Brieffreundschaft aus dem Regenwald

Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen sind die Essenz von Reisen. Den Rest mag heute Google Street View liefern. Aus einer solchen Begegnung auf der Asienreise im Sommer 1979 entstand eine über sechs Jahre dauernde Brieffreundschaft mit einem jungen Iraner. Alles begann in Tanah Rata, im Regenwald der Cameron Highlands.

Hauptstraße von Tanah Rata im August 1979
Gleiche Stelle in Tanah Rata heute (16.12.2023)

Bei der Suche nach einer Bleibe in dem Bergort in Westmalaysia trafen wir Javad. Mein Freund und ich waren tagsüber per Bus von Kuala Lumpur in die Cameron Highlands gefahren und froh über die „Abkühlung“ in rund 1500 Meter Höhe. Beim Abendessen gesellte sich noch Anita, ein Mädchen aus Kalifornien zu uns. Zwischen uns vier entwickelte sich eine kurzweilige Diskussion, über Gott und die Welt, die wir damals bereisten. So habe ich es im Reisetagebuch notiert.

Javad stammte aus Teheran. Dort war ein gutes halbes Jahr zuvor der Shah gestürzt worden. Er arbeitete als Ingenieur in einem gut bezahlten Job am Flughafen und war unterwegs zu einem Cousin in Neuseeland. Seine Briefe bis Ende 1985 hatte ich aufbewahrt und vor einigen Monaten als pdf gespeichert. Beim Durchlesen kamen nicht nur die Erinnerungen an jene Zeit zurück, sondern auch das Drama einer Generation im Iran, die sich 1979 von einem Despoten befreit hatte, nur um zu erkennen, dass eine neue Diktatur übernahm. Seine Briefe sind somit ein Zeugnis über die frühen Jahre der Islamischen Republik, die heute immer noch eine zentrale Rolle im Nahost-Konflikt spielt.

Tanah Rata ist ein Hill Station der Kolonialzeit. Der Ort liegt in der zentralen Gebirgskette der Malaysischen Halbinsel. Die Briten zogen sich in diese kühleren Orte innerhalb ihrer tropischen Kolonien zurück. Golfplatz, Clubhaus und gepflegte Parks gehören zum Profil von solchen „Höhenkurorten“. Heute nutzt sie die malaysische Mittelschicht für Kurzurlaube. Tanah Rata ist schön herausgeputzt, aber die Region ist inzwischen komplett zersiedelt und die Hänge sind mit Hotels und Gartenkulturen überdeckt.

Vor drei Tagen bin ich von Penang über Ipoh die kurvenreiche Straße ins Gebirge gefahren. Die Wolken hingen tief und es regnete, das ist die Monsunzeit im Winter. Aber sobald sich der Morgennebel lichtet, kommt die Atmosphäre der tropischen Bergwelt zurück.

In Tanah Rata gibt s noch immer jenen Jungle Trail, obwohl der Dschungel inzwischen den Erdbeeren zum Opfer fällt. Das war damals anders.

Zu viert beschlossen wir an jenem Abend im August 1979 für den nächsten Tag eine Dschungelwanderung, die uns 400 Meter höher auf einen Aussichtspunkt über die Bergwelt führte. Zurück streiften wir ein Dorf der Orang Asli, der malaysischen Ureinwohner – eine tolle Tour. Bevor wir uns tags darauf trennten, tauschten wir die Adressen aus.

Ein halbes Jahr später flog mein Freund nach Kalifornien, genauer nach San Jose (heute Silicon Valley). Aber die Bekanntschaft mit Anita lief ins Leere. Ich blieb mit Javad per Brief in Verbindung – und die konnten wir sechs Jahre lang erhalten.

Er kehrte nach einem Jahr von Neuseeland nach Teheran zurück, zunehmend desillusioniert von der Politik in seiner Heimat. Im März 1981 schrieb er: „Alles was ich über den Iran sagen kann, sind keine guten Neuigkeiten. Ich bin pessimistisch über die Zukunft des Iran und ich leide dieser Tage sehr. Wie ich dir schon erzählt habe, verändern s i e den Weg unserer Revolution und wir werden eine Art religiöser Diktatur haben. Das ist sehr gefährlich.“ Er liebe seinen Job und würde gern mehr reisen, aber jetzt sei auch das nicht mehr erlaubt. Unter diesen Bedingungen wolle er keine Familie gründen. Seine Briefe, so entdeckte ich beim Nachlesen, sind ein Zeitdokument der politischen Entwicklung im Iran seit 1979.

Mir geht es gut,“ schrieb er im November 1981. „Ich lebe und arbeite ohne Hoffnung für mein Land. Ich fühle mich jetzt wie im Gefängnis (!) und denke darüber nach, in naher Zukunft aus diesem schrecklichen Ort raus zu kommen. Ich hasse es in einer solchen Atmosphäre zu leben. Wie könnte ich eine Situation aushalten, in der eine Diktatur herrscht?! Wir haben hart für unsere Revolution gearbeitet und nahmen viele Tage lang daran teil. Und jetzt, nach drei Jahren, würden wir sie am liebsten los werden. Komisch, nicht wahr?


Brief vom 15. November 1981:


Wir tauschten uns in den kommenden Jahren über Beruf, Familie und Zukunftspläne aus. Alle Versuche, nach Australien, Neuseeland oder gar in die USA auszuwandern, schlugen fehl. Ihm wurden Arbeitsvisa dort verweigert, erst recht nach der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran. Dann begann der Endloskrieg mit dem Nachbarland Irak.

Im letzten Brief vier Jahre später (November 1985) schreibt er aus Teheran: „I’m still think of getting out one day here, because I am not satisfied with this regime. Situation here after six years war begin worse and worse. There is no hope of future at all and just God knows what happens at the end of this tragedy.“

Der Brief erreichte mich in beruflich turbulenten Zeiten in Südindien, irgendwann danach brach der Kontakt ab. Ich habe insgesamt 17 Briefe aufbewahrt und sie erst kürzlich digital archiviert.

Im heutigen Tanah Rata fällt es schwer, an die Erinnerungen anzuknüpfen. Malaysia hat in den vergangenen 40 Jahren enormen Wandel erfahren. Eine vergleichsweise breite Mittelschicht hat sich entwickelt und tritt selbstbewusst auf. Der Iran hingegen scheint politisch im Zustand von vor 40 Jahren eingefroren. Die Generation Javads, die den Shah stürzte, muss heute um die 70 sein. Deren Kinder und Enkel kennen nichts anderes als eine theokratische Kultur. Malaysia übt sich immer von Neuem in einer pluralistischen Gesellschaft, in der keiner dem anderen das Recht streitig machen soll, nach seiner Facon selig zu werden.

In einer Hotellobby in Brinchang (Cameron Highlands)

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2 Gedanken zu “Brieffreundschaft aus dem Regenwald

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