
Die Türme des Halberstädter Doms blickten gestern Nachmittag auf einen sonnenbeschienenen Platz. Kaum Fußgänger, überhaupt eine entspannte spätsommerliche Stimmung in der Stadt. In unserem Restaurant, ausgerechnet an der „Straße der Opfer des Faschismus“, erreichten uns die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl. Weder Jubel noch Autokorsos und auch die Glocken des Doms läuteten nur die Stunde: 18 Uhr.
Die Medien – von Berlin bis München – entdeckten in den vergangenen Wochen Sachsen-Anhalt. Das ist beileibe nicht eine periphere Halbinsel irgendwo an der Ostsee oder ein vergessener Landkreis jenseits von Görlitz oder im Bayerischen Wald. Es ist ein Bundesland mittendrin, im Herzen der Republik. Die Medien steigerten sich in den letzten Tagen vor der Entscheidung von 1,65 Millionen Wahlberechtigten zwischen der Altmark und der Unstrut geradezu in Hysterie.
Jeder auf dem Weg von und nach Berlin quert Sachsen-Anhalt. Läuten da bei der Ausfahrt Magdeburg-Zentrum die Glocken? Kennt Jemand die Bedeutung der Stiftskirche in Quedlinburg für das Hochmittelalter? Spuren eines bronzezeitlichen Siedlungsraumes von Nebra bis Pömmelte? Oder fällt die Bemalung prominenter Persönlichkeiten der Geschichte im Bahnhof Stendal irgendjemandem auf (siehe Titelfoto)? Klingelt es bei der Historie des Domschatzes zu Halberstadt?
Mich beschleicht das Gefühl, das Sachsen-Anhalt erst von Medien und politischen Eliten entdeckt wird, wenn den Wählerinnen und Wählern nichts anderes mehr einfällt, als an der Wahlurne ein politisches Beben zu erzeugen. Eine Wahlbeteiligung von um die 80 % ist schon mal ein Statement.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026. Ergebnisse. MDR aktuell, 7.9.26
Es ist eher Hilferuf denn rationales Statement. Dass die Partei der Blauen genau auf diese Gefühlslage reagiert hat, zeigt wie wenig die etablierten Parteien in die Lebenswirklichkeiten des ländlichen Raumes zwischen Magdeburg und der westlichen Landesgrenze eingedrungen sind.
Das Bauhaus oder Luther, die romanischen Dome oder die Himmelsscheibe von Nebra, die Kulturgeschichte Sachsen-Anhalts wird wohl von den Blauen vereinnahmt. Aber gerade ihre Bewahrung wurde mit ungeheuren Investitionen aus Bundes- und EU-Mittel gefördert. Das hat die Köpfe in Eisleben (AfD 53,4 %) oder Halberstadt (AfD 44,4 %) nicht erreicht.
Sachsen-Anhalt ist unser Nachbar. Wir werden weiterhin durchs Land fahren und beobachten. Vielleicht sollten Redakteure in Hamburg, Köln oder Berlin das auch einmal tun.
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