Runde Geburtstage sind schon ein besonderer Marker auf dem Weg Richtung Rente und jenseits davon. An den Dreißigsten im Dezember 1984 erinnere ich mich wie gestern. Warum ich aber mitten in der Wüste einen Schwarzweiß-Film eingelegt hatte, weiß ich heute nicht mehr. Die wenigen Diafilme in Indien waren vielleicht zu kostbar. Jedenfalls sind damit jene Tage vor 40 Jahren in Jaisalmer und in der Thar-Wüste in „Graustufen“ dokumentiert.

Wir hatten damals für ein paar Tage Quartier in der halb verfallenen Oberstadt von Jaisalmer bezogen. In einem restaurierten Gebäude für 10 Rupien pro Nacht und Zimmer (damals 2,10 DM), Fensterscheiben konnte man dafür aber nicht erwarten. Die Abende werden im Winter in Rajasthan recht kühl, aber die gut isolierenden Lehmziegel und Gardinen vor den winzigen Fenstern sorgten für etwas Wärme in der Nacht.




Für die Kinder war es ein Abenteuerspielplatz, unser Wirt ein netter Typ, dem es nichts ausmachte, dass jeden Tag ein Trinkglas zerdeppert wurde. (Er konnte sich an uns erinnern, als ich ihn drei-einhalb Jahre später mit einer Reisegruppe besuchte).


Wir machten einen Tagesausflug inklusive Kamelritt zu den Sam-Sanddünen, die nicht mehr weit von der Grenze zu Pakistan sind. Heute durchsetzt mit Edelcamps für ein „authentisches Wüstenerlebnis“ waren sie damals scheinbar der einsamste Platz auf dem Planeten.



Es war mein 30. Geburtstag und so ließen wir uns zu einem Folklore-Abend der Rajputen überreden. Dazu waren Tische auf einem kleinen Dorfplatz aufgebaut, der mit Fackeln beleuchtet war. Es gab ein leckeres Essen, bei traditionellem Tanz und Musik.

Unterm Sternenhimmel und im Licht des Feuers lässt sich trefflich philosophieren. Ich erinnere mich, dass es mich durchzuckte, schon die „Halbzeit“ bis zur Rente hinter mir zu haben – 60 war damals Standard, ohne viel in die deutsche Rentenkasse eingezahlt zu haben. Mein indischer Arbeitsvertrag zählte nicht. Und so beschloss ich insgeheim an jenem Abend in der Thar-Wüste, künftig auf die Altersversorgung in meiner Berufslaufbahn zu achten. Der Spruch „Trau keinem über 30“ ist damit widerlegt: Spätestens ab 30 sollte die Altersversorgung eingepreist werden.

Auf den Tag 40 Jahre später stackse ich hier auf Krücken durch die Altstadt von Macau und bin tatsächlich enorm dankbar für die vier Jahrzehnte seit dem Abend in der Thar-Wüste.
Entdecke mehr von Full Circle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Tolle Bilder. In Schwarzweiß besonders mystisch 😉
LikeGefällt 1 Person
Stimmt, heute ist Schwarzweiß ungewöhnlich, damals waren farbige Dias kostbar – erst Recht in Indien. Ich konnte sie nur über Besucher bei uns bekommen, ansonsten war man auf S-W Positiv Film angewiesen.
LikeGefällt 1 Person
Dann hast du ja dieser Tage wieder einen runden Geburtstag. Dazu alles Gute, nachträglich oder vorsorglich, je nachdem, wann er genau liegt!
Toll, dass du auf dein bisheriges Leben in Dankbarkeit zurückblicken kannst. Viele Menschen werden immer verbitterter, je älter sie werden. Aber du hast ja auch einiges erlebt.
Alles Gute, Marco
P.S. Macau sieht sehr interessant aus.
LikeGefällt 1 Person
Danke für die guten Wünsche, Marco. Wir waren gerade auf dem Fortaleza do Monte hoch über Macau – die Stadt übrigens echt ein Geheimtipp – und kauften in einem kleinen Laden eine Flasche Wasser. Der Händler trug eine Adidas-Jacke mit DFB-Emblem und so kamen wir ins Gespräch. Hinter dem Counter bediente seine Mutter die Kunden: mit 99 Jahren!! Sie erkundigte sich besorgt nach meinen Knochen, als sie meine Krücke sah. Alter scheint relativ 🙂
LikeGefällt 1 Person
Tolle Bilder, lass es krachen!
Bis Jaisalmer habe ich es noch nicht geschafft, immerhin bis Jodhpur, halben Tag mit dem Auto … quasi umme Ecke
LikeGefällt 1 Person
Was nicht war, sollte noch werden 🙂 Aber Jodhpur ist doch auch eine Nummer.
LikeLike