei hat sich hier zumindest aus der öffentlichen Wahrnehmung zurück gezogen, auch wenn die Nationalflagge durchaus auftauchte (aber nichts im Vergleich etwa zur Türkei oder den USA).

Elektro-Auto-Boom lässt Kraftstoffverbrauch sinken. SPIEGEL online, 17.12.24

Ob bei H&M, Starbucks oder in den unzähligen Food Courts und Läden der Innenstadt – Guilin erschien uns quer durch wie ein Einkaufsparadies – den Eindruck einer den Besucher willkommen heißenden Stadt fanden wir überall. Nach Angaben vieler Ladenbesitzer und Tour Guides bilden die Deutschen nach Zahl der Besucher das Rückgrat des ausländischen Touristensektors.

Die Digitalisierung des Alltags ist viel weiter fortgeschritten wie bei uns, die Nutzung von Bezahl- und Mitfahr-Apps ist alltäglich. Man mag dabei aus unserer „Privatsphäre“-Sicht Böses unterstellen, ich fand Niemanden, vom Straßenhändler bis zur trendigen Kneipe, den das abgehalten hätte.

Der Internet-Zugang ist tatsächlich eingeschränkt, vor allem auf Google und all seinen „Diensten“ hat es die Regierung wohl abgesehen. Aber wer vor der Einreise eine VPN-Software auf dem Handy installiert hat, für den sind alle diese Dienste, einschließlich WhatsApp und aller internationaler Medien zugänglich. Hilfreich auch deshalb, weil Google Translate im Alltag unverzichtbar ist. Englischkenntnisse sind immer noch die Ausnahme, auch wenn Straßenschilder oder Bekanntmachungen im Hochgeschwindigkeitszug in Englisch sind. (Die App von Alipay schließt auch ein Übersetzungs-Programm ein.)

Eine Kuriosität fiel uns auf: das GPS-Signal als Basis für Google Maps war offensichtlich gestört: Schon in Macau wurden wir oft in die Irre geführt, zumal wenn Maps gar nicht richtig anzeigte, wo wir gerade standen. Aber auch das variierte über die Zeit. Denn manchmal war Google Maps überraschend präzise.

Und trotz VPN auf meinem Laptop waren aus dem Hotel die meisten Webseiten, die mir wichtig sind, z.B. viele deutsche Medien, nicht zugänglich. Erstaunlicherweise hingegen waren Seiten wie die von der Nachrichtenagentur AP oder der israelischen Tageszeitung Haaretz nicht gesperrt. Entgegen meiner Befürchtung gab es keine Einschränkung bei WordPress-Seiten und dem Log-in dort! China scheint durchaus interessiert, dass mit der neuen Reisefreiheit für Ausländer die Berichte über unsere Reisen nach Außen dringen.

Es sind subjektive und zufällige Momentaufnahmen, aber die easy Einreise, die Lebensqualität der Stadt Guilin und ihrer Umgebung und die touristische Infrastruktur waren top – etwas, was ich so nicht erwartet hatte. Es macht Lust auf weitere China-Reisen – ich erwische mich jedenfalls bei Planungen dazu.

Nachtrag 2.1.25: Im Nachhinein fielen mir weitere Eindrücke ein, die uns ein anderes China-Bild vermitteln können. Zum Beispiel der Flughafen Guilin, ein architektonisches Wunderwerk, zudem Passagier freundlich und wunderbar hell. (Fotos aus dem Internet!)


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3 Gedanken zu “Mein Paradigmenwechsel

    1. China erlaubt ausgewählten Ländern einen zweiwöchigen Aufenthalt, no strings attached. Einreise über Land, Seehäfen und natürlich Flughäfen. Stempel in den Pass, fertig. Es war zunächst für ein Jahr berfristet (bis Ende 2024), aber die Regelung ist inzwischen verlängert worden und die Zahl der Länder erweitert (gilt übrigens nicht für Amis :-)) Kaum einer weiß das. Wir trafen auf der Bootsfahrt einen Schweizer mit Rucksack, der mutterseelen-allein per Zug durchs Land unterwegs war. Chapeau! Und in einer gemütlichen Pizzeria im Pub Stil am Li-Fluss in Guilin waren wir zusammen mit einem Paar aus Berlin die einzigen Gäste: Der wohlhabende Pensionär aus unserer Hauptstadt war mit seinem persönlichen, End-20er Assistenten unterwegs – durch China und Ostasien (Korea, Japan, dann Bali). Da kann sich mancher Insta-Schnösel mit Hang zum Ballermann was von abschneiden 🙂

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