Das Wunder von „poste restante“

Vor Insta, WhatsApp, vor Smartphones und Roaming, ja sogar vor dem Fax gab es – – Briefe! Die Technik von zugeklebten Umschlägen (vornehm „Couvert“ genannt) mit bunten Stickern (man nannte sie „Briefmarken“) hielt sich bis ins späte 20. Jahrhundert. Man legte beschriebene Zettel hinein (tatsächlich, mit der Hand!), manchmal mehrere.

Alternativ gab es Postkarten (eine Seite mit Bild, die andere zur Hälfte für schnelle Grüße geeignet). Der Überlieferung nach sorgten die bei den Empfängern für große Freude, in Büros hielten Arbeitskolleg(inn)en dafür Pinwände bereit.

Postkarten von einer Reise 1979

Eine dritte, in Deutschland weniger bekannte Variante waren Aerogramme: ein Bogen Papier mit aufgedruckter Marke, die per Luftpost (etwas Besonderes: Transport im Flugzeug!) versandt wurden. Man konnte sich bei der Wahl der Marken nicht vertun, hatte aber beschränkten Platz zum Schreiben.

Gebracht wurde all das von Postboten (ja, wie die „Botschaft“), man verschickte sie vom Postamt („Amt“ wie Behörde) oder warf sie in Briefkästen (bunte – gelb, rot, manchmal blau – Boxen an Hauswänden oder auf Ständern am Straßenrand, alle mit einem Schlitz). In unserer Nachbarschaft steht noch so ein gelbes Objekt einsam an der Abbiegung.

Für ganz eilige Nachrichten gab es Telegramme. Aber das war etwas Besonderes: Teuer, weil nach Zahl der Worte bezahlt, und von besonderer Zustellung („Telegrammbote“). Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1983 A.D.:

Wie aber tauschte man auf langen Reisen Botschaften aus? Telefonieren: unsäglich teuer. Es gab R-Gespräche, aber die musste man anmelden und hoffen, dass der Angerufene die Kosten übernahm. Besonders kompliziert war es, wenn man gebuchte Flüge (dafür gab es bunt bedruckte Flugtickets, die man keinesfalls verlieren durfte) rückbestätigen musste. Was? Ja, das Ticket selbst war nur eine Absichtserklärung der Fluggesellschaft. Ohne reconfirmation mindesten 36 Stunden vor Abflug war der Platz im Flieger weg.

Auf diesem Foto von 1979 sitze ich im Büro der Funktelefonie in Chiang Rai (Thailand) um mit Air India in Bangkok zu telefonieren

Alles zeitaufwendig, aber unverzichtbar. Aber ich komme zurück zur Post, jene in fast allen Ländern staatliche Einrichtung, bei der alle Mitarbeiter einst beamtet waren. Beamtet? Ja, mit hoheitlichen Befugnissen die Post auszutragen und Pensionsansprüchen. Es gab sogar ein „Briefgeheimnis“: Der Beamte konnte Deine Postkarte zwar lesen, durfte aber der Nachbarin davon nicht erzählen.

Ein ganz besonderer und für Reisende vorteilhafter Service der internationalen Post (es gibt sogar einen Weltpostverein als Sonderorganisation der Vereinten Nationen, mit Sitz in Bern) war die eingehende Post für den Empfänger aufzubewahren, damit er sie selbst abholen konnte. Heute ist das eine Kostenersparnis für Logistikunternehmen, damals war das ein Service: Jedes Hauptpostamt in einer Stadt hatte einen besonderen Schalter für „postlagernde“ Briefe.

Wichtig waren zwei Dinge: das Zauberwort poste restante (Französisisch für postlagernd, obwohl es klingt wie Post-Widerstand) auf dem Couvert, und General oder Main Post Office als einzige Adressangabe. Vorteil: das GPO kennt jeder, man benötigt nicht einmal eine Straßenadresse. Für lange Reisen hinterließ ich bei Freunden und Freundin eine Liste jener „Adressen“, aber viel wichtiger: bis wann die Briefe (if any) abzusenden sind, damit der Empfänger sie auch vorfindet.

Das klappte erstaunlich gut: Auf meinen Reisen in den 1970er Jahren waren die GPOs immer eins der ersten Ziele nach der Ankunft. Oft gab der Beamte am poste restante-Schalter gleich das ganze Paket an Briefen, die für den Buchstaben „J“ einsortiert waren, bevor er sich mit dem Verstehen meines Nachnamens ermüdete. Ich konnte meine Post dann selbst rausfischen. Die GPOs wurden Orte mit Herzklopfen und Freudensprüngen, etwa nach dem modernen Motto „You got mail!“

Die internationale Post zwischen Singapur und Mainz war extrem zuverlässig. So gut wie nie ging Post verloren. Und wenn sie nicht abgeholt wurde, so kam sie zurück – kostenlos.

Wer heute unter 25 ist, wird sich wundern: Opa erzählt Geschichten. Ich habe diese Zeit gut in Erinnerung, in Kontakt zu bleiben und mit Post Freude zu machen, sie dann im Bus oder Zug in der Fremde nachzulesen, war Teil des Reiseerlebnisses. Eigenartigerweise habe ich nie Postämter fotografiert, obwohl sie so eine zentrale Bedeutung haben. Ich fand ein Foto vom alten Postamt in Malacca (Malaysia), am heutigen „Dutch Square“, in Schwarzweiß. Das ist ein Versäumnis.

Dieser Blog-Beitrag ist daher als Dank gedacht an all die Postämter und Postboten, die uns in Verbindung hielten. Wie sangen schon die CARPENTERS damals:


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3 Gedanken zu “Das Wunder von „poste restante“

  1. Geil! Wie aufwändig das damals doch war und trotzdem war es eine tolle Sache. Ich selbst war damals noch nicht so exotisch unterwegs, aber auch in europäischen Reiseländern war es ein wichtiger Teil des Urlaubs, Postkarten auszusuchen, zu beschreiben und zu verschicken. Immer schwierig: die Entscheidung, wem man eine schickt und wem nicht.

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    1. Oh ja, und wem man „imponieren“ wollte oder wen man echt mochte. Außerdem konnten die Briefmarken nicht exotisch genug sein: Malaysia hatte eine Serie von tropischen Pflanzen und Tieren, Indien oder Thailand immer nur König oder Gandhi. Postkarten waren so ein Ersatz für Selfies vor prominentem Hintergrund: Akropolis, Eiffelturm, oder Golden Gate. Wer heute noch eine Postkarte schreibt, der hat ein Alleinstellungsmerkmal besonderer Art.

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      1. Ich kann mich gut dran erinnern, da wo ich als Kind mit meinen Eltern war, gab es auch „mal“ Post aus der Heimat … mit 3-4 Monaten Verzögerung … und wenn es ein Telegramm gab … da war etwas ganz Schlimmes oder Tolles passiert.

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